Kategorie: Deutschland

Das Opfermoor Vogtei und die verborgene Geschichte Thüringens

Opfermoor Vogtei: eine geheimnisvolle Kultstätte im Herzen Deutschlands

Im Herzen Deutschlands, unweit des geografischen Mittelpunkts unserer Nation, verbirgt sich eine der faszinierendsten archäologischen Entdeckungen Mitteleuropas: das Opfermoor Vogtei. Zwischen den Ortschaften Ober- und Niederdorla im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis liegt ein Ort, der seit über 2.600 Jahren die Geheimnisse unserer germanischen Vorfahren bewahrt. Was 1957 durch einen Zufall beim Torfstechen entdeckt wurde, entpuppte sich als spektakuläre Zeitreise in die mystischen Riten und Opferzeremonien der Germanenstämme.

Opfermoor Vogtei
Opfermoor Vogtei

Lange bevor die ersten christlichen Glocken über die Felder hallten, war hier ein heiliger Platz für Kulte, Rituale und Opfergaben. Archäologen fanden in den dunklen Tiefen des Moores gut erhaltene Holzidole, Waffen, Schmuck, ja sogar Reste von Booten als stumme Zeugen vergangener Glaubenswelten. Die Kelten, die Germanen, selbst slawische Gruppen nutzten das Opfermoor als Kultstätte. Bis heute weiß niemand genau, welche Riten hier praktiziert wurden, doch die Funde erzählen von Ehrfurcht, Opfermut und einer tiefen spirituellen Verbindung zwischen Mensch und Natur.

Eine Entdeckung, die alles veränderte

Die Geschichte des Opfermoores beginnt mit einem gewöhnlichen Arbeitstag im Jahr 1957. Beim Torfstechen stießen Arbeiter auf rätselhafte Holzstrukturen und Gegenstände, die sich als Relikte einer außergewöhnlichen Kultstätte erwiesen. Was zunächst wie ein Zufall anmutete, entwickelte sich zu einer der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Fundstätte erwies sich als besterhaltener Komplex germanischer Kultpraktiken in ganz Mitteleuropa.

Opfermoor Vogtei
Opfermoor Vogtei

Die Ausgrabungen legten ein faszinierendes Panorama germanischer Religiosität frei: Über 80 eingehegte Heiligtümer fanden die Archäologen im Moor. In ihnen legten mindestens 40 aus Holz gefertigte Götterbilder stummes Zeugnis von vergangenen Zeiten ab. Diese Funde sind einmalig im mitteleuropäischen Raum und stellen eine archäologische Sensation dar, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Beachtung findet.

Die mystischen Riten der Germanen

Opfermoor Vogtei
Opfermoor Vogtei

Das Opfermoor war über Jahrhunderte hinweg ein Ort intensiver ritueller Aktivitäten, die bis ins Jahr 600 vor Christus zurückreichen und über Jahrhunderte hinweg vollzogen wurden. Funde belegen, dass hier sowohl Tier- als auch Menschenopfer dargebracht wurden. Die Germanen verstanden das Moor als heiligen Ort, als Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Götter. In den sumpfigen Gewässern sahen sie Portale zu anderen Welten, durch die sie mit ihren Gottheiten in Kontakt treten konnten. Die Opfergaben, von wertvollen Waffen und Schmuck bis hin zu Tieren und Menschen, sollten die Götter gnädig stimmen und den Stamm vor Unheil bewahren.

Archäologische Schätze und ihre Geschichten

Die Ausgrabungen förderten eine Vielzahl außergewöhnlicher Artefakte zutage. Neben den hölzernen Götterbildern, die trotz ihres Alters erstaunlich gut erhalten sind, fanden die Archäologen Waffen, Schmuck, Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Lebens. Jedes Fundstück erzählt seine eigene Geschichte und gewährt Einblicke in das Leben und die Glaubenswelt unserer Vorfahren. Besonders bemerkenswert sind dabei die Erkenntnisse über die Siedlungsstrukturen der damaligen Zeit. Die Funde belegen, wie die Menschen in mehrpfostigen Grubenhäusern lebten, die mit Schilf oder Stroh abgedeckt waren. Diese Wohnformen zeigen die pragmatische Anpassung der Germanen an ihre Umgebung und ihre handwerklichen Fähigkeiten.

Freilichtmuseum mit Gänsehaut-Garantie

Opfermoor Vogtei: rekonstruiertes Langhaus
Opfermoor Vogtei: rekonstruiertes Langhaus

Heute kannst du durch das rekonstruierte Areal des Opfermoors gehen. Das Freilichtmuseum Vogtei bei Niederdorla gibt Einblicke in die Lebenswelt vergangener Zeiten. Über das Gelände verteilt stehen nachgebaute Tempelanlagen, Häuser und Kultplätze, alle liebevoll nach archäologischen Vorbildern rekonstruiert. Eine Siedlung aus dem 3. Jahrhundert nach Christus wurde hier rekonstruiert. Du kannst ein authentisches Langhaus besuchen: Hier wohnten ursprünglich die Menschen mit ihren Tieren unter einem Dach. Auch die detailgetreuen Nachbauten dreier Grubenhäuser vermitteln einen Eindruck vom Leben in der Vergangenheit.

Doch es ist nicht nur ein Ausflug in die Historie, sondern ein sinnliches Erlebnis:

Du riechst das Holz alter Hütten, spürst das Wispern des Windes über den Moorflächen und stehst plötzlich vor den imposanten Holzidolen, die stumm in den Himmel blicken — Symbole uralter Götter, die lange vor den ersten Kirchen über diese Landschaft wachten. Es ist ein Ort, der sich ins Gedächtnis brennt.

Opfermoor Vogtei: Das Museum
Opfermoor Vogtei: Das Museum

Für Familien, Geschichtsbegeisterte und Reisende auf der Suche nach dem Besonderen bietet das Museum Workshops, Führungen und lebendige Reenactments vom keltischen Handwerk bis zu mystischen Ritualdarstellungen.

