Kloster Chorin: Backstein, Licht und der Gesang, der in den Mauern blieb
Kloster Chorin im Februar, das sind kahle Bäume, kalte Mauern und die Frage, warum die Mönche in Brandenburg ausgerechnet mit Backstein bauten. Chorin am Ufer des Amtssees in der Uckermark ist Zisterzienserkloster, Schlüsselwerk der norddeutschen Backsteingotik, restauriert von Karl Friedrich Schinkel.
Es war Februar, und damit kein Blatt an den Bäumen, kein Grün in Sicht, nur diese flache, offene Kälte, die einem in der Uckermark entgegenkommt, sobald man aus dem Auto steigt. Passend eigentlich, für eine Klosterruine. Während so ein altes Gemäuer im Sommer mit Sonne auf dem Backstein und Besuchern auf den Wiesen deutlich wärmer und freundlicher wirkt, bekomme ich im Februar etwas anderes. Die Anlage ist pur und geradlinig, ganz ohne jede Ablenkung.
Rote Mauern gegen grauen Himmel
Kloster Chorin liegt am Ufer des Amtssees, umgeben von Wald, neun Kilometer nordöstlich von Eberswalde. Gegründet wurde es 1258 von den brandenburgischen Markgrafen unter dem Namen Mariensee ein Stück weiter östlich am Parsteiner See. Vielleicht taugte der Boden nicht viel, vielleicht gab es auch andere Gründe, das Kloster wurde jedenfalls nur wenige Jahrzehnte später an seinen heutigen Platz verlegt. Der Bau der Klosterkirche begann 1273 und zog sich über Jahrzehnte hin.
Der ursprüngliche Standort, der Parsteiner See, war mir schon lange vor dem Kloster ein Begriff. Vier Jahre habe ich im Internat in Cöthen verbracht, einem Ortsteil von Falkenberg, nicht weit entfernt. Mit meinem Onkel fuhr ich in dieser Zeit zum Zelten zum Parsteiner See, einmal auch mit dem Fahrrad. Auf dieser Fahrt rutschte ich in einer Kurve auf losem Split weg und stürzte, so gründlich, dass ich seitdem in Kurven immer eine Spur vorsichtiger unterwegs bin. Als ich Jahre später vor Chorin stand und las, dass die Mönche ihr erstes Kloster genau an diesem See gegründet hatten, bevor sie es nach Chorin verlegten, fühlte sich das an wie ein kleiner Kreis, der sich schließt. Dieselbe Landschaft, nur mit ein paar Jahrhunderten Abstand.
Slawisches Land, deutsche Mark
Wer 1258 an dieser Stelle ein Kloster gründete, tat das nicht in menschenleerem Gebiet. Nur wenige Generationen zuvor war die Gegend noch slawisch besiedelt. Hier lebten Stämme wie die Hevellern, deren Fürstenburg an der Havel dem ganzen späteren Land seinen Namen gab. Brandenburg, in frühen Belegen Brendanburg oder Brennaburg genannt, ist vermutlich slawischen Ursprungs. Wörtlich heißt es vielleicht so viel wie sumpfige Burg. Die Bezeichnung überlebte den Herrschaftswechsel und wurde von den einwandernden Sachsen einfach eingedeutscht.
Für den Herrschaftswechsel selbst sorgte Albrecht der Bär, der erste askanische Markgraf, zunächst auf recht friedlichem Weg. Sein Sohn Otto I. bekam eine Landschaft südwestlich Berlins als Patengeschenk, später die Brandenburg als Erbschaft des kinderlosen, bereits christianisierten Hevellerfürsten Pribislaw-Heinrich. Barnim und Uckermark, die Landschaften, in denen Chorin liegt, kamen dann zwei, drei Generationen später hinzu, um 1245 durch einen Kriegssieg gegen die Wettiner, und die Uckermark 1250 durch einen Vertrag mit den Pommernherzögen. Chorin wurde also in frisch erworbenem Grenzland gegründet, kaum ein Jahrzehnt, nachdem es überhaupt erst an die Askanier gefallen war.
Siedler aus dem Westen
Die slawische Bevölkerung blieb, vermutlich rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung, und vermischte sich über Generationen mit den Siedlern, die aus dem Westen des Reichs nachkamen. Diese kamen keinesfalls nach Gutdünken, schließlich waren sie in ihrer Heimat an ihre Grundherren gebunden. Sie kamen, weil ihnen die ostelbischen Landesherren ein echtes Angebot unterbreitet haben, über sogenannte Lokatoren. Für die Urbarmachung vom einer sumpfigem, bewaldeten Gegend bekamen sie eigenes Land, persönliche Freiheit und fest kalkulierbare Abgaben.
