Authentisch Reisen – oder Simulation der Wirklichkeit

„Im Vorwort zur zweiten Ausgabe (1843) von „Das Wesen des Christentums“ schreibt Feuerbach, unsere Epoche ziehe das Bild dem Ding vor, die Kopie dem Original, die Darstellung der Realität, die Erscheinung dem Sein – und sei sich dessen durchaus bewusst. Im 20. Jahrhundert wurde seine warnende Klage abgewandelt in die weithin akzeptierte Diagnose: eine Gesellschaft wird „modern“, wenn eine ihrer Hauptaktivitäten das Produzieren und Konsumieren von Bildern ist, wenn Bilder, die einen außerordentlich starken Einfluss auf die Forderungen haben, die wir an die Realität stellen und die selbst begehrter Ersatz sind für die Erfahrungen aus erster Hand, unentbehrlich werden für die Gesundheit der Wirtschaft, für die Stabilität des Gemeinwesens und das Streben nach dem privaten Glück.“

Feuerbach ging dabei noch von einem Gegensatz zwischen Original und Kopie aus, der durch eine statische Definition der Begriffe Wirklichkeit und Bild geprägt war. Der Grundgedanke ist, was wirklich ist, bleibt, nur die Bilder verändern sich. Heutzutage ergänzen sich diese Begriffe, wenn sich der Begriff der Wirklichkeit ändert, dann ändert sich auch der des Bildes und umgekehrt.

Heinrich Kupffer vertritt in seinem Vortrag dagegen die These, dass die Simulation die Realität ersetzt. Worte und Bilder werden nicht nur konvertierbar, sie werden auch gemeinsam zu einer neuen Wirklichkeit. Durch die Verbindung von Bildern mit einer Unterschrift, also Worten, entsteht ein Verhältnis zwischen Abbild und Repräsentandum, ein spezifischer Sinn, der durch die Unterschrift dem Bild verliehen wird. Massenhaft verbreitet bekommt das Bild einen Vorbildcharakter. Es repräsentiert ein Modell, nach dem das Leben einzurichten ist. Er wählt dafür das Beispiel des Tourismus:

Durch immer bessere und schnellere Verkehrsmittel ist es heutzutage unkompliziert und ungefährlich, weit weg zu reisen. Konkurrenz zwischen Reiseunternehmen fördert den Massenverkauf von Reisen zu relativ niedrigen Preisen, die in ferne Länder oder Gegenden führen und vor hundert Jahren nicht oder nur unter sehr großen Schwierigkeiten erreichbar waren.

Doch er vermutet, dass der Reisende zwar körperlich in dem betreffenden Land ankommt, aber psychisch nicht. Der Pauschaltourist erwartet, an seinem Urlaubsort einen gewohnten Standard, eine gewohnte, eine simulierte Umgebung vorzufinden.

Das moderne Reisen, das um seiner selbst willen und zum Vergnügen unternommen wird, gibt es noch nicht lange. Früher verreiste man nur aus Not oder religiöser bzw. wirtschaftlicher Ziele wegen. Erst im 17. und 18. Jahrhundert begann das Reisen zum Selbstzweck zu werden. Jeder, der genug Geld hatte und gebildet war, machte sich in den Süden auf. Italien mit seinen antiken Stätten gesehen zu haben, war das Reifezeugnis für junge Männer (und wenige Frauen). Die dabei erworbenen Kenntnisse konnten an keiner Universität vermittelt werden. Die praktischen Schwierigkeiten dieser Reisen waren noch erheblich, besonders durch die Überquerung der Alpen.

Der Massentourismus breitete sich zuerst in Richtung der Gastarbeiterländer aus. Dort ist es meistens wärmer und sonniger als in Deutschland. Später entdeckte die Tourismusindustrie, dass es außer den „normalen Pauschaltouristen“ auch „Abenteurer- und Entdeckertypen“ gibt und verkaufte Reisen in andere Länder unter anderen Vorzeichen. Die Wirklichkeit wird dort auf eine andere Weise simuliert, je nachdem, was der Tourist erwartet. Stellt sich heraus, dass es im Urlaub eine Konfrontation mit einer nicht simulierten Realität gibt, wenn Kakerlaken oder andere ortsübliche Haustiere die simulierte Idylle stören, dann wird meist der Reiseveranstalter verantwortlich gemacht und reklamiert. Es gibt noch wenige Orte, an denen eine Simulation schwierig ist. Sollte eine Frau allein im Iran unterwegs sein und am Strand einen Bikini tragen, dürfte es zu einer eher harten Konfrontation mit der dort herrschenden Realität kommen.