Die wichtigsten Funde werden im Museum selbst präsentiert und erklärt. So werden die komplexen Zusammenhänge zwischen Kultpraktiken und Alltagsleben leicht verständlich. Die Ausstellung vermittelt nicht nur Wissen, sondern schafft auch eine atmosphärische Verbindung zu unseren Ahnen.

Deutschlands magische Mitte: der geografische Mittelpunkt

Mittelpunkt von Deutschland
Mittelpunkt von Deutschland

Nur einen Steinwurf entfernt liegt mit dem offiziell markierten geografischen Mittelpunkt Deutschlands ein weiteres Highlight der Region. Ein unscheinbarer Obelisk markiert die Mitte, symbolisch aufgeladen, inmitten von Feldern und sanften Hügeln.

Viele Besucher berichten, sie spüren hier eine besondere Energie, als würde die Landschaft selbst den Herzschlag des Landes tragen. Vielleicht liegt es an der Geschichte, vielleicht an der Mystik des Ortes oder daran, dass hier Kulturen und Zeiten aufeinandertreffen.

Die Germanen wählten ihren Ort nicht zufällig: Schon damals lag das Opfermoor zentral im heutigen Thüringen und an einem wichtigen Knotenpunkt verschiedener Stammesgebiete. Die mystische Atmosphäre der Landschaft um Niederdorla verstärkt die Faszination dieses Ortes. Weite Ebenen, durchzogen von Bächen und Feuchtgebieten, schaffen eine Landschaft, die seit Jahrhunderten unverändert zu sein scheint. Hier spürt man noch heute die Verbindung zur Natur, die für die Germanen so zentral war.

Mühlhausen: Stadt der Türme, Rebellion und Reformation

Von Vogtei führt der Weg nur wenige Kilometer nach Mühlhausen, der historischen Reichsstadt, die sich mit Stolz die “Stadt der Türme” nennt. Das ist kaum verwunderlich, wenn du die Silhouette der elf mittelalterlichen Kirchen betrachtest, die sich in den Himmel recken und dazu die vielen Türme der Stadtmauern.

Thomas Müntzer vor dem Rabenturm
Thomas Müntzer vor dem Rabenturm

Doch Mühlhausen in Thüringen ist weit mehr als nur Fachwerkromantik. Die Stadt war ein Zentrum der Reformation und der Bauernkriege, ein Schauplatz, an dem Geschichte geschrieben wurde. Hier wirkte Thomas Müntzer, radikaler Reformator, Revolutionär und charismatischer Prediger. 1525 setzte er in der Stadt den Ewigen Rat ein, und stand an der Spitze der Bauernaufstände. Er kämpfte für Gerechtigkeit und soziale Gleichheit und wurde am Ende nach der Schlacht bei Bad Frankenhausen in Mühlhausen durch das Schwert gerichtet.

500 Jahre später erinnern zahlreiche Veranstaltungen, Museen und Ausstellungen an diese so lange vergangene Zeit. Die Spuren Müntzers führen von der imposanten Marienkirche bis zum Bauernkriegsmuseum durch die gesamte Altstadt.

Die Mauern Mühlhausens atmen den Geist von Freiheit, Kampf und Veränderung und sind damit ein faszinierendes Pendant zur archaischen Spiritualität des nahegelegenen Opfermoors.

Mühlhausen richtet 2025 gemeinsam mit Bad Frankenhausen eine Thüringer Landesausstellung aus, die unter dem Titel “freiheyt 1525 – 500 Jahre Bauernkrieg” an die dramatischen Ereignisse erinnert. Diese Ausstellung beleuchtet Thomas Münzers Wirken und die Bedeutung des Bauernkriegs für die deutsche Geschichte. So verbindet sich am geografischen Mittelpunkt Deutschlands die mystische Welt der Germanen mit den revolutionären Umbrüchen der Reformationszeit.

Die Christianisierung beendete die Opferkulte

Opfermoor Vogtei
Opfermoor Vogtei

Mit der beginnenden Christianisierung endeten die heidnischen Opferrituale im Moor. Die neuen Glaubensvorstellungen verdrängten alte Götter und Riten, doch die Spuren dieser frühen Religiosität blieben im Torf konserviert. So wurde das Moor zum Archiv einer versunkenen Welt, die erst 1957 wieder ans Tageslicht kam.

Die Christianisierung markierte einen Wendepunkt in der Geschichte dieses Ortes. Wo einst die Germanen ihre Götter verehrten und Opfer darbrachten, etablierten sich christliche Gemeinschaften. Doch die Macht des Ortes blieb bestehen und die spirituelle Ausstrahlung der Landschaft wirkte auch auf die neuen Bewohner.

Wissenschaft und Moderne Archäologie

Die moderne Archäologie hat das Opfermoor von Niederdorla zu einem Leuchtturm-Projekt gemacht. Mithilfe neuester Technologien können Wissenschaftler heute die Funde detailliert analysieren und gewinnen damit immer neue Erkenntnisse über das Leben der Germanen. Dendrochronologie, Pollenanalysen und andere naturwissenschaftliche Methoden ergänzen die traditionelle Archäologie.

Diese interdisziplinäre Herangehensweise ermöglicht es, ein umfassendes Bild der germanischen Kultur zu zeichnen. Die Forscher können heute nicht nur die Artefakte selbst interpretieren, sondern auch das Klima, die Vegetation und die Umweltbedingungen der damaligen Zeit rekonstruieren.

Natur trifft Mythos – Wandern zwischen Himmel und Moor

Rund um das Opfermoor und Mühlhausen erstreckt sich eine idyllische Landschaft aus Feldern, sanften Hügeln und uralten Pfaden. Für Wanderer und Ruhesuchende bieten sich zahlreiche Wege, ob ein Spaziergang zum Mittelpunkt Deutschlands, eine Moorwanderung oder ein Ausflug zu den sagenumwobenen Quellen und alten Baumalleen der Umgebung.

Gerade in den frühen Morgenstunden oder im Nebel des Herbstes entfaltet das Moor seinen ganz eigenen Zauber: geheimnisvoll, still, beinahe entrückt von der Gegenwart.

Vielleicht spürst du dann die leise Ahnung von den Stimmen vergangener Zeiten, von uralten Ritualen, von Menschen, die hier um das Wohl ihrer Gemeinschaft baten, Opfer brachten, in der Hoffnung auf Fruchtbarkeit, Schutz und Glück.

