Woher weiß ich, wohin meine Reise führt?

Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben, stellte einst Tucholsky fest. Und so war ich bereits als Kind gefesselt von den Berichten ferner Reisen, suchte den Schatz auf der Schatzinsel, erforschte mit Darwin die Galapagos-Inseln und kroch unter die Decke, wenn die Wölfe bei Jack London heulten. Dabei war mir klar, dass ich nie an diese Orte reisen würde, weil sie zwar Orte meiner phantasierten Sehnsucht waren, doch keine realen Städte oder Gegenden.

Aber ich las auch Geschichten und Reiseberichte, die mich an diese Orte führten, von denen diese erzählten, auch wenn die berichteten Zeiten längst Vergangenheit waren: Wegen der Geschichten reiste ich nach Tabor, einer kleinen Stadt in Böhmen, einst von Hussiten gegründet, nachdem Jan Hus in Konstanz verbrannt worden war. Ob Erzählung, Roman oder Reisebericht: Es gibt Literatur, die meine Sehnsucht nach einem bestimmten Ziel weckt, auch wenn ich weiß, dass ich diesen Ort in Wirklichkeit nie erreichen werde.

ft 212Manchmal fahre ich einfach so los, ohne mich zu informieren: So wie bei einer Tour durch Böhmen, die ich mit einer Freundin zusammen unternahm. Wir trödelten, fuhren, guckten, mäanderten, so ganz ohne Navi, sahen wir einen vielversprechenden Ort, der uns interessant schien, dann hielten wir an, liefen herum, aßen dort, redeten mit den Menschen, wenn es ging und suchten eine Übernachtungsmöglichkeit. Eine ähnliche Tour unternahm ich vor anderthalb Jahren mit dem Lieblingsmann: Als wir auf einer böhmischen Landstraße fuhren, weckte ein Ortsschild bei ihm Erinnerungen, wir hielten an, aßen dort in einer Gastwirtschaft, fragten die Wirtin nach einer Übernachtung, sie rief einen Lehrer an, bei dem wir schlafen konnten und der ein wenig deutsch sprach. Wir gingen durch das Dorf: Aus diesem Ort kamen viele Flüchtlinge nach dem Krieg nach Bayern, in den Ort, in dem der Lieblingsmann aufwuchs. Nur wenige durften bleiben.

Gepäck ElisabethpfadOft bin ich so unterwegs. Wichtiger als das Ziel, die Sehenswürdigkeit, der Ort an sich, á la: „Jetzt war ich dort und kann das abhaken“ sind mir die Begebenheiten am Rande, die das Unterwegs-Sein so spannend und einzigartig machen. Als ich auf dem Elisabethpfad von Eisenach bis Marburg lief, hatte ich lediglich einen Zettel bei mir, auf dem die Namen der Dörfer standen, durch die der Weg führen sollte. Als Elisabeth damals vor 800 Jahren zwischen diesen beiden Orten unterwegs war, noch dazu mit ihrem kleinen Kind, hatte sie ja auch weder Taschentelefon, noch Reiseführer.

Ja, ab und an lese ich auch richtige gedruckte Reiseführer. In diesen kann ich mich informieren, kann Zahlen und Fakten nachlesen. Oft lese ich sie allerdings erst nach der Reise. Zugegeben: Wenn ich so scheinbar planlos reise, dann fahre ich nicht sehr weit weg. Reise ich in weitere Ferne, bin ich gerne in einer Reisegruppe unterwegs, auch wenn ich eigentlich kein Herdentier bin. Aber so brauche ich nicht selbst zu planen und bekomme praktischerweise alles gezeigt und erklärt. Ziehe ich dagegen auf eigene Faust los, warten die Entdeckungen immer dann, wenn ich vom Weg abweiche, die Nebenstraße wähle, auch wenn ich nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve liegt.

IMG_4927_1_1Der eigentliche Reiz des Reisens, meines Reisens, sind Begegnungen. Für diese brauche ich manchmal nur um die Ecke zu gehen und bin gleich weiter von meinem Alltag entfernt, als es je am anderen Ende der Welt sein könnte. Dafür muss ich nur Augen und Ohren aufsperren und neugierig sein. Ein Reiseführer dagegen zeigt mir dagegen nur das, was schon andere gesehen haben. Aus diesem Grund lese ich zwar gerne Reiseerzählungen, Reisereportagen und andere Geschichten, doch ich plane meine Reisen nur wenig mit einem Reiseführer, ob analog oder digital.

Das ist mein Beitrag zur Blogparade: Deine wichtigsten Informationsquellen für Reisende