Eine Postkarte aus: Stralsund

Stralsund, Ozeaneum

Stralsund, Ozeaneum

An der Ostseeküste war das Wetter im Juni nicht immer nur warm und sonnig, sondern kalt und regnerisch. Ganz wie es wollte. Dafür gab es das Ozeaneum in Stralsund: Viel Wissenswertes über Meere, speziell Ost- und Nordsee, dazu Aquarien. Hier schwebten die Quallen schwerelos, die als glibbrige Pakete von den Ostseewellen sonst auf den Sand getragen werden und dort langsam eintrockneten. Ich könnte diesen schwebenden Wesen aus einer anderen Welt stundenlang zuschauen und mich dabei ebenso schwerelos träumen. Irgendwann meldete sich die Wirklichkeit um mich herum zurück, plärrten Babys auf den Rücken ihrer Väter, verlangten Kinder nach Keksen und Saft, patschten auf die Aquariumscheiben: „Guck mal, der schwimmt jetzt zu mir“.

Postkarten waren einmal? Nein, Postkarten sind immer noch schön. Früher diente die Post- oder Ansichtskarte dazu, dem Empfänger zu zeigen, wo ich bin, dass es mir gut geht – und dass ich an diejenigen denke, die zu Hause bleiben mussten. Zwar wurden in Zeiten von Mails und Statusmeldungen auf Facebook die Postkarten weniger, trotzdem sind sie wunderbare kleine Textminiaturen.

Deswegen zeige ich hier regelmäßig einmal im Monat eine Postkarte, von einem Ort, an dem ich einmal war. Wer mag, kann sich anschließen, eine Postkarte in seinem Blog mit einem kleinen Text versehen – und hier verlinken. Für diese Reihe habe ich mir den 11. jeden Monats ausgesucht. Wer mitmachen mag, verlinkt seinen Beitrag einfach unten als Kommentar: So finde ich – und andere Postkartengucker – diesen im weltweiten Netz.

Die Sehnsucht nach der Ferne

Eigentlich.

Eigentlich bin ich ein Stubenhocker. Seit ich denken kann, sitze ich lieber zu Hause in einer ruhigen Ecke herum, lese und hoffe, dass mich keiner stört. Schon als Kind habe ich lieber gelesen, als sonntäglich weißbestrumpft mit den Eltern spazieren zu gehen.

Die Bücher, die ich las, entführten mich dagegen in fremde Welten: Ich reiste mit Darwin auf der Beagle, mit Gulliver nach Liliput und Brobdingnag, baute mit Robinson eine Hütte, überlistete mit Jim Hawkins die Piraten und schipperte mit Huckleberry Finn auf dem Mississippi herum.

Vor nicht allzulanger Zeit beschrieb ich auf meinem anderen Blog www.jaellekatz.de über das, was für mich Heimat ist: (link)

„Heimat: Das ist für mich dort, wo ich mich zu Hause fühle. Das kann ich überall haben, das kann ich mir überall selbst machen. Manchmal brauche ich dafür nur ein bisschen Farbe, um mir die Wände bunt zu streichen.“

Sabines Frage  “Was bedeutet für dich Fernweh?” auf ihrem Blog Ferngeweht.de hat mich angestupst, auch darüber einmal nachzudenken: Ist Fernweh für mich eine Sehnsucht nach einer erreichbaren Ferne, so wie das Gefühl: Kaum bin ich zu Hause, will ich schon wieder weg?

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Sehnsucht in die Ferne, dorthin, wo der Horizont unendlich weit weg scheint.

Im Gegensatz zu früher bin ich heute durchaus sehr gerne unterwegs. Ich muss ohnehin lange genug sitzen und auf meinen Monitor gucken, während ich Texte schreibe. Irgendwann werde ich dabei kribbelig, besonders, wenn draußen gutes Wetter lockt. Da meine Arbeit mir das oft erlaubt, kann ich einfach raus und irgendwo unterwegs sein. Für ein paar Stunden zwischendrin fahre ich nicht so weit, da reicht es mir, wenn ich rund um die Fischweiher oder das Walberla laufen kann. Habe ich einen Tag oder das Wochenende frei, bleibe ich auch selten zu Hause. Dann geht es oft etwas weiter weg, in die Fränkische Schweiz etwa oder in den Aischgrund.

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Genau hingucken. Die kleinen Schönheiten entdecken.

Das klingt erst einmal nicht so spannend. Wo bleiben die Abenteuer? Ich verreise doch, weil ich etwas erleben möchte!

Da ich aber erst vor anderthalb Jahren nach Franken zog, fühlt sich das Entdecken der Täler, Berge, Höhlen und Ebenen immer noch wie ein endloser Urlaub an, der hin und wieder von der Arbeit unterbrochen wird. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt – ob in Franken oder anderswo – und versuche, im Fremden das Vertraute zu suchen. Das hat wenig mit der Entfernung zu tun: Viele Reisende sind hocherfreut, wenn sie irgendwo in der weiten Welt jemanden aus ihrer ursprünglichen Heimat entdecken. Das kann im Zweifelsfall auch jemand sein, mit dem sie zu Hause kein Wort wechseln würden.

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Wo war das? Egal. Lustig war’s trotzdem.

Längst sind (fast) alle Orte der Welt innerhalb einiger Stunden erreichbar. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich alles auflöst, alles beliebig wird. Warum soll ich auch nach Tasmanien fliegen, wenn schon so viele Menschen dort sind? Kommen Kinder mit ihren Eltern aus dem Urlaub, können sie sich anschließend in ihrer Klasse über die Form der Sonnenschirme im Urlaubsresort unterhalten. Strand und Pool waren überall, doch was sahen sie von Tunesien, der Türkei oder Spanien außerdem?

 

 

 

Fernweh ist eine Sehnsucht. Da ich immer noch gerne und viel lese, kann ein geschriebener Text diese Sehnsucht nach: „Das will ich auch erleben“ auslösen. Ein Artikel von Iris Mainka, beispielsweise, die über den Vogelsberg und die ruhige Suche nach den dortigen Vögeln beschrieb, lockte mich dorthin. Da macht es nichts, wenn ich bei meiner eigenen Suche auf andere Dinge als die vorher beschriebenen stoße.

Ich bin gerne unterwegs, lasse mich treiben, fahre einfach los, halte, wo es mir gefällt und ich denke: Will ich mir jetzt genauer ansehen. Später mache ich mir Notizen, halte Eindrücke, Erinnerungen und Assoziationen fest, manchmal wird ein Text daraus. So bin ich aufmerksamer unterwegs, stolpere über die Baumwurzeln, die den Weg kreuzen, schnuppere den Geruch der blühenden Linden, warte, bis der Fuchs vor mir mit einem Hupf wieder im Gebüsch verschwindet und kann leider nicht sagen, welcher Vogel rechts über mir singt.

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Innehalten. Sonst kann der Schmetterling nicht landen.

Da ich das, was ich suche, in mir selbst trage, in mir selbst gewissermaßen zu Hause bin, stille ich die Sehnsucht nach einem anderen, nach einem vermeintlich viel besseren Leben nicht durch rastloses durch-die-Welt-irren. Ich setze mich zwischen die Blumen, schaue den Schmetterlingen nach und genieße den Tag.