✨ Warum du das Opfermoor und Mühlhausen erleben solltest

Diese Region erzählt Geschichten, die unter die Haut gehen:
Archäologie hautnah: Kultstätten und Funde aus 2000 Jahren
Mystik und Spiritualität: spürbar an einem der ältesten Kultplätze Deutschlands
Historische Spannung: die Bauernkriege, Müntzer und der Kampf um Freiheit
Naturidylle: Moorlandschaften, Wanderwege und der geografische Mittelpunkt
Authentische Erlebnisse: Museen, Führungen, Veranstaltungen für Groß & Klein

Ob du die Geheimnisse des Moores entdecken willst, die Geschichte Thüringens atmen oder einfach inmitten von Natur und Kultur den Alltag hinter dir lassen möchtest: das Opfermoor Vogtei und Mühlhausen entführen dich auf eine Reise durch Zeit und Raum.

Vielleicht findest du dort nicht nur historische Schätze, sondern auch ein Stück von dir selbst in der stillen Mitte Deutschlands, wo die Erde Erinnerungen bewahrt und das Moor Geschichten flüstert.

Praktische Informationen zum Opfermoor Vogtei

Anreise
Das Opfermoor Vogtei liegt bei Niederdorla im Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen, unweit von Mühlhausen. Mit dem Auto kommt man über die A38, Abfahrt Mühlhausen. Der Ort ist gut ausgeschildert.

Öffnungszeiten und Eintritt
Das Freilichtmuseum ist von April bis Oktober geöffnet. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise findest du direkt auf der Website:
opfermoor.de

Tipp
Plane mindestens zwei Stunden ein — das Gelände ist weitläufig und der geografische Mittelpunkt Deutschlands liegt nur wenige Gehminuten entfernt. Eine Kombination mit einem Besuch in Mühlhausen lohnt sich sehr.

Mehr aus Deutschland auf Schreibreise
Wer verborgene Orte liebt, findet auch im Odenwald unvergessliche Entdeckungen — von Eberbach nach Zwingenberg führt ein Weg, der Geschichte und Natur vereint.

Unterwegs im Odenwald: Von Eberbach nach Zwingenberg

Blick über Eberbach am frühen Morgen

Im Odenwald lässt es sich gut wandern, beispielsweise von Eberbach nach Zwingenberg. Der Weg führt über die alte Burg, den Katzenbuckel und durch die wildromantische Wolfsschlucht. Der Rückweg lässt sich mit zwei Stationen Bahn schnell erledigen.

Burgruine über Eberbach im Odenwald

Locken alte Steine auf einem Berg, lohnt sich das Ziel: Gut 200 Meter oberhalb von Eberbach warten die Reste dreier Burgen auf vorbeikommende Wanderer. Der Weg dorthin führt in Serpentinen je nach Kondition gemächlich oder steil bergan.

 Eberbach liegt im Odenwald, in einer großen Schleife des Neckar. Gut erhaltene Fachwerkhäuser, eine mittelalterliche Befestigung und die in Sgraffito geschmückte Fassade des „Hotel Karpfen“ lohnen eine Besichtigung.

 

Vom Katzenbuckel aus reicht die Sicht weit

Katzenbuckel mit Aussichtsturm: Weite Sicht vom Odenwald aus

Weiter geht es zum Katzenbuckel, mit seinen 626 Metern höchster Berg im Odenwald, gleichzeitig Überrest eines Vulkans. Heute ist hier ein geologisches Naturdenkmal: Die Kuppe des Berges ist zu Stein erstarrtes Magma, 60 Millionen Jahre alt. Das war die Zeit, in der die Dinosaurier langsam ausstarben und Säugetiere die Welt bevölkerten. In neunundachtzig Stufen ist die oberste Plattform des 18 Meter hohen und 200 Jahre alten Turmes erreicht: Von hier reicht der Blick bei klarer Sicht weit. Wie schlafende Tiere schmiegen sich die Hügel des Odenwaldes auf die Erde, weiter entfernt sind Taunus und Spessart. Die Zinnen lassen den Turm wie einen mittelalterlichen Burgturm wirken. Belohnung für die überwundenen Höhenmeter ist schließlich leckeres Essen in der Villa Katzenbuckel.

Höllisch gefährlich und wildromantisch: Die Wolfsschlucht

Wildromantisch und höllisch gefährlich: Die Wolfsschlucht bei Zwingenberg

Über Feldwege und Straßen ist es nicht weit bis Oberdielbach und von dort zur Wolfsschlucht, wildromantisch und höllisch gefährlich, wenn man den Schildern Glauben schenkt. Hat sie Carl Maria von Weber zum „Freischütz“ inspiriert? Zwar ist es historisch nicht zweifelsfrei, trotzdem wird die Oper zu den Burgfestspielen aufgeführt. Die Szene in der Wolfsschlucht ist jedenfalls der musikalische und dramaturgische Höhepunkt zugleich: Damit der Jägerbursche Max die Försterstochter Agathe heiraten darf, muss er seine Treffsicherheit beweisen. Er setzt auf ihr Ziel nie verfehlende Freikugeln, muss diese in der Wolfsschlucht gießen. Für die Wolfsschlucht bei Zwingenberg spricht, dass Weber 1810 in dieser Gegend unterwegs war.

Vom Eingang bis zum Ende der Schlucht sind es nur gut anderthalb Kilometer, die jedoch haben es teilweise in sich. So sind die wirklich rutschigen Stellen mit Halteseil gesichert, dabei soll der Wanderer bei Regen, Schnee und schlechtem Wetter ohnehin diesen Weg meiden.

Wildromantisch und höllisch gefährlich: Die Wolfsschlucht bei Zwingenberg

Auf dem Weg am Hang hinunter ist der Buntsandstein durch Erosion erschlossen und gut sichtbar. Weil das Wasser immer noch ausreichend stark durch die schmale Schlucht rauscht, dabei Geröll und abbrechendes Gestein mit sich nimmt, bleiben die Wände relativ frei von Vegetation und tragen damit zum spektakulären Ambiente bei. Während die Buntsandsteinfelsen an den Seiten emporragen, wachsen dort Farne, Moose und Bäume. Sonnenstrahlen müssen sich ihren Weg durchs dichte Blätterdach regelrecht bahnen. Die Schlucht schimmert in den unterschiedlichsten Braun- und Grüntönen, es wirkt ein bisschen wie im Urwald, zumal die Sonne heiß von oben brennt.

