Premium auf Wanderwegen unterwegs

Das lateinische Wort praemium heißt Belohnung, oder Beute. Welche Belohnung wartet auf mich, wenn ich auf einem der vielen Premium-Wanderweg laufe, die es inzwischen in unserem Lande so gibt? Überhaupt, was qualifiziert einen Premium-Wanderweg dafür?
Heißt das, er ist besonders kuschelig und bequem, das Glück hängt quasi schon pflückbereit am Baum und wartet darauf, dass man es mitnimmt, vielleicht soll der Name dem zünftigen Wanderer schlicht suggerieren, er leiste sich selbst beim Laufen durch Feld, Wald und Flur etwas Besonderes?
Ich begebe mich auf die Spuren, die andere für mich gelegt haben, auf die Spuren des P13, des Premiumweges Nr. 13. Dieser befindet sich im nordhessischen Ringgau und führt rund um die Burgruine der Boyneburg, also dort, wo sich ohnehin Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Die Beschilderung auf dem Premiumweg.

Damit niemand auf die Idee kommt, ein Premiumweg sei so rein fürs Vergnügen, erklären die Schilder, was es auf diesem alles zu beachten gibt.

Immerhin gibt es hier eine mehr als korrekte und ausreichende Beschilderung, schließlich soll sich der Wanderer weder verlaufen, noch einen der Aussichtspunkte verpassen. Kurz vor Grandenborn parke ich das Auto an einer Kurve und gehe links bergauf. Für eine ganze Weile führt der Weg an Grenzsteinen entlang. Ich bin auf dem Schickeberg, sagt die Karte. Das links der Abgrund gähnt, wäre sicherlich übertrieben, aber an einigen Stellen ist der Weg schon eher ein enger Pfad, hangwärts geneigt und etwas rutschig. Trittsicheres Schuhwerk an den Füßen ist da sicher nicht verkehrt.

Bank mit zugewachsener Aussicht. Auch auf dem Stein ist das P13 aufgemalt.

Hin und wieder gibt es eine schöne Aussicht und nicht jede ist so zugewachsen wie diese hier – doch dann begegnen sich Himmel und Erde, ganz wie es der Wetterbericht vorhergesagt hat:

Es beginnt zu regnen. Immer noch geht es stetig bergauf, mir wird mehr als warm. So wird auch die Jacke eher von innen denn von außen nass, auch dank des dichten Buchenblätterdaches über mir, das den Regen wie ein etwas löcheriger Regenschirm von mir wegleitet, so dass nur wenige Tropfen durchdringen. Der schmale Pfad ist für einen dichten Wandergruppenpulk sehr ungeeignet, hier kann man nur in langer Gänsereihe hintereinander gehen, ohne miteinander zu schnattern.

Schmaler Pfad zwischen hohen Buchen.

Später wird der Weg karrenbreit und grün überwachsen, an einer Kreuzung ist eine Futterkrippe aufgebaut, an der man überdacht seinen rucksackwärts getragenen Proviant frühstücken kann.
Der Regen hat den Vorteil: Ich bin alleine unterwegs, außer Reh, Hase und Fuchs ist niemand hier.

Noch eine Bank mit Aussicht ins Tal.

In Richtung Boyneburg macht der Weg ein extra-Schleifchen. Der Blick ins Tal ist regenschwer, durch das kniehohe hohe Gras werden die Hosenbeine bis weit über die Knie patschnass.

Hohe Brennnesseln rund um die Boyneburg wollen mir das Drum-Herum-Streifen verwehren.

Hinter der Burg heißt es aufpassen, denn der richtige, der Premium-Weg, zweigt rechts unscheinbar ab, kurz vor einem breit ausgebauten Waldweg. Am rechten Hang liegen Felsbrocken, flauschig grün mit Moos überzogen und wie zu einer wilden Sitzgruppe sortiert.
Auch die Bäume haben sich dicke grüne Moossocken angezogen.
Praktisch: Auch wenn der Pfad nur so schmal ist, dass man ihn einzeln gehen muss, bis jetzt ist er gut ausgeschildert, so kann man auch ohne Karte nicht fehlgehen. Übersichtstafeln hängen gelegentlich an Bäumen und rote Punkte darauf künden jeweils: Bis hierher bist du, Wanderer, schon auf dem Weg gekommen.
Aus dem Wald heraus reicht der Blick weit über kleine Felder und ein Dorf. Ein Schlenker scheint nur des Ausblickes wegen den Weg zu zieren. Was hier fehlt, ist ein Schild über dem Ort, wo der Name praktisch auf den Himmel projiziert wird.

Blick von oben aufs Dorf nach unten.

Der Weg führt nach Grandenborn, durch Grandenborn hindurch und am Teichhof vorbei, direktemang. Enten liegen am Teich faul im Gras, wissend: Ihnen passiert nichts.

Weg.

Hinter Grandenborn verliere ich den Weg immer mal wieder und weiß nicht, ist er jetzt nur nicht mehr so bequem beschildert, oder bin ich zu unaufmerksam. Es geht durch Felder, an bunten Blumen vorbei, Ziegen, Kühe, Pferde gucken zu, wie ich laufe.

Bunte Blumen am Wegrand.

Vor Breitau geht es noch einmal steil hoch, jetzt ist links ein richtiger Abgrund und hoch oben über der Klippe steht eine Bank zum Ruhen, bevor es wildromantisch weiter geht. Leider sind dann einige Wege ziemlich zerfurcht, weil Bäume gefällt und transportiert wurden.

