Bergauf nach Bormes les Mimosas: Eine Wanderung zur Chapelle Notre-Dame de Constance
Nach Bormes les Mimosas starte ich früh. Noch liegt der Campingplatz im Schatten, das Meer schimmert türkis, die Pinien rauschen leise. Ich schultre den Rucksack mit anderthalb Litern Wasser, einer Banane, ziehe festes Schuhwerk an und gehe los. Richtung: bergauf.
Vom Campingplatz aus führt der Weg zunächst durch Le Lavandou, vorbei an Bäckereien, die gerade öffnen, am Hafen mit seinen Fischkuttern und Segelbooten vorbei, dann hinaus aus dem Trubel. Die Straße steigt gemächlich an. Das Meer verschwindet hinter den ersten Hügeln. Über allem thront das Massif des Maures dunkel und schweigsam.
Bormes-les-Mimosas liegt fünf Kilometer entfernt, auf 145 Metern Höhe. Man sieht das Dorf schon von unten, während es beim Näherkommen zunächst verschwindet: Die ockerfarbenen Fassaden zwischen den Pinien und das Schloss über allem.
Bormes-les-Mimosas: ein Dorf außerhalb der Zeit
Das erste, was ich bemerke, je näher ich in den mittelalterlichen Kern komme: Es wird enger und kühler. Manche Gassen von Bormes-Village sind so schmal, dass zwei Menschen nebeneinander kaum Platz haben. Gewölbte Durchgänge unter den Häusern — Cuberts heißen sie auf Provenzalisch — führen wie kleine Tunnel durch das Dorf. Ich gehe durch einen und bin plötzlich auf der anderen Seite, habe einen Blick auf das Meer und die Inseln.
Ich gehe weiter. Die Rue Carnot hinauf, an der ältesten Tür des Dorfes vorbei. Man muss genau hinschauen. Das ist das Prinzip hier.
Dann die Kirche. Ich trete ein. Während draußen gleißende Mittagshitze herrscht, ist es innen dämmerig und kühl. Vor dem Altar brennen Kerzen. Und dann: Pachelbel. Jemand übt an der Orgel, langsam, konzentriert, als wäre die Kirche nur für ihn.
Ich setze mich und bleibe länger als geplant.
Was ich damals noch nicht wusste: Am 8. Juli 2026 wurde Bormes-les-Mimosas zum Village Préféré des Français gewählt, dem beliebtesten Dorf Frankreichs, per Zuschauerabstimmung auf France 3. Zum ersten Mal in den vierzehn Jahren Sendegeschichte gewann ein Dorf aus der Provence diesen Titel. Hunderte Borméens verfolgten die Bekanntgabe auf einem Großbildschirm auf der Place Saint-François. Darüber habe ich hier nebenan geschrieben.
Über allem thront das Schloss der Seigneurs de Fos. Vor dem Schlosstor schaut mich ein Denkmal an: Hippolyte Bouchard, 1780 hier geboren, später Held der argentinischen Unabhängigkeit. Ein Fischerssohn aus diesem kleinen Dorf mit seinen 400 Seelen, der in Buenos Aires Geschichte schrieb. In Argentinien sind Straßen nach ihm benannt. In Frankreich kennt ihn fast niemand.
Der Aufstieg — Calade, Garrigue und Glimmersteine
Der eigentliche Aufstieg zur Chapelle Notre-Dame de Constance beginnt hinter dem Dorf. 324 Meter auf einem alten Pilgerweg. Zweimal im Jahr, am 15. August und 8. September, kamen die Borméens hier hinauf zur Wallfahrt.
Sofort fällt auf: Der Weg ist gepflastert. Nicht modern und glatt, sondern es sind hochkant gestellte Steine, die quer zur Laufrichtung eingelassen sind. Regnet es, kann das Wasser seitlich ablaufen und der steile Weg bleibt griffig. Calade heißt diese römische Technik, sie ist zweitausend Jahre alt. Manche Pilger gingen hier barfuß hinauf, oder sogar auf Knien und waren auf denselben Steinen unterwegs. Ich bin dankbar für meine Wanderschuhe.
Der Weg ist markiert: weiß-rot für den GR90, gelb und blau für lokale Routen. Vier Farben insgesamt. Wenn man auf die Zeichen achtet, kann man nicht verloren gehen.
Rechts: Mimosen, deren Äste sich über den Weg beugen. Links: ein Olivenhain, in dem manche Bäume Stammdurchmesser von einem halben Meter haben. Diese Bäume knarren im Wind. Es ist ein tiefes, hölzernes Geräusch, als würden sie miteinander reden. Sie sind alt. Sehr alt. Manche könnten Jahrhunderte auf dem Buckel haben.
Der Boden glitzert. Es ist nicht Gold, sondern Glimmer. Der Glimmerschiefer des Massif des Maures, eines der ältesten Gebirge Frankreichs, enthält diese silbrig-goldenen Plättchen die in der Sonne aufleuchten, als hätte jemand Konfetti gestreut. Dazwischen weiße Quarzbänder die sich durch den dunklen Schiefer ziehen. Millimetergenau, wie gemalt. Geologie als Kunst.
Die Garrigue riecht nach August
Der Duft verändert sich mit jedem Höhenmeter. Unten, im Dorf: Bäckerei, Kaffee, Sonnencreme. Weiter oben: Kräuter. Thymian zuerst, er wächst klein und unscheinbar, aber wenn man einen Zweig streift, riecht man ihn sofort. Dann Lavendel, er trägt schon die ersten Blüten. Und Rosmarin, der hier nicht als Gewürz im Topf wächst sondern fast als Baum, hüfthoch und eigenwillig.