 

Wildromantisch und höllisch gefährlich: Die Wolfsschlucht bei Zwingenberg

Ihren Namen erhielt die Schlucht übrigens, weil 1866 in Zwingenberg des letzte Wolf des Odenwaldes starb. Die Wanderung durch den Odenwald von Eberbach nach Zwingenberg erinnert an ihn. 

Den Rupertiwinkel zu Fuß und mit dem Rad erobern

Während am Königsee und in Salzburg der sprichwörtliche touristische Bär steppt, ist der quasi in Rufweite gelegene Rupertiwinkel  bis heute ein recht stiller Ort geblieben. Hier lässt sich trefflich einige Zeit verbringen, in Sichtweite von Watzmann und Hochstaufen. Das nach dem Heiligen Rupertus, dem ersten Salzburger Bischof, benannte Dreieck westlich von Salzach und Saalach gehörte ursprünglich zu Salzburg. Erst seit 1810 wurde es Bayerisch. Wer in Laufen die Salzach quert, hat bereits die Grenze zum österreichischen Oberndorf überschritten. Während sich die Berge der Berchtesgadener Alpen hoch türmen, sind hier die Hügel noch sanft und voralpin. So lässt sich die Gegend lässt hervorragend erwandern oder mit dem Rad erkunden.

Radler im Rupertiwinkel
Rupertiwinkel: Überall sind die Alpen im Blick

Seit alters her ein geschätzter Landstrich

Schon die Römer schätzten das milde Klima im Rupertiwinkel. Das galt auch für die Salzburger Fürstbischöfe, für die der Landstrich im Alpenvorland eine wichtige Kornkammer war. Bis heute künden Bildstöcke, Kapellen, Wegkreuze, aber auch Marterl und Totenbretter vom sichtbaren Zeichen tiefgläubiger Religiosität. Ihnen begegnet man allenthalben, sie markieren Wegkreuzungen ebenso wie Berggipfel. In der größtenteils bäuerlich geprägten Landschaft grasen Kühe und liefern Milch für die bereits 1927 als Genossenschaft gegründete Molkerei Berchtesgadener Land. Die Balkone der historischen Häuser blühen den ganzen Sommer hindurch, ebenso wie die auch für Besucher oft offene Gärten.

Dem Rupertiwinkel kulinarisch auf der Spur

Ob im Teisendorfer Gut Edermann, einem Spa-Hotel oder auf dem Bauernhof: Die Gastgeber des Rupertiwinkel verwöhnen ihre Gäste mit regionalen Köstlichkeiten. Bis heute verrät die üppige Küche die einstige Nähe zum Salzburger Land mit ihren Nockerln, Kaspressknödeln oder Krautspatzen. Viele der Lieferanten kommen aus der Region, so sind kurze Wege garantiert und der Geschmack auf dem Teller sicher. Das Berchtesgadener Land ist als Biosphärenregion von der UNESCO ausgezeichnet. Das Gebiet der nördlichen Kalkalpen mit dem Vorland ist übrigens das einzige alpine UNESCO-Biosphärenreservat hierzulande.

Überall sind die Berge im Hintergrund zu sehen

Mit dem E-Bike das Voralpenland erkunden

Von der alten Stadt Laufen bis zum Kloster Höglwörth am Höglwörther See spannt sich ein großes Netz an gut ausgebauten Rad- und Wanderwegen. Einer von ihnen führt auf den Spuren der Brauerei Wieninger. Zehn Stationen erzählen auf gut zwölf Kilometern über die Kunst des Bierbrauens und der Bierkultur und selbstverständlich lässt sich sowohl in Höglwörth als auch in Teisendorf der geschätzte Gerstensaft nebst einem Imbiss probieren. Wer sich zum ersten Mal auf das E-Bike schwingt, wie sie beispielsweise im Gut Edermann tageweise verliehen werden, findet in Eddy Balduin einen Mountainbike-Guide, Fitness-Coach und Bergführer, der sich auskennt. Er empfiehlt einen Kurs noch vor der ersten Fahrt in hügeliges Gelände, schließlich kommt es beim Schalten und Bremsen auf die richtige Technik an.

Gute Aussichten gibt es überall

Reinheitsgebot versus Craftbeer

Im kleinen Sudhaus der Teisendorfer Brauerei Wieninger lernen nicht nur die Lehrlinge handwerklich hochwertiges Bier zu brauen. In der Bierwerkstatt können auch Hobbybrauer, Freunde, Vereine, Stammtische oder Firmen ihr eigenes Bier brauen. Riechen, schmecken und fühlen ist das Wichtigste beim Brauen, ist sich Braumeister Bernhard Löw sicher. Erst nach der Ernte wird der Hopfen aus der Hallertau verglichen. Verreibt man ihn auf der Haut, entsteht wie beim Parfum das typische Aroma. Im Bierdegustationsglas kann sich das Aroma richtig entfalten. Es muss einen Bogen vom Antrunk über den Haupttrunk bis zum Nachtrunk spannen, erklärt der Braumeister. Selbst ungeübten Zungen fällt die leichte Note nach Zartbitterschokolade im Nachtrunk auf. Während der eigentliche Brauvorgang nur rund acht Stunden dauert, braucht die anschließende Gärung zwischen vier und sechs Wochen. Je höher der Alkoholgehalt im Bier ist, desto länger lässt es sich lagern, jedoch: „Bier ist keine Dauerwurst“, mahnt Bernhard Löw. Es will getrunken werden.