Reisen wird in immer mehr Ländern risikoreicher. Entführungen, Bombenanschläge, Bürgerkriege, die sich nicht nur gegen Einheimische, sondern auch gegen Touristen richten. Doch es hat den Anschein, als würde dieser Einbruch der Realität in das Bild vom Urlaubsland nur kurz anhalten. Zwar führen Ereignisse wie Bombenanschläge kurzfristig zu Reisestornierungen, doch nach spätestens ein paar Monaten ist der Schrecken vergessen. Dann buchen die Urlauber wieder, zumal die betroffenen Länder nach den imageschädigenden Ereignissen mit den Preisen heruntergehen.

Wozu verreist der Tourist überhaupt? Wie es in dem Ort aussieht, an den er fährt, weiß er längst aus den Prospekten. Sollte es von dem gewünschten Ziel keinen Prospekt geben, dann ist das kein Reiseziel. Hauptsache, er konnte sich vor seiner geplanten Reise ein Bild machen. Der Wunsch, zu verreisen, entsteht erst durch eine Vorstellung von dem Reiseziel. Die Vorstellung kann auf verschiedene Weise entstehen. Entweder erzählt jemand davon, oder es gibt Bilder in Fernsehen, Büchern oder Zeitschriften. Andererseits gibt es in den Urlaubsorten die Überlegungen „wie mache ich diesen Ort für Touristen attraktiv?“

Ich möchte dies an einem kleinen Beispiel aus der Region schildern. In Germerode (ein kleiner Ort in Hessen) gibt es keinen Sonnenstrand oder andere für Touristen attraktive Ziele. Dafür kann in Germerode eine andere Erlebniswelt simuliert werden: „Ferien auf dem Bauernhof“ beispielsweise. Außerdem gibt es in diesem Ort einen Wildpark, in dem die wilden Tiere „wie in der freien Natur“ gezeigt werden. Dies gilt natürlich nur für die ungefährlichen Tiere. Wildschweine sind besser in einem Gehege aufgehoben. Doch sollte der Urlauber Kontakt mit der nicht simulierten Wirklichkeit bekommen, indem ihm ein Wildschwein vor sein Auto gerät und dieses beschädigt, ist der Ärger groß.

Die Bilder – gerade von Reiseprospekten- sind Hochglanzfarbphotos. Und da ein Apparat diese Photos „gemacht“ hat, muss es dort so aussehen, denn die Kamera kann nur die Wirklichkeit abbilden und nichts anderes. Ich möchte ein wenig der Frage nachgehen, wie diese Bilder eine solche überzeugende Wirkung haben können.

Werden Bilder gemacht, indem ein technischer Apparat zwischen dem Menschen und dem Abbild steht, dann entsteht scheinbar ein objektives Abbild der Realität. Die Beziehung zwischen Abbild und Wirklichkeit scheint eindeutig „es ist so gewesen“. Was abgebildet wurde, muss sich vor der Kamera befunden haben. Diese Realität ist nur scheinbar objektiv, weil sie bestimmt ist vom Auge dessen, der real geschaut hat, seinen Wahrnehmungen und seinem Blickwinkel, auch unter dem Gesichtspunkt, was diese Bilder für Geld bringen, ob sie gut verkäuflich sind. (z. B. ein Bild, das eine schöne Hotelanlage zeigt, jedoch die Baustelle daneben nicht mehr) Das Bild ist ein allgemein verständliches Abbild der Realität. Die Bildunterschrift kann den Sinn wandeln. Wort und Bild zusammen simulieren verschiedene Realitäten.