Klöster wie Chorin gaben selbst solche Ansiedlungen in Auftrag, sie brauchten Bauern, die das Land bestellten, und Konversen, die es bewirtschafteten. Das Kloster war damit nicht nur ein frommer Rückzugsort in der Wildnis, wie man beim Anblick der stillen Ruine heute vielleicht meint. Es war handfestes Werkzeug, mit dem die junge Mark Brandenburg wirtschaftlich und siedlungsmäßig gefestigt wurde.
Was mich an Chorin sofort packt, ist die Farbe. Diese roten Backsteinmauern, die schon aus der Ferne leuchten, selbst unter einem Februarhimmel, der alles andere in Grau taucht. Ich gehe am See entlang, umrunde die Anlage einmal komplett, und die Fassade baut sich langsam auf. Gestaffelte Giebel, spitzbogige Fenster und eine filigrane Ornamentik.
Warum eigentlich Backstein?
Die naheliegende Vermutung wäre: es gab zu wenig Holz für Fachwerk. Stimmt aber nicht. Der eigentliche Grund liegt woanders. In der norddeutschen Tiefebene fehlt es an brauchbarem Naturstein. Sandstein oder Kalkstein muss von weit her transportiert werden. Die Mark Brandenburg war von diesem Mangel besonders betroffen. Selbst der Weg zur Ostsee, über den ein Antransport möglich gewesen wäre, war zu weit. Also fanden die mittelalterlichen Baumeister eine Alternative. Sie brannten den hier reichlich vorhandenen Lehm zu Ziegeln. Für die sattrote Farbe sorgte das Eisen im Ton.
Aus dieser ganz eigenen Not heraus entstand ein ganz eigener Baustil. Chorin gilt als eines der frühesten gotischen Bauwerke in Brandenburg und als Schlüsselwerk der norddeutschen Backsteingotik. Während die großen Kathedralen in Köln oder Paris aus Naturstein errichtet waren, mussten die Baumeister hier dieselbe gotische Formensprache, dieselben filigranen Verzierungen, in Ton übersetzen. Das gelang so gut, dass sich viele Kirchen in der Umgebung später an der Bauweise des Klosters Chorin orientierten.
Eine kalte Kirche und die Zeitlosigkeit des Gesangs
In der Ruine der Klosterkirche ist es im Februar bitterkalt. Die Mauern halten die Kälte fest, genauso wie im Sommer die Hitze. Ich stehe da, lege den Kopf in den Nacken, und über mir wölbt sich dieser gewaltige gotische Raum mit seinen hohen, schmalen Fenstern. Die Höhe, das viele Licht, das war weder Zufall noch reine Stilfrage. Fiel durch mehr und größere Fenster auch mehr Licht in den Raum, fühlten sich die Menschen nach dem mittelalterlichen Verständnis näher am Göttlichen. Die gotischen Baumeister errichteten ihre Kirchen als Abbild des Himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes, jener Stadt aus Licht und Edelsteinen, wie sie am Ende der Bibel beschrieben wird. Jedes Fenster, jeder Lichteinfall ist wie eine kleine Übersetzung dieses Bildes in Stein und Glas.
Dieser Raum eignete sich gleichzeitig hervorragend von seiner Akustik für den Chorgesang der Mönche, der hier über Jahrhunderte den Tagesablauf strukturierte.
Und genau das ist vielleicht das Schönste an solchen Räumen. Die alten liturgischen Gesänge, choral, ohne festen Takt im modernen Sinn, zogen sich in langen Bögen durch den Raum. Sie brauchten keine Uhr. Das Zeitgefühl verschwindet, wenn ich mir vorstelle, dass fast 500 Mönche über Jahrhunderte hinweg sangen. Der Rhythmus richtete sich nach Licht und Dunkel, nach dem Ablauf des Kirchenjahres. Die Steine tragen das offenbar noch in sich. Auch ohne einen einzigen Ton in der Ruine habe ich das Gefühl, dieser Klang stecke noch irgendwo in den Wänden, gefroren wie die Kälte selbst.
Ein Orden, der Schmuck ablehnte
In Chorin lebten Zisterzienser, ein Orden mit einer eigenen, sehr konsequenten Idee davon, wie ein Kloster auszusehen hat. Entstanden ist er 1098 im französischen Cîteaux, als eine Gruppe von Benediktinern ihr Mutterkloster Cluny verließ. Das Ursprungskloster war inzwischen zu Reichtum und Einfluss gekommen und hatte dabei das ursprüngliche Ideal der Einfachheit und der Arbeit mit den eigenen Händen verloren. Geprägt wurde der Orden vor allem von Bernhard von Clairvaux, der die Regel als Gegenentwurf zum prunkvolleren Cluny bewusst streng und asketisch auslegte,.