Laufen an der Salzach

Die Brücke über die Salzach

Wer über den Europasteg oder die im Jugendstil erbaute Länderbrücke über die Salzach geht, gelangt direkt über die Grenze von Laufen ins österreichische Oberndorf. Schon vor 1000 Jahren bestimmte die Schifffahrt auf der Salzach und der Salztransport von Hallein nach Passau und Wien die Geschichte des Ortes. Damit ist Laufen eine der ältesten Städte Oberbayerns und beherbergt mit der Stiftskirche Maria Himmelfahrt die älteste gotische Hallenkirche in Süddeutschland. Auffallend sind die hohen Fassaden, hinter ihnen sind die Dächer versteckt. Durch diesen Baustil sollte die Brandbekämpfung erleichtert und das Übergreifen des Feuers erschwert werden. Stadtführer Hans Surrer weist auf das vor einigen Jahren sanierte ehemalige Kapuzinerkloster hin. In diesem ist heute die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege untergebracht, ist Erwachsenen- und Umweltbildungszentrum mit Gastwirtschaft.

Zu jeder Jahreszeit einfach schön 

Der Rupertiwinkel ist mit seinen insgesamt 17 Gemeinden ein geradezu idyllischer Landstrich. Im Norden des Berchtesgadener Landes bietet er für Familien, Wanderer und Radfahrer gleichermaßen zahlreiche Möglichkeiten zur Erholung. Rund ums Jahr finden gelebte Traditionen zahlreiche Zuschauer. Hebt sich der morgendliche Nebel von den Wiesen, sind die einzigen Geräusche das Zwitschern der Vögel und das Wiederkäuen der Milchkühe. Das Schönramer Filz ist ein renaturiertes Hochmoor, es ist zu jeder Jahreszeit Naherholung für die Einheimischen und ihre Gäste und stimmungsvolle Kulisse zugleich. Das Land vor den Bergen ist ein echter Geheimtipp für geruhsame Ferien – und liegt zudem nahe an allen touristischen Höhepunkten rundherum.

Morgenstimmung im Rupertiwinkel
Abendstimmung im Rupertiwinkel

Die Reise wurde von der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH unterstützt.

Regensburg – vom Castra Regina zum Weltkulturerbe

Regensburger Dom Portalansicht

Regensburg – 2000 Jahre Stadtgeschichte

Die Altstadt von Regensburg lässt erahnen, wie eine mittelalterliche Stadt einst ausgesehen hat. Bis heute spiegelt die Architektur die Rolle der Stadt als Handelszentrum wider. Sie war Knotenpunkt und Umschlagplatz für Waren, die auf den großen Reiserouten nach Russland, Byzanz, Böhmen oder über die Alpen nach Italien transportiert wurden.

Haus mit Relikten aus der Römerzeit in Regensburg
Relikte aus der Römerzeit wurden in der Architektur integriert

Regensburg blieb vom Bombenhagel verschont

Regensburg hatte Glück. Weil die Stadt im zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel verschont wurde und damit erhalten blieb, ist sie heute Weltkulturerbe, in der mehr als 1.000 denkmalgeschützte Häuser allein in der Innenstadt von 2.000-jähriger Stadtgeschichte künden. Wer durch Regensburg spazieren geht, kann diese wie in einem steinernen Geschichtsbuch lesen.

Fernhandel sorgte für den Reichtum der Stadt

Ursprünglich als römisches Soldatenlager zur Verteidigung angelegt, wuchs Regensburg rasch und avancierte im Mittelalter zu einer Residenz, in der Fürsten und Bischöfe gleichermaßen ihre Paläste bauen ließen. Der Fernhandel machte die Regensburger reich, nicht alle, aber einige von ihnen durchaus. Die Stadt lag verkehrsgünstig an der Donau und war die am südlichsten gelegene protestantische Reichsstadt.

Patrizierturm in Regensburg
Patrizierturm in Regensburg

Italienisches Flair in der Stadt

Die hohen Patriziertürme in Regensburg machen einen Teil des südlichen Flairs aus. Ursprünglich ragten mehr als 60 von ihnen über die Dächer der Stadt, heute sind noch etwa 20 von ihnen erhalten. Während die italienischen Türme zur Verteidigung dienten, zeigten die Regensburger, was sich deren Erbauer leisten konnten, ganz nach dem Motto: Meiner ist höher als deiner.
Sie spiegelten den Gewinn wieder, der mit dem Fernhandel in die Stadt gekommen war. Schließlich zählten die Regensburger Handelsherren zu den ersten, die mit Brokat und Pelzen, Seide und Gewürzen über die Alpen zogen und dort nicht nur Geschäfte abwickelten und ihren Gewinn einsackten, sondern auch die südländische Lebensart kennen und schätzen lernten.

Der immerwährende Reichstag in Regensburg

Altes Rathaus in Regensburg
Der immerwährende Reichstag fand im alten Rathaus in Regensburg statt

Weil sich in Regensburg katholische und evangelische Einwohner seit 1542 das Leben so schwer wie möglich machten, tagte gleich 150 Jahre lang der immerwährende Reichstag in der Stadt. Damit hatte sie Glück: Zu dieser Zeit hatte sich der Handel andere Wege gesucht und die Stadt war arm, aber immer noch sexy. In den alten, adligen Residenzen war genügend Platz für die Gesandten der Fürsten und Vertreter der Reichsstände, die auf dem immerwährenden Reichstag tagten und miteinander verhandelten.

Relikte aus der Römerzeit

Wer genau schaut, entdeckt nicht nur mittelalterliches in der Stadt, sondern auch Relikte aus der Römerzeit, gut 2.000 Jahre alt. Das ehemalige Nordtor führte einst in das Lager Castra Regina der Legion III Italica. Insgesamt 6.000 Soldaten waren am nördlichsten Punkt der Donau stationiert und wachten über die Grenze des Römischen Reiches. Weil die Regensburger pfiffig waren, rissen sie alte Gemäuer nicht einfach ab, sondern integrierten sie in die neue Bebauung. Daher bilden die vom Alter geschwärzten Steine einen malerischen Kontrast zum weiß gekalkten Bischofspalast, der erst viele Jahrhunderte später entstand.