Der erste Apparat, welcher authentische Bilder der Wirklichkeit lieferte, war die Camera obscura. Die Fixierung dieser Bilder geschah durch Malerei, in der Fotografie geschieht die Fixierung der Bilder durch chemische Mittel auf Trägern.

Die Fotografie hat zwei Möglichkeiten. Zum einen die authentische Wirklichkeitswiedergabe und zum anderen kann sie verborgene Strukturen der Wirklichkeit zur Anschauung bringen. Eine Stärke der Fotografie liegt darin, dass sie Bilder der Welt hervorbringt, und keine Projektionen des Bewusstseins wie die Malerei.

In der Malerei kann man das einzelne Bild als Sinnbild der gesamten Wirklichkeit sehen, in der Fotografie ist das einzelne Bild ein Ausschnitt aus einer größeren Wirklichkeit. Fotografien sind eine Interpretation der Welt durch die Auswahl des Fotografen. Die Wahrnehmung sortiert aus, entweder ist sie total oder detailliert. Die Wahrnehmung, das heißt die optischen Reize und die Erinnerung daran ist einer ständigen Selektion unterworfen, sonst ist die Anzahl der Reize, denen wir ausgesetzt sind, zu groß. Diese Selektion geschieht auch durch die Einordnung in wichtiges und unwichtiges. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Vexierbild, es ist immer nur eine Variante zu sehen, je nachdem was erwartet wird. Das Sehen hängt von der Erwartung ab, was zu sehen sein wird.

Warum wurde überhaupt die Fotografie als realistische Grundlage der Wahrnehmung akzeptiert? Vielleicht, weil seit der Renaissance die Maler mit der Camera obscura arbeiten, bei welcher ein naturgetreues Bild entsteht, welches mit dem Bleistift fixiert wird. Dieses diente dann der Skizzenerstellung, nach der dann das gemalte Bild entstand (z. B. Stadtansichten von Canaletto). Bekannt ist, daß Wahrnehmungsprozesse erlernt werden, haben wir dort das Wahrnehmen der Welt in Fotografien erlernt?

Fotografien wurden das erste Mal als „Beweismaterial“ bei einer Razzia auf Pariser Kommunarden im Juni 1871 verwendet. Fotografien sind auch ein Werkzeug moderner Staaten bei der Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung. Der zunehmenden Mobilität wurde mit einem Ausweis mit Lichtbild begegnet. Fotografien eigneten sich dazu besonders gut, durch die völlige Naturnähe der Abbildung, sie vermitteln das Untypische, Spezifische einer Szene, in diesem Fall einer Person. Potentiell ist diese Technik zur Überwachung des öffentlichen Lebens geeignet.

Allerdings werden zum Beispiel in Bestimmungsbüchern bei Pflanzen, in denen es darauf ankommt, das Typische und Allgemeine zu zeigen, immer noch von Hand gefertigte Zeichnungen bevorzugt, weil sie sich zu diesem Zweck besser eignen. Der Zeichner liefert in diesem Fall die besseren Ergebnisse, weil die Zeichnungen weniger realistisch sind. Bei diesen Zeichnungen könnte man sagen, daß mehrere Fotografien, Ansichten aus verschiedenen Blickwinkeln in ihnen vereint sind. Es entsteht keine Zeichnung eines Individuums, sondern die einer Pflanzenart.

Die Fotografie kann als Erfindung einer „Kopiermaschine“ bezeichnet werden. Trotzdem machen verschiedene Fotografen andere Bilder von ein und demselben Objekt. Nicht nur ein Abbild dessen, was gesehen wird, sondern es geschieht eine gleichzeitige Bewertung durch das, was der Einzelne durch die Kamera sieht.

Es ist für die Beachtung von Fotografien (besonders bei Berufsfotografen) wichtig, das Objekt auf eine neue Weise zu sehen und zu zeigen, besonders wenn es altbekannt ist.

Die Fotografie ist Teil eines Informationssystems (Familienalbum, Wettervorhersage, Mikrobiologie, Polizeiarbeit etc.) Die gezeigte Realität wird durch jeden entstehenden Zusammenhang neu definiert, zum Beispiel, ob die Fotografie Teil einer Dokumentation oder einer Überwachung ist. Glücklicherweise sind Computer bis jetzt noch nicht in der Lage, Bilder zu vergleichen. Fotografien einer Person, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurden, werden vom Computer als Fotografien verschiedener Personen interpretiert.