Bunte Blumen am Wegrand.

Irgendwann bin ich wieder zurück am Auto und fahre wieder nach Hause. Zerzaust, nass, schlammig – und glücklich. Aber dafür hätte der Weg auch nicht unbedingt premium sein müssen. Ganz normal hätte auch genügt. Schön war es.

Silke stellte in ihrem Blog „Unterwegs mit mir“ in ihrem Beitrag zu den Premiumwanderwegen  den Blogbeitrag von Elke Blitzer vor, in dem sie sich Gedanken zum Thema „Premiumwanderwege“ macht.

Verbunden mit: Daily Prompt – Soil

Der Brandenfels: Ein Fels in der grünen Brandung

Hoch auf dem Ringgau in Hessen steht die Ruine der ehemaligen Höhenburg Brandenfels. In der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut, sind heute nur noch vereinzelte Reste oberhalb von Markershausen, einem Ortsteil der nordhessischen Gemeinde Herleshausen zu finden. An der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen, trennt die Werra immer noch – die Bundesländer Hessen und Thüringen. Während auf der Thüringer Seite weithin sichtbar die Ruine der Brandenburg über der Werra wacht, touristisch gut erschlossen, auch wenn nur relativ wenige Wanderer kommen, liegt der Brandenfels dagegen wie vergessen auf seinem Berg. Hierher verirrt sich niemand aus Versehen, er will gesucht und gefunden werden und belohnt dafür mit einer Stille, die andächtig auf das Vergehen der Zeit verweist.

Immer schmaler wird der Weg.

Der Weg zur Burg schraubt sich von der Straße aus, auf der das Auto stehen bleibt, am Berg entlang. In Windungen geht es höher und höher, immer links um den Berg herum. Alte Steine auf dem Pfad berichten davon, wie er vor langer Zeit einmal befestigt wurde, damit Pferdehufe und Karrenräder sicher bis nach oben kamen.

Ein Fuchs kommt mir direkt auf dem Weg entgegen. Ich bleibe stehen, doch er nimmt mich nicht wahr, er trottet weiter auf mich zu, kommt näher und hält an. Hat er mich gesehen? Doch er guckt nach links, ins Gebüsch, hebt seine Vorderpfote, wartet gespannt ein kleines Weilchen, bevor er mit einem großen Satz darin verschwindet. Mit einer Beute im Fang kehrt er auf den Weg zurück und legt sie zunächst ab. Er wittert, spannt und schaut weiter in das Blattgrün. Ob er hofft, dass er an der gleichen Stelle noch ein zweites Mal etwas fängt? Leider schaut er mit einem Mal in meine Richtung, sieht mich, schnappt nach seiner abgelegten Beute und verschwindet mit einem großen Hupf im Busch.

Der Wegweiser zum Brandenfels am Baum.

Ein Pfeil weist vom großen Weg auf einen kleinen Weg, der sich unscheinbar im Grün verbirgt: Hier geht es links entlang. Der Pfad wird immer schmaler und manchmal bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht doch eine Abzweigung verpasst habe. Buchen bilden einen grünen Baldachin über mir, durch den das Sonnenlicht blinkt. Bärlauch blüht und duftet, und die Bienen summen sich satt.

Dichter Blätterwald.

Ein Pfeiler, mitten im Weg.

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Buchenstämme liegen übereinander und versperren mir den Weg. Ich drehe mich um und sehe jetzt erst das Schild, das mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin und die Stämme einfach übersteigen muss. Immer schmaler wird der Pfad, ist nur noch fußbreit und gesäumt von hohen Rispengräsern, bis ich inmitten von blühendem Bärlauch und Waldmeister auf einen steinernen Pfeiler im Graben treffe. Oben auf dem Hang ragen Mauern, in denen Fensterhöhlen gähnen.

Hoch ragt die Wand im Wald.

Hältst du dein Ohr an die alten Steine, dann kannst du die Träume, Sehnsüchte und auch Klagen derer hören, die einst hier wohnten: Das Weinen des Küchenjungen, weil er für die verschüttete Milch von der Magd gezaust wurde; das Kichern der Küchenmädchen, die mit den Pferdeknechten schäkerten, wenn sie sich beim Wasserholen am Burgbrunnen trafen; das ungeduldige Schnauben und Scharren der Pferde, wenn sie bereits aufgezäumt warten mussten, bis es in das Tal hinab ging – und das Fluchen der Knechte, die bei schweren Wagen in die Speichen greifen mussten, damit alles nach oben auf die Burg gekarrt werden konnte, was zum Leben auf dem Berg nötig war.

Ein Durchbruch in der Mauer.

Ein Stein wippte unter vorjährigem Laub, als ich auf ihn trat – doch als ich ihn drehte, fand sich kein Eingang zum Feenreich. Nur ein Regenwurm ringelte sich rasch ins Dunkel zurück.

 

 

Aussicht vom Brandenfels über das Tal.

Die Aussicht über das Werratal ist von hier oben großartig. Wer nach der Anstrengung gerne essen und trinken will, muss dieses selbst als Picknick mühsam bis nach oben schleppen. Doch der Genuss ist damit um so größer, begleitet von Vogelzwitscher und Hummelsumm.