Alte Gebäude wurden saniert

Auf alten Fotografien lässt sich erahnen, dass Regensburg nicht immer so adrett herausgeputzt war. In die von Bomben verschonte Stadt kamen nach dem Krieg unendliche Ströme an Flüchtlingen: In den fünfziger Jahren war Regensburg nicht nur die am dichtesten besiedelte, sondern auch eine sehr heruntergekommene Stadt. Zu dieser Zeit war jedes fünfte Haus vom Einsturz bedroht. Glücklicherweise gab es Menschen, denen die alten Gebäude so sehr am Herzen lagen, dass sie diese nicht abrissen, sondern sanierten.

Verwinkelte und malerische Ecken

Regensburg hat bis heute viele verwinkelte Ecken und Höfe, durch welche die Straßen auf kurzen Wegen verbunden sind. In die einstigen Hauskapellen der Patrizier zogen kleine Geschäfte ein. Wer die Stadt und ihre Geschichte hautnah erleben möchte, nimmt an einer der kurzweiligen Stadtführungen teil.

Zwei römische Soldaten in Regensburg
Die letzten zwei Römer aus Castra Regina

In historische Kostüme gewandet, erzählen beispielsweise zwei römische Soldaten von der schweren Last ihrer Ausrüstung. Diese wog zwischen 35 und 40 Kilogramm und musste selbstverständlich auf den Märschen selbst getragen werden. Von Camuntum, römischer Hauptstützpunkt östlich von Wien an der Donau, bis Regensburg waren es gut 500 Kilometer zu Fuß. Obwohl die Soldaten täglich dreißig Kilometer marschierten, brauchten sie gut vier Wochen bis Regensburg.

Der Regensburger Dom mit dem Eselsturm

Hinter den beiden Römern führt eine Treppe zum Sitz des Bischofs. Von hier aus lässt sich ein fabelhafter Blick auf den Regensburger Dom erhaschen. An dessen gotischer Basilika klebt noch ein alter Turm, Eselsturm genannt.

Eselsturm am Dom in Regensburg
Eselsturm am Dom in Regenburg

Der lateinische Name Asinus lässt sich zwar gleichermaßen mit Esel oder Dummkopf übersetzen, war jedoch einst auch die Bezeichnung für einen Lastenaufzug. Ob die Esel erst die Steine und später die Glocken nach oben zogen? Weil der Bau eines solchen Doms viel Geld verschlang, war hinterher keines mehr übrig. Der alte Turm blieb einfach unverkleidet stehen. Manchmal ist eben Armut die bessere Denkmalpflege.

Eine alte Tabakfabrik im Patrizierhaus

Die im neunzehnten Jahrhundert beginnende Industrialisierung setzte sich in Regensburg nur sehr zögerlich durch. Auch wenn einige Manufakturen entstanden, waren es doch zu wenige, um aus der Stadt ein echtes Industriezentrum zu machen. In zwei zusammengelegten Patrizieranwesen entstand beispielsweise eine Fabrik für Schnupftabak, in der bis vor 20 Jahren sogar noch in der Innenstadt produziert wurde. Drei Räume blieben im ursprünglichen Zustand bei der Sanierung erhalten. Innen riecht es noch immer nach Tabak, genau so, wie in den vergangenen zweihundert Jahren.

Schnupftabakfabrik in Regensburg
Schnupftabakfabrik in Regensburg
alte Tabakmühle in Regensburg
Hier wurde der Tabak zerkleinert

Damals zerkleinerten  Arbeiter in 14-stündiger Arbeitszeit den Tabak, zerrieben ihn und versetzten ihn mit Schmalz und Aromen. Die Herren gehobener Stände kauften ihn schließlich in kleine Döschen gefüllt.

Das Patrizierhaus der Familie Runtinger

In Regensburg lässt sich noch viel mehr entdecken: Die Schottenkirche mit ihrem reich geschmückten Portal, der Kaisersaal im Gasthaus zum Goldenen Kreuz oder das Patrizierhaus der Familie Runtinger.

Mitteralterliche Kauffrau in Regensburg
Margarethe Runtinger lauscht dem Reisebericht

Weil das Handelsbuch der Runtigers im Stadtarchiv erhalten blieb, sind sämtliche Aufzeichnungen über die gehandelten Waren, die Preisaufschläge und die Handelswege bekannt. Handelsherr Matthias Runtiger lebte um 1400, als er starb, übernahm seine Frau Margarethe die Geschäfte und führte die Bücher weiter. Sie schickte ihre Bediensteten auf Handelsreisen und blieb selbst zu Hause, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann, der die Reisen selbst begleitete. Kamen die Karawanen nach Monaten oder Jahren nach Regensburg zurück, hörte sie Berichte von wunderlichen Tieren mit langen Nasen, märchenhaften Orten und Reichtümern.

 

Liebesgeschichte mit Happy End

Satute von Don Juan d'Austria in Regensburg
Don Juan d’Austria

Dass Liebesgeschichten hoher Herrschaften auch gut ausgehen konnten, davon erzählt das Denkmal von Don Juan d’Austria: Kaiser Karl V. war bereits Witwer, als er sich in die bürgerliche Gürtlerstochter Barbara Blomberg verliebte. Als die Regensburgerin einen Sohn vom Kaiser bekam, ließ ihn dieser am spanischen Hof erziehen. Er wusste nichts von seiner Herkunft und sollte eigentlich in den kirchlichen Dienst.  Er wollte jedoch lieber beim Militär Karriere machen. Als Befehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte schlug er in der Seeschlacht von Lepanto 1571 die Osmanen.

 

Der Brandenfels: Einst Wacht über die Werra

Höhenburgruine Brandenfels

Stille Burgruine Brandenfels

Wer seine Ruhe haben will, braucht gar nicht weit zu ziehen: Mitten in Deutschland gibt es völlig ruhige und vergessene Landschaften. Hier gibt es (fast) nichts mehr.

Landschaft in Nordhessen
Idyllische und vergessene Landschaft

Der Brandenfels – eine ehemalige Höhenburg

Hoch auf dem Ringgau in Hessen steht die Ruine der ehemaligen Höhenburg Brandenfels. In der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut, sind heute nur noch vereinzelte Reste oberhalb von Markershausen, einem Ortsteil der nordhessischen Gemeinde Herleshausen zu finden.