Durch Fotografie geschieht eine Zersplitterung von Kontinuitäten, da nur ein Moment einer kontinuierlichen Bewegung festgehalten wird. Das Bild wird bevorzugt als eine Reaktion auf die Aushöhlung der Wirklichkeit, welche nur noch als Fassade erlebt wird. Die Wirklichkeit bekommt erst eine Bedeutung, wenn sie es wert war, durch eine Kamera abgebildet zu werden.

Die Wirksamkeit von Bildern gründet auch auf der Vorstellung, dass die Bilder Eigenschaften des realen Gegenstandes besitzen. Daraus resultiert die Neigung, den realen Gegenständen die Qualität des Bildes zuzuschreiben. Es kommt zu einer teilweisen Identität zwischen dem Bild und der darauf abgebildeten Wirklichkeit durch die mechanische Entstehung der Fotografie und die Präzision der Wiedergabe.

Realität kann man nicht besitzen, wohl aber Bilder. Das Bild bestätigt, dass der Gegenstand, der gezeigt wird, existiert.

Fotografiert wird von Anfang an auch um Vergangenheit zu bewahren. Dies geschieht als ein Ritual, um einen imaginären Besitz der Vergangenheit zu erhalten. Die Familienfotografie etablierte sich im Moment des Wandels der Institution Familie. Durch das Ritualelement werden Wandlungen markiert wie Taufe, Schuleintritt, Abschlussfeier, Hochzeit, Geburt der Kinder. Diese Wandlungen werden visualisiert und festgehalten in Fotografien (neuerdings auch auf Video). Der Wandel wird dabei bildhaft deutlich. Die Fotos dienen als Zustandsbericht, um eine bessere Identifikation mit der neuen Rolle zu erreichen. Mythen (wie z. B. die intakte Familie) entstehen in der heutigen Zeit dadurch, dass fast nur privates fotografiert beziehungsweise gefilmt wird, der Rest ist nicht „zeigwert“, das Glück ist im Privaten zu suchen und hoffentlich zu finden.

„Die Fotographie befreit also die bildhaften Erinnerungen aus ihrer absoluten Isolation, indem sie über ein Foto kommunizierbar werden; so sah der Opa aus, so das geliebte Spielzeug der Kinderzeit.“

Eine Auswirkung der massenhaften Verbreitung der Fotografie im privaten Bereich ist auch, dass noch mehr von dem, was in diesem privaten Bereich an Bildern entsteht, zum Zwecke der Selbstüberwachung verfügbar gemacht werden kann. Posen und Bewegungsfolgen dienen in den Medien zur optimalen Vermittlung von Botschaften, besonders von Gefühlen. Es sind keine natürlichen, spontanen Emotionen. Traditionelle Formen der Freude (so es welche gibt) sind auch im privaten Bereich nicht mehr gefragt, es findet immer ein kleines Theaterspiel für das Foto oder das Video statt.

Die Gesichter von Menschen, die nicht wissen, daß sie beobachtet werden, haben etwas an sich, das verschwindet, sobald sich diese Menschen beobachtet fühlen. Wenn nicht bekannt wäre, wie Walker Evans seine U-Bahn-Photos gemacht hat (er fuhr mehrere hundert Stunden lang in der New Yorker U-Bahn, wobei die Linse seiner Kamera zwischen zwei Knöpfen seines Mantels hervorlugte), ginge aus den Fotos selbst eindeutig hervor, daß die im Sitzen aufgenommenen Fahrgäste, obwohl sie aus nächster Nähe fotografiert wurden, nichts davon wussten. Sie zeigten ihr privates Gesicht, nicht das Gesicht, das sie der Kamera präsentiert hätten.

