Hamburg zwischen Regen und Sonne
Ein Hamburg-Wochenende zwischen Sonne und Schmuddelwetter lohnt sich: ein goldener Abend an der Elbphilharmonie, die Speicherstadt, das Miniatur Wunderland, der begehbare Flakbunker an der Feldstraße mit Dachgarten und ein Fischbrötchen an der Alster – bei jedem Wetter.

Der Regen überraschte nicht. Er bestätigte nur den Ruf. Hamburg, hieß es, habe sein Schmuddelwetter nicht umsonst. In den Tagen dort wehte der Wind so beharrlich vom Wasser her, dass jeder Schirm nach zwei Straßenecken kapitulierte. Also gingen wir anders durch die Stadt. Wir wollten sie nicht mehr sehen, nur durchstehen. Erst später begriff ich: Auch das ist eine Art, sie kennenzulernen.

Dabei fing es anders an. Am ersten Abend, kaum angekommen, zog es uns zur Elbphilharmonie. Ausgerechnet da brach die Sonne durch. Tief stehend, golden. Eine Ausnahme, gemacht für diesen einen Spaziergang. Wir gingen hinein, oben einmal herum und von unten einmal komplett um das Gebäude. Die geschwungene Glasfassade über den alten Kaispeicher-Mauern. Von der Plaza aus lag die Speicherstadt im Abendlicht, ein Vorgeschmack auf das, was wir in den nächsten Tagen im Regen wiedersehen würden. Für diese eine Stunde war Hamburg das Postkartenmotiv, das es später nicht mehr sein wollte.
Nikolaifleet, Nikolaikirche, Nikolaihotel

Die Nächte verbrachten wir im Nikolaihotel, direkt am Nikolaifleet, einem der alten Kanäle der Altstadt. Der Name gilt dem Fleet, führt aber zur Kirche, deren Turm wir vom Fenster aus sahen. Fleet, Kirche und Kirchspiel tragen den Namen des Heiligen Nikolaus von Myra, Schutzpatron der Seefahrer, Reisenden und Kaufleute. Wen sollte es wundern, dass er auch Schutzpatron einer Hafen- und Hansestadt wie Hamburg ist.
Von der Kirche St. Nikolai steht heute nur ein schlanker Turm über einer Ruine. Die Kirchenschiffe verbrannten 1943 in den Bombennächten der „Operation Gomorrha“. Der Turm ragte fast unversehrt über dem Trümmerfeld.
Nach dem Krieg stritt man lange über Sinn und Zweck der Reste; 1977 wurde die Ruine als Gedenkstätte für die Bombenopfer eingeweiht. Heute trägt ein gläserner Panoramalift Besucher auf eine Aussichtsplattform in 76 Metern Höhe. Man blickt vom zerschossenen Wahrzeichen auf eine Stadt, die sich neu erfunden hat. Ein Hotel, das den Namen einer Ruine trägt, und niemand findet es seltsam: auch das ist Hamburg.
Zurück von der Elbphilharmonie, noch am selben Abend, stolperten wir in die nächste Überraschung. Um die Ecke vom Hotel, bei St. Katharinen, war ein Fest im Gange. Eine Band spielte. Auf dem Platz wurde getanzt. Es gab Bier, Bratwurst und anderes. Es duftete gut. Wir setzten uns dazu. Es war einfach schön: die Musik, die fröhlichen Menschen, der Bratwurstduft in der Abendluft. Solche Momente lassen sich nicht planen. Man muss nur zur rechten Zeit an der rechten Ecke vorbeikommen.
Hamburg: Die Speicherstadt ist Weltkulturerbe

Von dort ist es nicht weit in die Speicherstadt. Selbst im Regen, vielleicht gerade im Regen, ähnelt Hamburg dort am meisten sich selbst. Der größte zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt, ab 1883 auf Eichenpfählen ins Wasser gebaut. Rote Backsteingiebel neben roten Backsteingiebeln, dazwischen schmale Fleete und eine Brücke nach der nächsten. Hinter den dicken Mauern lagerten einst Kaffee, Tee, Gewürze, Tabak. Heute ist ein Teil Museum, ein Teil Ausstellung, ein Teil einfach nur schön anzusehen. Seit 2015 gehört das Ensemble zum UNESCO-Welterbe. Beim Durchlaufen spürt man das erst, wenn man begreift, wie viel Handelsgeschichte und Ingenieurskunst in diesen Häusern auf Pfählen steckt. Wir liefen von Brücke zu Brücke. Die Backsteine dunkel vom Regen, fast schwarz. Das gab ihnen eine Ernsthaftigkeit, die sie im Sonnenschein vielleicht nicht hätten.
Das Miniatur Wunderland

