Schlendern durch Hildburghausen

Wir haben genügend Muße und nehmen uns einfach die Zeit, fahren von der Autobahn an einer Stelle herunter, an der wir andernfalls nur eilig vorbeifahren. In der Ferne glitzert und leuchtet türkisfarbenes Wasser, doch als wir näher kommen, ist der Weg zum Ufer verbrettert und darf nur gegen Eintritt betreten werden. Dann laufen wir eben nicht rund um den kleinen Stausee, sondern fahren weiter nach Hildburghausen.

Marktplatz von Hildburghausen

Der Marktplatz ist groß, allerdings auch ziemlich leer. Wir setzen uns am Stadtcafe, bestellen Kaffee und neben uns am Tisch nimmt ein älterer Herr Platz. Er bestellt sich ein Bier und ein seltsames Gerät dazu, bewundert meine Tasche und fängt an zu erzählen. Er war Sattler, sagt er, erzählt von Kartoffeln, welche die Menschen vor Hunger bewahrten und den speziellen Klößen, die daraus hier bereitet werden und sich von den Thüringer Klößen unterschieden. Erzählt von der dunklen Gräfin, die sich hier niederließ und zurückgezogen bis zu ihrem Tod im nahen Eisleben lebte und deren Grabmal noch zu besichtigen sei. Er wies irgendwo in das Grüne, das über den Dächern der Häuser ragte: Dort oben war einst die Grenze, an der die Hunde wachten und ein Zaun und Minenstreifen Republikflucht verhindern sollten. Er erzählte, dass Therese Charlotte Louise Friederike Amalie von Sachsen-Hildburghausen nach Bayern geheiratet und deren Hochzeitsfeier mit Kronprinz Ludwig von Bayern das Oktoberfest begründet habe, berichtet von den Leisten, die sein Vater nach dem Krieg aus Holz fertigte und von den Hausschuhen, die seine Mutter aus Stoff über jenen Leisten herstellte, damit „wir waren sechs Jungs“ sie wenigstens warme Füße hatten.

Kirche von Hildburghausen. Unten steht der Altar, darüber ist die Kanzel und ganz oben die Orgel.

Als wir den Kaffee getrunken und bezahlt hatten, schlenderten wir ein wenig durchs Städtchen, entdeckten einen schönen Schlosspark, suchten das Schloss – und fanden es nicht. Dafür war jetzt die Kirche geöffnet. Der Mitbewohner guckte und wunderte sich: Die Kanzel steht in der Mitte? Doch, die Stadtkirche ist echt evangelisch gebaut, erklärt der ältere Herr, der hier die Schlüsselgewalt und Oberaufsicht führt. Altar, Kanzel und Orgel sind übereinander und zentral vorne angeordnet. Er zeigt auf die Kuppel unter dem Dach, die sich nicht auf die Pfeiler stützt, sondern frei aufgehängt sei.

Es gab eine Vorgängerkirche, doch die fiel einem Stadtbrand zum Opfer: Früher wurden die Toten in den Häusern aufgebahrt, einfach auf einem Brett, wer Geld hatte, stellte Kerzen dazu, wer keines hatte, nahm Talglichter. Vielleicht war eines der Talglichter noch an, man weiß es heutzutage nicht mehr genau, aber von hier nahm nachts der Brand seinen Ausgang. Zwar gab es einen Feuerlöschteich, doch bis die Ledereimer gefüllt und zum Brand getragen wurden, brannte alles lichterloh. „War ja alles Fachwerk und Lehm und Stroh“. Die fünf Kirchenglocken schmolzen ein, so heiß brannte alles. Nur einige Bilder konnten gerettet werden.

Hinter den Fensterscheiben: Das Zimmer des Herzogs.

Der Herzog ließ anschließend die Kirche so groß aufbauen, dass alle Einwohner innerhalb Hildburghausens Platz fanden. Seinen eigenen Raum konnte er nur über das Kircheninnere betreten. Kam er zu spät, mussten alle aufstehen, ebenso, wenn er vor dem Ende des Gottesdienstes gehen wollte.

Das alte Rathaus von Hildburghausen.

 

 

Sonntagsspaziergang: Kirche in Poppendorf und Karpfenweiher

Poppendorf ist ein Ortsteil von Heroldsbach, dem Ort, in dem wir wohnen. Am Rand des kleinen Dörfchens liegt die kleine Kirche zwischen den Wiesen. Das ist relativ ungewöhnlich, da Kirchen im Allgemeinen mitten im Ort gebaut werden, oder anders gesagt: Die Häuser wurden früher rund um die Kirchen errichtet. So standen die Kirchen dann automatisch irgendwann mittendrin, gerne auf einer Anhöhe, so dass sie von allen Seiten gut zu sehen waren. Überhaupt überragten die Kirchen früher alle Häuser, bewiesen damit ihre Größe und Macht. Heute dagegen sind andere Gebäude größer.

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Die Kirche St. Georg in Poppendorf, Ortsteil von Heroldsbach in Oberfranken

Die kleine Kirche am Ortsrand von Poppendorf ist mehr als 700 Jahre alt, sagt die Chronik. Der Turm ist ein kleines bisschen jünger. Es gab wohl sogar einen Vorgängerbau, errichtet auf einer germanischen Kultstätte. Gewidmet ist die Kirche dem heiligen Georg, dem Drachentöter.

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Ein Weiher in der Nähe von Poppendorf, Oberfranken

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Die Kirche St. Georg in Poppendorf, Ortsteil von Heroldsbach in Oberfranken in der Dämmerung

Gegenüber der Kirche parken wir das Auto am Beginn eines Feldweges, der zwischen den Weihern entlangführt. Links steht eine einsame Scheune: Hier war früher ebenfalls einmal ein Dorf. Bis in die 50er Jahre sollen noch Häuserreste gestanden haben. Jetzt ist hier nichts, außer der Scheune, Weihern, Obstbäumen und unter diesen Bienenkästen. Wir gehen, während der erste Schnee in diesem Winter unter unseren Schuhen knirscht und die Sonne langsam sinkt. Der Wald scheint schwarz und undurchdringlich, während die Laternen am Ortsrand runde Kreise von rötlich-warmen Licht malen.