„In der Hoffnung, auch ihrem eigenen Dasein endlich als Zuschauer beiwohnen zu können, raffen sich alle Beteiligten (an einer selbstinitiierten Videoaufzeichnung ihre Familienalltags) zu einsamen Glanzleistungen in der Darstellung von Familienharmonie auf. Man spielt Familie – und manchmal wird es dabei sogar eine.“

„Fotografieren heißt, sich das fotografierte Objekt anzueignen als ein Bruchstück der Welt. Kameras als Wunschmaschinen verwandeln die damit fotografierten Menschen in symbolisch besitzbare Objekte. Augenblicke werden überprüfbar, welche sonst einfach vorbei sind.“

Die Besitzergreifung durch die Fotografie geschieht, indem man das Bild als Ersatz einer Person oder eines Gegenstandes besitzt und durch das Herstellen einer Konsumentenbeziehung zu Ereignissen, die wir selbst erfahren haben oder die von anderen so erfahren wurde. Die Fotografie wird dabei als Information, nicht als Erfahrung angeeignet.

Durch ihre massenhafte Verbreitung demokratisiert die Fotografie das visuelle Wissen von der Welt. „…jede Erfahrung durch ihre Übersetzung in Bilder zu demokratisieren“, Bilder werden an die Stelle der Wirklichkeit gesetzt, Bilder, die meistens noch nicht einmal die eigenen sind, sondern aus Prospekten, Zeitschriften oder dem Fernsehen konsumiert wurden.

Die Fotografie dient auch als eine Abwehr von Ängsten (besonders bei der Fotografie der Touristen) ebenso wie als Instrument der Macht.

Es ist möglich, das Denken durch gestellte Bilder zu manipulieren, die Sachverhalte darstellen, die so nicht der Wahrheit entsprechen. Zum Beispiel wurde im Krieg gegen den Irak durch die Auswahl der Bilder eine saubere Perfektion des technischen Krieges simuliert.

Auch bekannte Pressefotos bleiben in der Erinnerung, sie zeigen markante Wendepunkte. Der gestellte Händedruck bei Torgau zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten dient der Visualisierung eines Sachverhaltes in Metaphern und Symbolen.

„Fotografieren heißt Bedeutung verleihen“: Viele Fotografien in Zeitungen, Bilder im Fernsehen zeigen Bilder von Katastrophen. Bei Abbildungen in den Medien gibt es eine Konkurrenz des Schreckens, um Auflagen oder Einschaltquoten zu steigern. Dem gegenüber steht ein gewisser Voyeurismus beim Zuschauer. Bilder von grausamen Ereignissen (Krieg, Katastrophen) befriedigen die Neugier, und geben die Gewissheit, selbst verschont zu sein, woraus ein verstärktes Interesse resultiert.

Es macht sich Enttäuschung bemerkbar, wenn Menschen die Realität sehen, von welcher sie vorher Bilder gesehen haben. Bilder beunruhigen mehr, als das tatsächliche Erleben. Das liegt sowohl daran, daß Vorgänge gerade im Film auf Minuten verdichtet werden (während die realen Vorgänge Stunden oder länger dauern), als auch daran, daß Vorgänge nicht nur verdichtet, sondern auch reduziert werden auf das „interessanteste“ in der Absicht zu faszinieren oder zu schockieren.

„Stern: Und sie haben den Effekt, daß sie Politiker auf Trab bringen – siehe Sarajevo, siehe Somalia, siehe jetzt auch Ruanda.

Wickert: Das sagen die Rote – Kreuz – Leute auch. Goma war schon länger ein Problem, aber erst nachdem das Fernsehen darüber berichtet hatte, wurde es zum Thema für die Politiker.

Stern: Also reagieren Politiker nicht aufgrund einer ethisch – moralischen Grundhaltung…

Wickert: …wäre schön, wenn sie es täten.

Stern: …sondern weil die Menschen über die Bilder in den Medien erschrecken und Druck auf die Politiker ausüben?“

Mit anderen Worten: Fotografien und Filme in Massenmedien verbreitet, können neue Realitäten schaffen.

