Walpurgis auf dem Walberla

walberla 015Ich habe nur Männer auf dem Walberla getroffen. Nein, ganz stimmt das nicht. Ein Pärchen war auch auf dem Berg. Aber sie war bestimmt keine Hexe, sie war viel jünger als der Mann, dessen Hand sie hielt. Und um sich einen älteren Mann zu angeln, brauchen Frauen keine Hexenkräfte.

 

Aber sonst: Männer bauten die Zelte auf, stellten die Bänke in Reih und Glied und brüllten sich dabei so laut an, dass ich es von ganz weit weg noch hören konnte. Glücklicherweise waren sie fast fertig. Bald standen die Buden rund um die kleine Kapelle mit geschlossenen Klappen parat, damit zur Kirchweih am Wochenende auf dem Walberla alles pünktlich fertig ist. Weil ich dort vor einem Jahr schon war, ja, ich weiß, ich könnte auch jedes Jahr, trotzdem wollte ich dieses Mal am Vorabend des ersten Mai dort sein. Zur Walpurgisnacht, nein, nicht ganz: zum Walpurgisabend.

walberla 034Walburga. Seit dem 9. Jahrhundert wird ihr Fest am 1. Mai gefeiert, besonders in Eichstätt, dort, wo sie einst als Äbtissin im Kloster wirkte. Walpurgisnacht heißt die Nacht davor, es ist eine Nacht, in der Hexen feiern und Schabernack treiben, bis sie von der Sonne zurück in die Dunkelheit vertrieben werden. So wurden vorchristliche Riten praktischerweise umgedeutet und alle machten mit. Walburga selbst stammte übrigens ursprünglich aus England, so wie ihr Onkel Bonifatius, der durch das finstere und heidnische Germanien mit der Axt durch die Gegend zog und überall viele Donar-Eichen fällte, bis er schlussendlich von den Friesen erschlagen wurde. Aber das kann ich ganz gut verstehen, da oben an der platten Küste wachsen nun einmal nur wenige Eichen und die wurden wahrscheinlich gebraucht, um Boote für den Fischfang zu bauen. Wenn da einer kommt, und die so schnöde abholzt, dann werden die Friesen eben sauer.

Die Feldlerchen stiegen zuerst senkrecht aus dem Gras in den Himmel auf, stürzten sich zurück auf die Maulwurfshügel, die in der Wiese dunkle Haufen bildeten und pickten. Eine Goldammer saß schon auf oben der Bank, verzog sich aber schnell, als ich kam. Dabei wäre genug Platz für uns beide gewesen. Ich hätte ihr auch was von meinem Brot abgegeben, so ein paar Krümchen hätten der Goldammer bestimmt gereicht.

walberla 009Selbst der Straßenlärm von unten war hier oben kaum zu hören. Nur drei dunkelgrüne dicke Flugzeuge dröhnten über das Walberla mit ihren jeweils vier Propellern hinweg. Unten flogen die kleinen Schirmchen der Pusteblumen über die Wiesen hinweg, die in der Senke liegen, während ich vom Walberla zum Männla, dem Rodenstein, gehe.

 

walberla 039Auf dem Walberla selbst steht mir rund um die Kapelle einfach zu viel Zeug, da komme ich lieber noch einmal wieder, wenn die Buden weg sind und die Walburga allein und einsam auf Besucher wartet.

 

 

Zwei junge Männer schnauften die Treppe zum Rodenstein hoch und wollten auch noch ein Plätzchen auf der Bank: „Schön hier, müsste man eigentlich ein Gedicht darüber schreiben“, meinte der eine, setzte die Flasche mit seinem isotonischen Getränk an den Mund und trank, bis das Plastik knisterte. Der andere verglich das Walberla mit der französischen Marneschlucht und fand es schon einmalig. Die beiden zappelten und fanden keine Minute Ruhe, gingen auch bald weiter. Oder zurück, was weiß ich.

walberla 016Die Sonne färbte die Wolken, ging bald unter und ich ging wieder vom Rodenstein zum Walberla. So ohne Taschenlampe wollte ich nicht im Dunkeln über die rutschigen Wege steil bergab stolpern. Kurz bevor ich den Berg verließ, sprach mich noch jemand an, ein Mann, was sonst: Ob ich hier auf die Hexen warten würde. Doch, es kämen jedes Jahr Hexen mit Fackeln auf den Berg. Nur Feuer dürfe hier oben nicht sein, wegen Naturschutzgebiet und so. Die Mädchen aus dem Ort unten seien schon ganz aufgeregt, erzählte er und entschwand in Richtung Schlaifhausen.

Auf dem Weg nach unten kamen mir tatsächlich Frauen entgegen, ganz ohne Fackeln und Licht. Aber viele waren es nicht. Vielleicht ziehe ich mir im kommenden Jahr eine wärmere Jacke an, dann kann ich auch länger oben auf dem Berg bleiben und gucken, ob wirklich Hexen zur Walpurgisnacht auf das Walberla kommen, damit sie am Tag danach mit Kopfweh daheim bleiben, während die Menschenmenge zur Kirchweih am Walberla pilgert.

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