Diese Haltung zeigt sich noch heute in den Ruinen von Chorin. Bernhard forderte Schlichtheit in der Bauweise, in den liturgischen Geräten, in Kleidung und Lebensstil, Skulpturen und aufwendige Ausschmückung waren verpönt. Kein Gold, keine bunten Fresken, kein Prunk. Was blieb, war die reine Form: Backstein, Spitzbogen, Licht.
Chormönche und Konversen
Es gab im Kloster zwei sehr unterschiedlichen Gruppen von Mönche. So gab es zum einen die Chormönche im weißen Habit, meist gebildet, zuständig für Gottesdienst, Chorgebet und die Arbeit im Scriptorium. Außerdem gab es die Konversen, Laienbrüder in dunklerem Gewand. Oft kamen diese aus einfacheren Verhältnissen und waren zuständig für Handwerk, Landwirtschaft und damit die Bewirtschaftung der klostereigenen Höfe. In guten Zeiten des Ordens lebten gut doppelt so viele Konversen wie Chormönche in Chorin, anders hätte sich das kontemplative Leben der Chormönche gar nicht finanzieren lassen.
Die Chormönchen kümmerten sich aber um mehr als Gebet und Abschreiben alter Texte. Weil in weiten Teilen des Mittelalters kaum jemand außerhalb der Klöster lesen und schreiben konnte, blieb medizinisches Wissen fast vollständig in klösterlicher Hand. Neben dem Kreuzgarten und dem Gemüsegarten unterhielten die Klöster deshalb eigene Kräutergärten, meist nah am Krankentrakt gelegen. In diesen wuchsen Kamille, Melisse, Johanniskraut und andere Heilpflanzen für die eigene Apotheke. Was heute wie ein romantisches Detail wirkt, war damals ziemlich handfeste Daseinsvorsorge für die gesamte Umgebung: Bildung, Krankenpflege und Arzneikunde waren über Jahrhunderte feste Domaine der Klöster.
Vielleicht wirkt Chorin gerade deshalb so eindrücklich, auch als Ruine noch. Die Zisterzienser wollten nie durch Reichtum beeindrucken, sondern durch Klarheit. Genau die spürt man dort im Februar am stärksten, wenn nichts von den nackten Mauern ablenkt.
Was von den Mönchen blieb
Zur Blütezeit des Klosters im Mittelalter lebten in Chorin fast 500 Chormönche und Konversen. Nach der Reformation wurde das Kloster 1542 aufgelöst, diente anschließend als Kammergut, Steinbruch, Domäne. Weil man das Dach abgedeckt hatte, um daraus Baumaterial für ein Gymnasium zu gewinnen, stürzten im 17. Jahrhundert Teile der Gewölbe ein. Was heute steht, verdankt sich vor allem dem 19. Jahrhundert: Karl Friedrich Schinkel setzte sich für die Restaurierung der Ruine ein. Aus einem langsam verfallenden Steinbruch wurde ein Denkmal.
Erhalten blieben bis heute unter anderem der Westflügel der Klausur, der Kapitelsaal, der Fürstensaal und der bedeutende westliche Kreuzgangflügel mit seinem Kreuzrippengewölbe. Im Sommer ist es belebter, besonders während des Choriner Musiksommers. Das ist das Gegenteil von dem, was ich im Februar erlebt habe. Aber vielleicht ist gerade die kalte Version die ehrlichere. Ohne Konzert, ohne Café-Betrieb, nur der Wind vom See und die roten Mauern, die sich ohnehin selbst genug sind.
FAQ zu Kloster Chorin
Wo liegt Kloster Chorin?
Kloster Chorin liegt am Amtssee im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, etwa neun Kilometer nordöstlich von Eberswalde in Brandenburg.
Warum wurde Kloster Chorin aus Backstein gebaut?
Weil es in der norddeutschen Tiefebene an ausreichend Naturstein fehlte. Lehm dagegen war reichlich vorhanden, sodass die Baumeister ihn zu Ziegeln brannten. So entstand die norddeutsche Backsteingotik, deren frühes Schlüsselwerk Chorin ist.
Wer hat Kloster Chorin gegründet?
Die brandenburgischen Markgrafen gründeten das Kloster 1258 zunächst unter dem Namen Mariensee am Parsteiner See. Wegen ungünstiger Bodenverhältnisse zog es an seinen heutigen Standort in Chorin um, der Bau der Klosterkirche begann 1273.
Wer hat Kloster Chorin restauriert?
Der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel setzte sich im 19. Jahrhundert für die Rettung der verfallenden Ruine ein und legte damit den Grundstein für die heutige Denkmalpflege der Anlage.