Die Wahrheit der Pressebilder ist heute mehr denn je in Frage gestellt. Denn durch die Möglichkeit der Bild- und Filmbearbeitung im Computer ist es möglich, z. B. Personen nicht nur wegzuretuschieren, sondern sie auch völlig „echt“ in Zusammenhängen oder an Orten zu zeigen, an denen sie nie gewesen sind. Bilder sind nicht nur auf Zelluloid speicherbar, sondern auch in Bytes und Bits im Computer. Damit wird es einfacher, Bilder zu machen und zu manipulieren, der Beweischarakter von Fotos wird reduziert.

Die Realität wird aber nicht nur durch Wort und Bild simuliert, sondern auch auf handfestere Weise. Es gibt nachgemachte Trendklamotten und Plagiate von Künstlern. Täuschend echt gefertigte Imitate aus Fernost, billige Rolex-Uhren, taiwanesische „echt Erzgebirger“ Räuchermännchen, alles wird angeboten und verkauft. Nicht echt, aber täuschend echte billige Kopien, um in einer Illusion zu leben, sich das alles leisten zu können. Hauptsache, das begehrte Zeichen (z.B. Krokodil) ist auf dem Imitat deutlich zu sehen, vor allem für die anderen. Denn reines Genießen ist unmöglich, jedes Genießen bezieht sich auf den Blick eines Dritten. Schon Don Giovanni bei Mozart hat die Aufzeichnungen in Leporellos Liste höher geschätzt als das Vergnügen selbst.

Überall wird von aufgedeckten Fälschungen berichtet. Ob es Hitler-Tagebücher sind oder Pseudointerviews mit Prominenten, in den Medien wird ebenfalls gefälscht. Unter dem Druck der Auflagenzahlen und Einschaltquoten, immer auf der Suche nach einer guten Story, kaufen sie alles, was sich halbwegs vernünftig anhört. Dabei gehen selbst seriöse Informationsanbieter manchmal in die Falle. Daß gerade die Medienwelt ein beliebtes Ziel von Fälschungen ist, erklärt sich aus der Marktsituation. Ihr Geschäft ist der Handel mit Informationen. Wie gut die sind, läßt sich nur schwer objektiv feststellen. Vielmehr bestimmt sich ihre Güte nach Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Verläßlichkeit, Brauchbarkeit oder Aktualität. Weiche Faktoren, welche nicht leicht zu überprüfen sind.

Durch die Masse an Information ist eine Kontrolle auch kaum noch möglich. Medienmacher sind, genau wie die Konsumenten, der Flut von Information und Desinformation ausgeliefert

Durch die Überzeugungskraft von Bildern wird eine zweite, eine künstliche Wirklichkeit etabliert, welche vor die eigentliche, die faktische Wirklichkeit geschoben wird. Fotografie besitzt genauso wie Film oder Fernsehen, als reproduzierbares Medium, Massencharakter.

Es gibt die Tendenz, diese Bilder nicht mehr in Frage zu stellen, alles nur noch anhand von Bildern, die bereits im Kopf sind (und sehr viel Ähnlichkeit mit Stereotypen und Vorurteilen haben) zu sehen. Entweder wird übersehen, was nicht in’s Schema paßt oder es wird versucht, die Wirklichkeit anzupassen. Das möchte ich mit zwei Beispielen belegen.

In der durch Massenmedien simulierten Wirklichkeit nehmen uns ausländische Arbeitnehmer die Arbeitsplätze weg, sind kriminell, dreckig, faul… Der einzig real wahrnehmbare ausländische Arbeitnehmer ist Ali, der „Alibitürke“. Bei dem stimmt das nicht. Er ist fleißig, wäscht sich andauernd und bringt sogar das vergessene Portmonnaie hinterher. Es entsteht ein Sprung zwischen der erlebten Realität und der simulierten Realität. Doch die simulierte Realität ist stärker, denn dann trifft das Vorurteil eben für alle anderen ausländischen Arbeitnehmer, außer dem Ali, zu.

Bilder aus einem Slumviertel, die nicht in das Image einer Stadt paßten, hatten zur Folge, dass das Viertel abgerissen wurde, aber nicht, dass den Bewohnern geholfen wurde, ein menschenwürdigeres Dasein zu führen. Das passierte in New York, nachdem Jacob Riis, ein Fotograf, Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Elendsviertel, Mulberry Bend, fotografiert und diese Fotos veröffentlicht hatte. Anschließend ordnete Gouverneur Theodore Roosevelt an, es abzureißen: Die Wirklichkeit der Stadt wurde nachgebessert, veröffentlichte Bilder veränderten die Wirklichkeit.