Foto Reste der Höhenburg Brandenfels
Reste der Höhenburgruine Brandenfels

An der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen, trennt die Werra immer noch – die Bundesländer Hessen und Thüringen. Und auf der Thüringer Seite wacht weithin sichtbar die Ruine der Brandenburg über die Werra. Diese ist touristisch gut erschlossen, auch wenn nur relativ wenige Wanderer kommen.

Der Brandenfels in Nordhessen
Der Brandenfels

Der Brandenfels dagegen liegt wie vergessen auf seinem Berg. Hierher verirrt sich niemand aus Versehen, er will gesucht und gefunden werden und belohnt dafür mit einer Stille, die andächtig auf das Vergehen der Zeit verweist.

Der Weg führt in Windungen nach oben

An der Straße bleibt das Auto stehen und die restliche Strecke muss zu Fuß bewältigt werden. Der Pfad zur Burg schraubt am Berg entlang, in immer neuen Windungen geht es höher und höher, immer links um den Berg herum. Alte Steine auf dem Pfad berichten, wie er vor langer Zeit befestigt wurde. Schließlich sollten Pferdehufe und Karrenräder sicher bis nach oben kommen.

Hier sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“

Ein Fuchs kommt mir direkt auf dem Weg entgegen. Ich bleibe stehen, doch er nimmt mich nicht wahr, trottet weiter, kommt näher und hält plötzlich an. Hat er mich gesehen? Doch er guckt nach links, ins Gebüsch, hebt seine Vorderpfote, wartet gespannt und verschwindet mit einem großen Satz. Als er zurückkehrt, hat er seine Beute im Fang, legt sie zunächst auf den Weg, wittert, spannt und schaut weiter ins Gebüsch. Ob er an der gleichen Stelle noch ein zweites Mal etwas fängt? Leider dreht er sich um, sieht mich, schnappt nach seiner abgelegten Beute und verschwindet mit einem großen Hupf im Busch.

Der Weg wird schmaler

Ein Pfeil weist vom großen Weg auf einen kleinen Weg, der sich unscheinbar im Grün verbirgt: Hier geht es links entlang. Der Pfad wird immer schmaler und manchmal bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht doch eine Abzweigung verpasst habe. Buchen bilden einen grünen Baldachin über mir, durch den das Sonnenlicht blinkt. Bärlauch blüht und duftet, und die Bienen summen sich satt. Zwei Buchenstämme liegen übereinander und versperren mir den Weg.

Foto zwei umgestürzte Buchen
Zwei umgestürzte Buchen versperren den Weg

Ich drehe mich um und sehe jetzt erst das Schild, das mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin und die Stämme einfach übersteigen muss. Immer schmaler wird der Pfad, ist nur noch fußbreit und gesäumt von hohen Rispengräsern, bis ich inmitten von blühendem Bärlauch und Waldmeister auf einen steinernen Pfeiler im Graben treffe. Oben auf dem Hang ragen Mauern, in denen Fensterhöhlen gähnen.

Höhenburgruine Brandenfels
Fensterhöhlen der Höhenburgruine Brandenfels

Alte Steine in frischem Grün

Mauerloch auf der Burgruine Brandenfels
Mauerloch auf der Burgruine Brandenfels

Hältst du dein Ohr an die alten Steine, kannst du die Träume, Sehnsüchte und Klagen derer hören, die einst hier wohnten: Das Weinen des Küchenjungen, weil er für die verschüttete Milch von der Magd gezaust wurde; das Kichern der Küchenmädchen, die mit den Pferdeknechten schäkerten, wenn sie sich beim Wasserholen am Burgbrunnen trafen; das ungeduldige Schnauben und Scharren der Pferde, wenn sie bereits aufgezäumt warten mussten, bis es wieder hinab ging – und das Fluchen der Knechte, die bei schweren Wagen in die Speichen greifen mussten, damit alles nach oben auf die Burg gekarrt werden konnte, was zum Leben auf dem Berg und in der Brandenburg nötig war.

Ein idyllischer Ort mit großartiger Aussicht

Ein Stein wippte unter vorjährigem Laub, als ich auf ihn trat – doch als ich ihn drehte, fand sich kein Eingang zum Feenreich. Nur ein Regenwurm ringelte sich rasch ins Dunkel zurück.

Foto Aussicht auf das Werratal
Aussicht auf das Werratal

Die Aussicht über das Werratal ist von hier oben großartig. Wer nach der Anstrengung gerne essen und trinken will, muss das Picknick allerdings selbst mühsam nach oben schleppen. Doch der Genuss ist damit um so größer, begleitet von Vogelzwitscher und Hummelsumm.

Mit dem Motorradgespann zum Bodensee

Foto Bodensee mit Pfahldort

Abfahrt. Immer ein kleiner Aufbruch. Die Vorfreude endlich in Kilometer verwandeln. Straße unter den Rädern, Landkarte im Kopf. Ob das Ziel so wird, wie erträumt? Ob der Weg uns Geschichten schenkt?

Die Pferde der Moto Guzzi stampfen ungeduldig, wollen endlich laufen, wollen Asphalt unter den Hufen, den Fahrtwind um den Tank. Im Beiwagen spürst du jeden Kolbenhub, spürst, wie der Motor lebt, wie der Mann am Lenker uns sicher führen will, wenn wir ihn gut bei Laune halten. Denn einer lenkt, der andere staunt, und beide träumen vom See.

Foto Motorrad mit Gesapann auf der Autobahn
Jetzt führt die Straße schon rund um den Bodensee, der Fahrer hat die Maschine sicher im Griff
Foto Motorradfahrer schaut auf Landkarte
Streckenkontrolle: Sind wir noch auf dem richtigen Weg

Im Beiwagen auf Höhe der LKW-Radnaben

Mit der Nase auf Höhe der LKW-Räder bleibt genug Zeit, das Straßenbegleitgrün zu studieren. Die Sonne scheint, aber schwarze Wolken türmen sich.

Solange das Wetter hält, ist Guzzi & Beiwagen einfach nur Vergnügen. Wann aber wird’s zum Abenteuer? Ganz einfach: wenn es regnet. Wetter ist ohne Dach und Wände ein unberechenbarer Faktor. Die Autos schnurren vorbei, manch ein Fahrer guckt. Neidisch?