Dann, weiter oben, als die Kiefern beginnen und der Schatten dichter wird, kommt ein anderer Duft dazu. Er ist schwer und staubig. Wie in einem alten Kräuterladen, in dem vor lauter Trockenheit alles schon ein bisschen vergessen riecht. Die Garrigue im Mai duftet schon nach August.
Zwischen den Disteln wächst wilde Möhre, mit ihrer zarten weißen Dolde direkt neben den Stacheln. Ein Schwalbenschwanz, unverkennbar gelb, mit schwarzen Rändern, hält kurz inne über dem Thymian und flattert weg. Eidechsen verschwinden bei jedem Schritt unter Steinen.
Die Oratoires — Volksreligion am Wegesrand
Auf dem Pilgerweg stehen Oratoires. Das sind kleine gemauerte Säulen, verputzt, mit einer Nische hinter einem Gitter. Darin stehen Heiligenfiguren. Jede ist anders, jede wurde von einer anderen Hand gestiftet.
Im ersten: Franz von Paola, Schutzpatron von Bormes-les-Mimosas. Ein Mönch in Kutte, ein Kind im Arm. Er hat das Dorf 1482 vor der Pest gerettet, erzählt die Überlieferung. Hier steht er noch, zwanzig Minuten zu Fuß über dem Dorf, und schaut hangabwärts.
Im nächsten: eine Ordensnonne in schwarzem Habit, die ein Kreuz hält. Welchem Orden sie angehört, weiß ich nicht. Es gibt kein Schild, keine Inschrift. Volksreligion ist schließlich keine Kunstgeschichte.
Dann ein Mann in weißem Habit, er segnet mit der rechten Hand und hält die linke wie eine Schale geöffnet vor dem Körper. Er segnet in beide Richtungen, bergauf zu denen die noch kommen, bergab zu denen die schon gegangen sind.
Das ist nicht Kitsch. Das ist Glauben der in Stein gegossen wurde, über Jahrhunderte, von Menschen die diesen Weg kannten wie ich meinen Alltag kenne.
Der letzte Abschnitt — und eine Warnung
Der Weg wird steiler. Der Boden wechselt, hier ist nicht mehr die Calade, sondern ein ausgewaschener Pfad, tief eingeschnitten vom Regenwasser das hier über Jahrhunderte den Weg hinuntergespült hat. Der Fels gibt nicht nach. Alles Leichte ist weg.
Dazwischen einzelne Felsblöcke, manche hausgroß. An einem lehnt ein Olivenbaum , nicht neben ihm, an ihm, als würde er sich anlehnen wie ein alter Mann an eine Mauer. Aus den Ritzen des Felsens wächst Umbilicus rupestris, Nabelkraut, eine Sukkulente, die keine Erde braucht und direkt aus dem Stein kommt. Rötliche fleischige Blätter, kleine weiße Kerzenblüten. Die Pionierin.
Kurz vor der Kapelle: ein Schild. Chenilles processionnaires — Pinienprozessionsraupen. Die Brennhaare lösen sich in der Luft und können starke Allergien auslösen, bei Hunden lebensbedrohlich. Ich schaue in die Kiefern über mir. Weiße Gespinstnester, da oben. Eine Frau hat mich gewarnt, ich soll mich nicht auf die Bank vor dem Olivenbaum setzen.
Ich setze mich auf die andere Bank.
Oben gibt es den Lohn
Die Chapelle Notre-Dame de Constance steht auf den Resten eines römischen Tempels , er war der Göttin Diana geweiht, der Schutzherrin der Wälder und schon vor zweitausend Jahren heilig. Im Zweiten Weltkrieg war hier Beobachtungsposten, immer noch liegen Betonfundamente im Boden, sie sind halb überwuchert. Römer, Christen, Soldaten. Alle waren hier oben.
Die Kapelle ist heute verschlossen. Ich gehe einmal drumherum und setze mich auf die Bank im Vorraum. Ich esse meine Banane. Trinke Wasser. Ein Pärchen mit einem Riesenpudel sitzt auf der anderen Bank. Wir nicken uns zu. Keine Worte nötig.
Dann nach oben zum Aussichtspunkt, der Wind pfeift, und ich schaue mich einmal um.
Und dann sehe ich alles.
Im Süden: das Meer. Türkis, blau, dunkelblau, je nach Tiefe und Licht. Die Inseln Île du Levant, Port-Cros, Porquerolles liegen wie drei flache dunkle Striche auf dem Azur.
Im Norden: das Massif des Maures, dunkel bewaldet, fast undurchdringlich. Dort oben, in diesem Wald, haben sich 1944 die Maquisards versteckt. Ihr Einsatz war für die Landung in der Provence entscheidend.
Der Abstieg — die Calade zurück
Ich nehme den Abstieg über die Calade. Es sind dieselben Steine, jetzt von oben betrachtet. Abwärts ist anders als aufwärts. Man sieht weiter, schaut öfter auf das Meer statt auf den Boden. Die Oratoires kommen wieder, jetzt von der anderen Seite und Franz von Paola schaut jetzt hangaufwärts.
Der Weg den die Pilger hinaufgegangen sind und ich hinuntergehe ist nicht der Weg eines Tages. Er ist der Weg von Jahrhunderten. Römer haben die Calade gelegt. Pilger haben sie abgetreten. Bauern, Händler, Maquisards, Präsidenten auf dem Sonntagsweg in die Kirche, sie alle sind hier gelaufen.
Unten in Bormes-les-Mimosas kaufe ich im kleinen Laden eine Flasche Wasser nach. Die Frau an der Kasse fragt ob ich von oben komme. Ich sage ja.
C’est beau, sagt sie. Es ist schön.
Das ist alles was es dazu zu sagen gibt.