Ischgl. Hinter der Legende
Ischgl in Tirol ist eines der bekanntesten Skigebiete der Welt mit 238 Kilometer Piste, verbunden durch 46 Lifte, schneesicher von Ende November bis Anfang Mai reicht es bis zum zollfreien Samnaun in der Schweiz. Hinter dem Glamour steckt eine Geschichte, die kaum jemand kennt.
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Silvretta Arena · 2.872 m · 238 km Piste
Ischgl. Hinter der Legende

Es gibt Orte, deren Ruf man kennt, bevor man ankommt. Ischgl ist so ein Ort. Après-Ski, Konzerte auf dem Berg, Glamour in 2.300 Metern Höhe. Aber der Ruf allein erzählt nicht die Geschichte. Die beginnt nämlich noch sehr viel früher: Mit 40-Kilo-Rucksäcken und Touren durch Nacht und Schnee.
Nacht, Schnee und 40 Kilo auf dem Rücken
Nach dem Krieg war die ganze Gegend rund um das Paznaun arm. Es war nicht dramatisch, immerhin gab es genug zu essen, schließlich hatten die Bauern Land und Vieh. Trotzdem fehlte vieles: Kaffee, Tabak, Süßstoff, Seidenstrümpfe. Das alles gab es im Zollfrei-Ort Samnaun, drüben in der Schweiz. Und zwischen Ischgl und Samnaun lag nur ein Berg. Ein großer Berg, zugegeben, Teil des Silvretta-Gebirges mit immerhin 74 Dreitausendern. Also packten die Männer des Dorfes ihre Rucksäcke, mit denen sie bis zu 40 Kilo Gewicht tragen konnten. Dabei starteten sie mitten in der Nacht, gegen zwei Uhr. Für den Hin- und Rückweg brauchten sie insgesamt zehn Stunden. Damit die Zöllner sie nicht sahen, gingen sie bei Schnee und schlechtem Wetter. Trugen Butter und Käse in die Schweiz, kehrten mit Kaffee und Tabak zurück nach Österreich. Denn wer erwischt wurde, verlor alles.
Der erste Skilift mit Geld aus dem Schmuggel
Ein ehemaliger Schmuggler, Emil Zangerl, hat das alles erzählt und aufgeschrieben. Und er berichtete auch, was mit dem Geld passierte. Die Männer nutzten es nämlich nicht nur für sich privat, sondern hatten bis 1952 genug für etwas angespart, das die Geschichte des Dorfes für immer verändern sollte.
Den ersten Skilift von Ischgl finanzierten die Schmuggler mit dem Geld aus den nächtlichen Touren über die Grenze. Das ist kein Mythos, sondern gelebte Zeitzeugengeschichte.
Heute fährt man dieselbe Route als Schmugglerrunde, in drei Varianten: Bronze (25 km), Silber (45 km) oder Gold (61,8 km, 13.740 Höhenmeter). Was früher ein lebensgefährlicher Überlebenstrick war, ist heute ein Skiabenteuer.
Schmuggel war in den Alpentälern üblich
In den Alpentälern war Schmuggel keine Seltenheit, ich kannte es schon aus dem Allgäu. Dort führt heute der sogenannte Schmugglersteig als Erlebniswanderung vom Iseler in Oberjoch über die Grenze zum Wannenjoch in Tirol und erinnert an diese Zeit. Insgesamt sind das gut vier Kilometer, eine Wanderung für zwei bis drei Stunden, und mit Spielstationen für die Kinder. Man kann dabei sogar in die Rolle des Schmugglers schlüpfen und bekommt am Ende einen Schmugglerpass. Früher war das jedoch bitterer Ernst. Und die Not in den Tiroler Tälern zeigte sich noch auf andere Weise. Bis in die 1920er Jahre wurden Kinder aus armen Bergbauernfamilien, die sogenannten Schwabenkinder, alljährlich über verschneite Pässe nach Schwaben geschickt und dort auf Kindermärkten in Ravensburg an Bauern als billige Arbeitskräfte vermittelt. Das betraf jedes Jahr bis zu 6.000 Kinder. Nicht alle kamen nach Hause zurück.
Film: Schwabenkinder
Der Fernsehfilm „Schwabenkinder” von Regisseur Jo Baier aus dem Jahr 2003, mit Tobias Moretti in einer der Hauptrollen, hat dieses düstere Kapitel eindrucksvoll verfilmt. Die Armut in diesen Tälern war real. Dass die Männer von Ischgl daraus einen Ausweg fanden, und das Geld in etwas Bleibendes investierten, hat mich wirklich bewegt.
73 Bauern und eine Wiese am Ortsrand

Am 18. April 1961 trafen sich 73 Männer, die meisten von ihnen waren Bauern aus Ischgl und der näheren Umgebung. Sie legten ihr Geld zusammen und gründeten die Silvrettaseilbahn AG.