Durch die Bilderflut in den Massenmedien, die scheinbar keine Informationslücken läßt, wird die Phantasie der Betrachter nicht mehr benötigt.

Wo das Buch und der Film über die Lücken in den symbolischen Texturen funktionieren, mit Hilfe des Unausgesprochenen, welches erst von der individuellen Phantasie in Szene gesetzt wird, besetzen die Bilder in den Medien die Einbildungskraft durch die Verfügbarkeit aller Bilder.

Und um zurück zur Blogparade von Ulrike zu kommen, für die jetzt dieser Text gedacht ist: Authentisches Reisen gibt es nicht. Es findet in unserem Kopf statt, in unserer eigenen Wirklichkeit – und ist immer das, was wir selbst dafür halten.

Auf alten Wegen unterwegs

Wozu brauchen Menschen Wege?

Vielleicht wollen sie die Nachbarn im nächsten Dorf besuchen oder einmal über den Hügel schauen – um zu sehen, was für eine Welt sich hinter diesem befindet. Alte Wege wurden nicht von Verkehrsplanern angelegt, sondern entstanden ganz von selbst, so wie die Trampelpfade im Park: Dort, wo es sich bequem gehen lässt, dort wird gegangen, geritten und gefahren.


In seinem Buch „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ beschreibt Hansjörg Küster, wie einst die Wege entstanden und überhaupt die Landschaft, die uns heute so scheint, als sei sie schon immer so gewesen. Das Buch war für mich insofern spannend, da mir bis dahin nicht klar war, dass ja die Hohlwege, wie sie in vielen Mittelgebirgen und Wäldern vorhanden sind, sich nur selten aus einer Laune der Natur heraus gebildet haben, an Grabenbrüchen beispielsweise, sondern im Lauf der Zeit durch Karrenräder geformt wurden.

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Römerstraße in Cordoba.

Während die Römer Steinwege anlegten, auf denen sie nicht nur ihre militärischen Einheiten, sondern auch Waren und Güter schnell befördern konnten, blieben alle anderen Wege unbefestigt. Manche sind es bis heute und verbinden Orte durch Feld-, Wald- und Wiesenwege. Bin ich heute unterwegs, ärgert es mich durchaus, wenn die Wege fast unpassierbar sind, nur weil Traktoren oder andere Maschinen auf ihnen fuhren und tiefe Spuren hinterließen. Dabei dürfte das früher nicht anders gewesen sein: Ochsen, Pferde und Karrenräder gruben sich immer tiefer in die Erde, Pferdehufe und Wagenräder wühlten den Schlamm auf, sorgen für metertiefe Rillen, die sich im Lauf der Zeit immer tiefer in den Löß hineinfrästen. So entstanden Hohlwege, die bis heute existieren.

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Ein typischer Hohlweg im Wald

Dieser Hohlweg führt zu einer Anhöhe, auf der vier Linden wachsen. Einst soll dort eine Richtstätte gewesen sein, sagte die Tafel, die bei den Bäumen stand. Als der Hügel noch unbewaldet war, konnten die Linden sogar von Nürnberg aus gesehen werden.

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Rinne im Stein: Ein alter Weg.

Entlang der Wege, die in vielen Fällen oben auf den Kämmen der Berge führten, wurden Burgen gebaut, zunächst zur Sicherung des Handels, später auch zum Raub der Güter. Pfalzen entstanden als Herbergen für Könige und Kaiser, jeweils eine Tagesreise voneinander entfernt. An flachen Stellen ließen sich Flüsse überqueren, dort siedelten sich Menschen an. An unterwegs errichteten Kapellen beteten die Menschen zum Heiligen Georg, dem Schutzpatron der Reiter und dem Heiligen Leonhard, Schutzpatron der Fuhrleute.

War der Untergrund felsig, gruben die Räder der Karren tiefe Rillen in den Stein.