In einem dieser Speicher, mitten im Viertel, liegt das Miniatur Wunderland.
Wir standen vor Landschaften im Maßstab 1:87 und sahen Züge durch eine märchenhafte Schweiz fahren, während draußen die echte Stadt im Regen versank. Dann brach die Nacht herein, und der Vesuv erwachte. Der Tag-Nacht-Zyklus läuft nicht nur in Italien, sondern über die ganze Anlage, etwa alle fünfzehn Minuten. Überall gehen gleichzeitig die Lichter aus, Straßenlampen springen an, Züge ziehen mit beleuchteten Fenstern durchs Dunkel. Ein magischer Anblick, vorbei so schnell, wie er kam, wenn nach einer Viertelstunde überall wieder Tag wird.
In Italien brodelt der Vesuv
Mittendrin, im Abschnitt Italien, die immer gleiche Szene: Rauch steigt auf, der Vulkan brodelt, dann läuft rot beleuchtete, zäh wirkende Lava ab, begleitet von einem Rumpeln, das in den Boden fährt. Die Hänge hinunter Richtung Pompeji, während ringsum die Kleinstadt weiterlebt, als wäre nichts geschehen. Eine Katastrophe im Taschenformat, choreografiert bis ins Detail und zuverlässig genug, dass man nur ein paar Minuten warten muss. Man steht davor wie ein Kind, obwohl man weiß, dass in gut Viertelstundenfrist die nächste Eruption folgt. Es gibt einen Schwindel, der einen packt, wenn man aus der verkleinerten Welt wieder hinaustritt in die wirkliche. Als hätte man kurz die Perspektive eines Gottes gehabt und müsste sie nun abgeben. Kinder, heißt es, lieben diese Ausstellung. Erwachsene, glaube ich, lieben sie aus einem anderen Grund: weil sie für eine halbe Stunde Kontrolle über eine Welt gewährt, die draußen keine bietet.
Die Reeperbahn

Am Mittag die Reeperbahn. Bei Tageslicht, was ihr, man muss es sagen, nicht steht. Die Straße, die nachts ihre Rollen souverän spielt, wirkt tagsüber wie ein Bühnenbild zwischen zwei Vorstellungen. Die Fassaden dieselben, das Versprechen dahinter abwesend. Wir liefen sie trotzdem ab, nass bis auf die Haut. Es hatte etwas Ehrliches, die Kulisse ohne ihr Licht zu sehen. Manche Orte brauchen die Dunkelheit, um zu funktionieren. Am Tag zeigen sie, woraus sie bestehen.
Der Hochbunker an der Feldstraße
Dann der Bunker. Hoch über der Stadt, nicht unter ihr. Der Flakturm IV an der Feldstraße, im Krieg von Zwangsarbeitern gebaut. Dreieinhalb Meter dicke Wände. Gedacht für 18.000 Menschen, im Sommer 1943 vollgestopft mit 25.000. Sprengen lässt er sich nicht, stellte man nach dem Krieg fest: Die Wucht hätte das halbe Viertel mitgerissen. Also blieb er stehen.
Erst Notunterkunft für Ausgebombte und Obdachlose, später regulär bewohnt, dicht an dicht hinter meterdicken Mauern. Seit vergangenem Jahr führt ein 560 Meter langer „Bergpfad“ spiralförmig um den Koloss, vom Boden bis aufs Dach. Oben liegt ein knapp anderthalb Hektar großer Garten. Man steigt und steigt, vorbei an Terrassen mit jungen Bäumen, und merkt erst nach ein paar hundert Metern, wie die Beine es merken. Bei Schmuddelwetter wird der Spaziergang zur kleinen Vorsichtsübung. Die Stufen glänzten vom Regen; wir gingen langsamer, als der Blick über die Stadt es verdient hätte. Oben, zwischen Gräsern und Sträuchern, der seltsame Doppelblick: unter den Füßen ein Bauwerk für den Tod, darüber, buchstäblich auf den Kriegsjahren gewachsen, ein Garten.
Fischbrötchen an der Alster
Auf dem Rückweg ins Hotel kamen wir an der Alster vorbei. Grau, aufgeraut vom Wind, die Segelboote längst an Land. Dazwischen meldete sich der kleine Hunger. In Hamburg gibt es dafür eigentlich nur eine Antwort: ein Fischbrötchen. Im Stehen gegessen, den Schirm in der einen, die Serviette in der anderen Hand, während der Matjes tropft und der Regen von der Seite kommt. Das geht auch bei Schmuddelwetter, vielleicht sogar besser. Man schmeckt das Salz doppelt, wenn man selbst schon nass ist.