Doch bald knallen die ersten Tropfen wie Erbsen auf Helm und Scheibe. Von wegen Regenschutz! Vom Fahrtwind geschubst, drängeln sich erst die Tropfen, dann ganze Wasserströme in den Beiwagen. Die Arme stecken in der Regenjacke, sind also wetterfest und dichten die Einstiegsluken rechts und links ein wenig ab.

Von der Fahrerseite aus spritzt das Wasser direkt von der Guzzi-Verkleidung hoch zur Luke. Dort hätte die Seitenwand gut zehn Zentimeter höher sein können, von dort aus steigt ja niemand ein. Bis auf das Wasser, jetzt: Es gischtet und drängt, die Tropfen schieben sich die Scheibe hinauf bis hoch zur Kante, halten einen Moment inne, als müssten sie noch überlegen: „Fall ich – oder fall ich nicht“ bevor sie sich geradewegs nach unten auf meine Hose fallen lassen und darin versickern. Zum Glück ist es nicht kalt.

Rast mit Picknick

Der Fahrer grinst. Kein Wunder, er ist ja in seiner Motorradkluft auch trocken geblieben. Rastplatz? Frikadellen, Leberwurstbrot, hart gekochte Eier. Ich schmecke innerlich noch die alten Schulsandwiches: feuchte Socke auf Dachpappe.

Aber: Hier gibt’s Kaffee. Richtigen Kaffee. Vielleicht ist das Glück auf Reisen manchmal einfach nur: Ein trockener Fahrer. Ein nasses Abenteuer. Und ein heißer Kaffee.

Foto Blick aus dem Weinberg auf dem Bodensee
Blick aus dem Weinberg auf dem Bodensee

🏕️ Rituale des kleinen Glücks.

Nur noch ein paar Kilometer bis zum Bodensee. Und wie durch ein kleines Wunder wartet am ersten Campingplatz genau ein freies Plätzchen. Für uns. Für das Zelt. Für die Guzzi.Beim Campen gibt es Regeln. Unausgesprochen. Unverhandelbar.

🔸 Der Mann wirft das Zelt aus.

🔸 Die Häringe klopft er mit präziser Routine in den Boden.

🔸 Die Matten? Blasen sich gefälligst selbst auf.

🔸 Die Schlafsäcke dürfen einmal tief durchlüften.

Nach maximal fünf Minuten, so lautet das eherne Gesetz, muss er auf der gefalteten Matte sitzen. Rücken gerade. Blick zufrieden. Und das erste Bier macht: Plopp.

Alles andere wäre Hochverrat am Camping-Kodex.

Foto Motor im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen
In Friedrichshafen besuchten wir das Zeppelinmuseum und bestaunten die gigantischen Motoren
Foto Narr am Brunnen im Radolfzell
In Radolfzell sitzt ein Narr am Brunnen

🇨🇭Keine Kohle in der Schweiz.

Weil noch Zeit ist, fahren wir kurzerhand in die Schweiz. Der Fahrer murrt: „Zu spät.“

Die Guzzi schnurrt: „Zu schnell.“

Und beim Italiener in der Schweiz, Pizza auf dem Tisch, stellt der Fahrer plötzlich fest:

👉 „Keine Kohle.“

Aber ich? Ganz entspannt: „Hab doch meine EC-Karte.“

Was ich nicht wusste: Mit der EC-Karte funktioniert zwar der Pizzakauf, aber nicht die Lichtmaschine. Da waren wohl andere Kohlen gemeint.

Foto Pfahldorf
Pfahldorf am Bodensee – nicht nur dicht an, sondern im Wasser gebaut

Das Pfahldorf am Bodensee

Sechstausend Jahre ist es her, dass hier Menschen ihre Hütten auf Stelzen ins Wasser setzten. Steinzeit. Bronzezeit. Vielleicht aus Angst vor Überfällen. Vielleicht, weil’s beim Angeln praktischer war. Oder einfach, weil es ihnen gefiel.

So genau weiß es keiner. Manchmal bleiben von der Geschichte eben nur Geschichten.

Der Fahrer aber? Der hat keine Geduld mehr für Spekulationen. Seit wir neulich in die Schweiz fuhren, hat er die alte Guzzi etwas zu sehr getrieben. Ab einem gewissen Alter haben nicht nur Menschen, sondern auch Motorräder mit Beiwagen ihre kleinen Zipperlein.

Die Lichtmaschine schweigt. Der Fahrer möchte sie ans Stromnetz hängen. Doch auf dem Zeltplatz sind alle Steckdosen besetzt.

Immerhin gibt’s am Abend Bodensee-Felchen. Als Trost. Und zum Abschied.

🍒 Auf vertrautem Weg zurück.

Die Rückfahrt beginnt wie ein Déjà-vu. Am Straßenrand grüßen die großen, roten Früchte: Kirschen. Erdbeeren. Himbeeren. Ein leiser Hinweis: Der Sommer hat hier schon immer etwas Süßes im Gepäck. Gemächlich schaukelt uns die Guzzi über die Landstraßen. Nicht schnell. Aber stetig.

Hier gibt es immerhin bessere Chancen auf eine Werkstatt, falls die Lichtmaschine noch einmal schwächelt. Die Pferdchen traben ruhig und laut. Immer schön am Neckar entlang.

Bis Tübingen. Durch Tübingen. Bis zum Zeltplatz. Dort rührt sich nichts mehr. Die Mittagspause ist längst vorbei, aber das Motorrad macht einfach: Nichts.

Zum Glück gibt es freundliche Zeltplatzwarte. Und eine freie Steckdose.

Foto Motorradgespann Moto Guzzi
Ein letztes Mal Saft aus der Steckdose tanken – damit der Heimweg sicher ist

Und am nächsten Tag gibt es eine Pause in der Eisdiele, während die Batterie noch einmal für zwei Stunden geladen wird. Dann reicht der Saft – und wir kommen gut wieder nach Hause.

Beitrag veröffentlicht in der Zeitschrift Motorradgespann Nr. 131