Bis in die Neuzeit hinein gab es unterschiedliche Wegenetze, die unabhängig voneinander existierten und nicht immer auf den gleichen Wegen führten und für den Handel, die Pilgerreise, Viehtrift und als Heeresstraßen dienten.

Das ist mein Beitrag zum Projekt 52 bei Frau Mondgras, der Klick auf den Link führt zu den anderen Teilnehmern.

Morgendämmerung auf dem Walberla

Morgenstimmung am Walberla.

Die Zeit eilt, rasch, zieht vorbei – so wie sich der Morgennebel vor der Sonne versteckt. Ich ziehe meine Schuhe und die alten Sachen an und wandere hinauf, dorthin, wo einst die Kelten wohnten.

Morgens um sieben. Das ist mein Beitrag zum Projekt 52 bei Frau Mondgras. Klick auf das Logo oder den Link führt zu den anderen Teilnehmern.

Lesezeichen auf allen Wegen

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Markierung Elisabethpfad: Weißes „E“ auf rotem Aufkleber mit dem stilisierten Gesicht von Elisabeth

Unterwegs sein. Während es heute Navi, Karten und sonstige Hilfsmittel gibt, habe ich mich vor einiger Zeit gefragt, wie das wohl früher gewesen sein mag. Ich wanderte auf den Spuren der heiligen Elisabeth von Eisenach bis Marburg – und musste oft genug die Zeichen suchen, bevor ich sie lesen konnte. Manchmal waren die Aufkleber hinter einem Schild versteckt, manchmal musste ich erst ein Stück Weg gehen, manchmal sah ich sie, wenn ich mich umgedreht habe, weil ich dachte: Hier kann es jetzt nicht sein. Ging ich den bequemen Weg, war es oft nicht der richtige, aber immerhin hatte ich die Zeichen an Bäumen und Laternenpfählen.

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Winterlinden

Früher gab es diese Zeichen nicht. Dafür standen Winterlinden an Kreuzungspunkten: Von einer Linde zur nächsten reichte der Blick und zeigte, wie der Weg weiter ging. Die Fuhrleute wussten davon, schließlich waren sie darauf angewiesen und wollten nicht den falschen Weg wählen. Wahrscheinlich konnte man sich damals als Ortsunkundiger von Gasthof zu fragen und bekam immer die nächste Etappe erzählt. Nehme ich mal an.

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Das ist mein Beitrag zum Projekt 52 bei Frau Mondgras im Februar: Lesezeichen.

Projekt 52: Winter am Walberla

Jeden Morgen erwacht der Tag und mit ihm die Lust, in die Welt hinauszuziehen. Wohin des Wegs ich gehe, richtet sich nach Wind und Wetter, Lust und Laune: Heute geht es hoch auf den Berg, aufs Walberla, der immer von ferne grüßt, sobald ich mit dem Auto in Richtung Forchheim unterwegs bin.

Die Sonnenstrahlen wärmen in der eisigen Luft, doch je höher ich steige, desto rauer weht der Wind. So leiste ich der Walburga, die vor ihrer Kapelle steht, nur kurz Gesellschaft. Ob ihr kalt ist, so wie sie bei Wind und Wetter draußen warten muss? In der kleinen Kapelle könnte sie Schutz finden, leider ist die Tür fast immer fest verschlossen. Die Schlittenkufen der Kinder spurten Parallelen in den Schnee, die im Sonnenlicht golden glänzen und bis hoch zur Spitze führen. Von hier aus ist die Sicht weit, so lange, bis die Dämmerung kommt.

projekt52_2.jpgDas ist mein Beitrag zum Projekt 52 bei Frau Mondgras. Eigentlich gilt es, jede Woche ein Bild zum Thema zu finden, doch der Januar ist schon so weit. Deswegen habe ich viele Bilder auf dem Weg zum Walberla gemacht und sie zu einem kleinen Film zusammengepackt. Viel Vergnügen damit.

Edit: Da habe ich doch gestern glatt vergessen, Frau Mondgras zu verlinken. Wird prompt nachgeholt: Da ist der Link. 

Die Musik stammt von:
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