Es war nur ein Wochenende, ganz privat. Die Hafenrundfahrt ließen wir aus. Ein Dutzend andere Dinge wohl auch, die man in zwei, drei Tagen ohnehin nicht alle sieht. Doch gerade ohne Programm blieb Platz für das Fischbrötchen im Regen und den Weg an der Alster.
Was bleibt von so einer Reise? Vielleicht dies: eine Stadt, die sich nicht auf ein Wetter festlegen ließ. Ein goldener erster Abend an der Elbphilharmonie, später wie ein Versprechen, das der Regen großzügig einlöste. Ein Hotelname, der von einer zerstörten Kirche erzählt. Nasse Backsteine in der Speicherstadt und mittendrin eine Modellwelt, in der Vulkane ausbrechen. Ein Bunker, der die Angst von damals in einen Garten verwandelt hat. Eine berühmte Straße, die man am helllichten Tag ihres nächtlichen Zaubers entkleidet sah. Und ein Fischbrötchen im Regen an der Alster, das mit nichts davon konkurrieren musste. Hamburg zwischen Sonne und Regen. Beides gehörte dazu. Beides war genau das richtige Hamburg.
FAQ zum Wochenende in Hamburg
Was kann man in Hamburg bei schlechtem Wetter unternehmen?
Viele der schönsten Ziele liegen drinnen oder unter freiem Himmel mit Wetterschutz: das Miniatur Wunderland in der Speicherstadt, der Aufstieg über den begehbaren Bergpfad des Flakbunkers an der Feldstraße, ein Spaziergang durch die Speicherstadt selbst sowie ein Fischbrötchen unterwegs, das sich problemlos unter dem Schirm essen lässt.
Was hat es mit dem Nikolaihotel und der Nikolaikirche auf sich?
Das Hotel liegt am Nikolaifleet, einem Altstadtkanal, und ist danach benannt – nicht direkt nach der Kirche. Fleet und Kirche gehen aber auf denselben Namenspatron zurück, den Heiligen Nikolaus. Die St.-Nikolai-Kirche selbst wurde 1943 bei den Luftangriffen der „Operation Gomorrha“ zerstört; nur der Turm blieb erhalten und dient seit 1977 als Mahnmal, mit Panoramalift zu einer Aussichtsplattform in 76 Metern Höhe.
Wo befindet sich das Miniatur Wunderland?
Das Miniatur Wunderland liegt in einem der historischen Lagerhäuser der Speicherstadt, dem größten zusammenhängenden Lagerhauskomplex der Welt und Teil des UNESCO-Welterbes.
Wie oft bricht der Vulkan im Miniatur Wunderland aus?
Im Abschnitt Italien bricht der Vesuv bei Pompeji jedes Mal aus, wenn im Tag-Nacht-Zyklus der Anlage die Nacht hereinbricht – also etwa alle 15 Minuten. Wer davorsteht, muss meist nur kurz warten, bis Rauch aufsteigt und Lava die Hänge hinunterläuft.
Was ist der Bunker an der Feldstraße?
Es handelt sich um den Flakturm IV, einen im Zweiten Weltkrieg errichteten Hochbunker mit meterdicken Wänden. Da eine Sprengung das umliegende Viertel gefährdet hätte, blieb er stehen – und wurde, weil in der zerbombten Stadt Wohnraum knapp war, erst Notunterkunft für Ausgebombte und Obdachlose, später regulär von zivilen Mietern bewohnt, dicht an dicht hinter den meterdicken Wänden. Heute führt ein rund 560 Meter langer, spiralförmiger „Bergpfad“ außen am Gebäude hoch bis zu einem Dachgarten.