Denn sie wollten eine richtige Seilbahn bauen. Auf einer Wiese am Ortsrand entstand die Talstation, auf der Idalp, in 2.320 Metern Höhe die Bergstation. Sechs Wochen nach der Gründungsversammlung waren die Bauaufträge bereits vergeben und im Herbst desselben Jahres fuhren die ersten Gondeln nach oben.
Damals freilich konnte noch niemand ahnen, dass die 73 Männer damit den Grundstein für eines der erfolgreichsten Skigebiete der Welt legten. Heute transportiert die Silvrettaseilbahn AG jährlich 17 Millionen Menschen auf diese Berge mit insgesamt 46 Liften, 239 km Piste, und beschäftigt über 500 Mitarbeiter.
Silvrettaseilbahn AG
Das Kapital gehört immer noch überwiegend der Region selbst. Die Gemeinde Ischgl hält knapp 28 Prozent, der Gemeindeverband Paznaun rund 22 Prozent. Damit bleiben die Gewinne im Tal, und werden reinvestiert. Seit der Gründung wurden über 600 Millionen Euro in die Infrastruktur gesteckt, ohne je in die roten Zahlen zu geraten.
Wer heute durch die Talstation der Silvrettabahn geht, sieht die Namen der alten Paznauntaler Familien auf einer Tafel verewigt.
Mich hat daran am meisten beeindruckt, dass sich 73 Menschen aus einem einzigen Tal so einig waren. Und dass sie das Kapital nicht einfach rausgezogen und für sich selbst verwendet, sondern es immer wieder reinvestiert haben. Das ist nicht selbstverständlich, sondern eigentlich ziemlich außergewöhnlich.
Eine Stimme Mehrheit
Es gibt Entscheidungen, die von einer einzigen Stimme abhängen. Nicht von einer Person, die über alles bestimmt, sondern von diesem einen Moment, in dem sich die Waagschale auf eine Seite neigt.
Es war also 1995. Günther Aloys, Sohn des Silvrettabahn-Mitgründers Erwin Aloys, trug seine Idee vor dem Tourismusverband vor: Er wollte, dass auf dem Berg ein Weltklasse-Konzert stattfindet. Auf 2.300 Metern Höhe, im Schnee, mit einem der bekanntesten Musiker der Welt. Es würde Millionen kosten und niemand konnte vorhersagen, ob es funktionieren oder sich gar rentieren würde. Die Entscheidung fiel mit einer einzigen Stimme Mehrheit. Eine einzige Stimme für den Auftritt von Elton John, und die Geschichte von Ischgl nahm richtig Fahrt auf.
Elton John war der erste
Der britische Konzertveranstalter Andrew Zweck, ein Live Aid-Veteran mit den richtigen Kontakten, organisierte den Auftritt. Und so spielte an einem verschneiten Nachmittag im April 1995 Elton John Klavier auf der Idalp. Tausende Skifahrer in Skischuhen standen im Schnee davor.
Die Zeitungen schrieben seitenweise darüber. Und Ischgl hat seitdem nie aufgehört. Es kamen: Robbie Williams. Lenny Kravitz. Kings of Leon. Helene Fischer, alle waren auf dem Berg. Der Eintritt ist meistens im Skipass inbegriffen, man kauft ein Ticket für die Piste und bekommt einen Konzertabend dazu.
Ibiza der Alpen
Heute jedoch wird Ischgl das „Ibiza der Alpen” genannt. Es gibt im Ort über 30 Bars und Clubs, in denen ab halb zwei Après-Ski gefeiert wird, die ganze Saison über, 160 Tage lang. Alles begann damit, dass ein Tourismusverband mit einer einzigen Stimme Mehrheit das größte Wagnis seiner Geschichte beschloss.
Ein Konzert habe ich in Ischgl selbst noch nicht erlebt. Aber wer durch den Dorftunnel geht oder mit dem Förderband drin fährt, sieht an den Wänden die Geschichte der Konzerte, die Gesichter von allen, die je auf dem Berg gespielt haben. Und vor der Touristinformation sind Sterne im Pflaster eingelassen, wie ein kleiner Hollywood Walk of Fame.
238 Kilometer, zwei Länder, ein Plateau
238 Kilometer Piste. 46 Lifte. Dabei liegt der einen Seite Österreich, auf der anderen die Schweiz und die Silvretta Arena verbindet Ischgl mit dem zollfreien Samnaun. Man fährt über die Grenze, kauft drüben ein, und fährt zurück. Ganz legal, auf Skiern, mit Liften.
Der höchste Punkt des Skigebietes liegt auf 2.872 Metern. Und die Idalp auf 2.320 Metern ist der fulminante Mittelpunkt, in dem sich die Lifte treffen. Hier sind einige der großen Restaurants, und hier finden die Konzerte statt. Von der Talstation der Silvrettabahn mit der A1-Gondel dauert es nur zehn Minuten Fahrzeit.
Das Gebiet gilt als schneesicher, Ende November beginnt typischerweise die Saison, das Closing ist dann Anfang Mai. Die Schmugglerrunde in der Gold-Variante ist dann schon etwas für erfahrene Fahrer mit Ausdauer. Sie führt über eine Länge von 61,8 km, auf der insgesamt 13.740 Höhenmeter bewältigt werden. Das ist ein kompletter Tag auf den Pisten.
Was mich als Anfängerin am meisten überrascht hat, ist, wie vielseitig das Gebiet ist. Ich bin noch längst keine Expertin auf Skiern, komme aber in Ischgl trotzdem schon erstaunlich weit. Blaue Pisten, erste rote, und die Schmugglerrunde Bronze. Und dann natürlich die Berge. Die sind einfach, nun ja, super.
Meine Geschichte: Vom fliegenden Teppich zur Schmugglerrunde
Mit über fünfzig Jahren stand ich zum ersten Mal auf Skiern in Ischgl. Das ist entweder sehr mutig oder sehr verrückt, wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
Der fliegende Teppich, dieser kleine Förderband-Lift, den eigentlich die Vier- und Fünfjährigen benutzen, führte zu meinem ersten Berg hinauf. Langsam lernte ich, was es bedeutet, wenn zwei schmale Bretter plötzlich entscheiden wollen, wohin die Reise geht. Alles, was nicht waagerecht war, war zunächst eine Herausforderung.
Aber Ischgl ließ mich nicht los. Und so kam ich wieder. Und nochmal. Und mit jedem Winter wurde ein bisschen mehr daraus. Zunächst blaue Pisten, dann erste rote, noch langsam, noch vorsichtig, aber ich bin sie gefahren.
Schmugglerrunde Bronze
Und in diesem Winter? Die Schmugglerrunde Bronze. 25 Kilometer auf den Spuren der Männer, die hier einst nachts mit 40-Kilo-Rucksäcken durch den Schnee zogen. Allerdings hatte ich keinen Rucksack und es war tagsüber bei allerschönstem Sonnenschein, doch die Berge waren dieselben. Und das Gefühl, diese Strecke zu schaffen, war unbezahlbar.
Ischgl ist nicht nur ein Skigebiet. Es ist auch ein Ort, an dem man sich selbst überraschen kann.
Ischgl ist eine Legende
Die Legende Ischgl ist nicht zufällig geworden, wie sie ist. Hinter dem Glamour steckt ein unwahrscheinliches Bündel aus Geschichten: Schmuggler, die nachts durch den Schnee zogen, 73 Bauern, die ihr Erspartes zusammenlegten. Eine Abstimmung mit einer Stimme Mehrheit, durch die ein britischer Pianist auf einem österreichischen Berg ein Konzert gab.
Man kann Ischgl als Partyziel ablehnen, so wie es viele tun. Aber man kann die Geschichte dahinter nicht unberührt lesen. Ein armes Dorf, das dreimal hintereinander das Richtige wagt. Und heute Millionen von Menschen auf einem Berg empfängt, der früher nur ein Hindernis war, eines, das man nachts und heimlich überwinden musste.
Wer Tirol abseits des Glamours entdecken möchte, findet in Hochfilzen ein ruhiges, familienfreundliches Gegenstück.
Die Lifte laufen noch bis Anfang Mai.
Bücher und Ausrüstung für Ischgl-Fans
Wer Ischgl von einer ganz anderen Seite kennenlernen möchte, dem sei der Fotoband Ischgl von Lois Hechenblaikner empfohlen. Der Tiroler Fotograf dokumentiert seit Jahrzehnten den Tourismus in seiner Heimat: kritisch, schonungslos und künstlerisch beeindruckend. Ein Buch, das nachwirkt, leider aber nur noch antiquarisch relativ teuer erhältlich ist.
Mehr über die Geschichte des Tourismus in Tirol, und damit auch über die Wurzeln eines Ortes wie Ischgl, lässt sich mit dem Buch sei „Zu Gast im Herzen der Alpen“ von Michael Forcher erfahren. Ein reich bebildertes, unterhaltsames Buch, das zeigt wie aus armen Bergbauernregionen Weltskigebiete wurden.
Für eine sommerliche Erkundung von Silvretta und das Paznauntal sind im Rother Wanderführer Arlberg und Paznaun alle nötigen Informationen für Touren abseits der Pisten, von leichten Almwanderungen bis zu anspruchsvollen Hochtouren.
Und wer nach der Lektüre dieses Artikels Lust bekommen hat, selbst die Schmugglerrunde zu fahren: Eine Auswahl an Hotels und Unterkünften in Ischgl findest du hier: Hotels und Unterkünfte in Ischgl.
Praktische Informationen & Links
→ Ischgl
→ Silvrettaseilbahn AG – Tickets & Lifte
→ Silvretta Arena – Pisteninfo & Karte
→ Top of the Mountain – Konzertprogramm
→ Schmugglerrunde – alle drei Varianten