Pilgern auf dem Elisabethpfad oder: Meditation auf müden Füßen

Pilgern auf dem Elisabethpfad ist ein stilles Vergnügen. Kuckucksrufe, Grillenzirpen und Blätterrauschen sind oft die einzigen Geräusche – neben dem monotonen Knirschen der Schuhsohlen auf dem Weg. Selbst die Dörfer, durch die mich der Weg führt, scheinen wie ausgestorben: auf dem einen Hof in Röhrda liegen Plüschtiere auf dem Asphalt, doch niemand ist zu sehen und zu hören.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

 

Ich begab mich ohne Pilgerführer, ohne Taschentelefon, ohne Wanderkarte auf den Weg: Nur mit der kleinen Übersicht, ausgedruckt auf einem Din-A-4-Blatt. Der Weg war gekennzeichnet durch den roten Aufkleber mit dem stilisierten Antlitz Elisabeths und einem E. Manchmal zeigte auch nur ein kleiner, gelber, handgemalter Pfeil in die Richtung, die als nächstes zu wählen war. Auf der Internetseite stand, es seien 184 Kilometer von Eisenach bis Marburg. Mit den Umwegen, die ich lief, weil ich die Markierung nicht fand, waren es bestimmt ein paar Kilometer mehr.

Pilgern auf dem Elisabethpfad: Nur ein Hase kreuzte den Weg.

Lange Zeit nutzte der Weg alte Pfade und lief oben auf den Höhen von Dorf zu Dorf. Katzenbuckeliges Steinpflaster ließ ahnen, dass hier einst Karren rumpelten und Handelsleute ihrer Wege zogen. Manch neue Wege führten dagegen schnurgerade und baumlos wie beispielsweise der frisch asphaltierte Wanderweg von Spichra bis nach Creutzburg. In der Sonne war es darauf so heiß, dass sich meine Schuhe mit einem schmatzenden Geräusch vom Asphalt lösten.

Gegessen habe ich oft einfach am Wegesrand: der Proviant war im Rucksack. Denn in vielen Orten gibt es keine Möglichkeit zur Einkehr. Brot und Käse, rote Wurst, Äpfel und eine große Flasche Wasser – das reichte mir für unterwegs. Nur die Sehnsucht nach einer Tasse duftenden Milchkaffee blieb mir, solange der Weg nicht durch Städte führte.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

Einfach unter freiem Himmel schlafen? Lieber nicht. Meine neun Pilgertage waren zwar sonnig und warm, doch an manchen Tagen war es morgens noch so kalt, dass der Reif auf dem Gras knisterte. Da ich nicht wusste, wie schnell ich vorankomme, konnte ich mich nirgendwo anmelden. Trotzdem fand ich jeden Tag ein Quartier.

Ruhig einen Fuß vor den anderen setzen: Mit Gepäck auf dem Rücken und tagelang unterwegs bricht man keine Geschwindigkeitsrekorde. Stattdessen gibt es viel Zeit zu meditieren oder nachzudenken. Der Mensch ist dafür gebaut, 19 Kilometer am Tag zu laufen. Doch heutzutage ist das selten nötig. Und so mäandern alte Wege menschengerecht und neue Straßen schlagen schnurgerade Schneisen für Fahrzeuge.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

Wer sich selbst nicht riechen kann, sollte nicht pilgern. Denn nicht überall gibt es eine Dusche in den Quartieren. Waschen geht zwar auch: mit Seife und Waschläppchen am kalten Wasserhahn in der Damentoilette, ist aber längst nicht so komfortabel, wie gewohnt. Doch selbst nach einer erfrischenden Dusche am Abend war am nächsten Morgen alles perdu – spätestens nach einer halben Stunde auf dem schweißtreibenden Weg. Hier hilft auch kein großzügiger Einsatz von Deodorantien.

Es ist ein Pilgerweg, und doch waren die evangelischen Kirchen am Weg geschlossen, als ich vorbeikam oder es hing ein Zettel aus, wo man sich den Schlüssel besorgen könne. Die Türen der katholischen Kirchen dagegen waren geöffnet und boten müden Füßen Rast und meditative Stille für eine kurze Andacht.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

Gut war es, den Weg zu gehen. Neun Tage lang, 184 Kilometer weit. Gut war es – auch wenn die Knie schmerzten und die Blasen an den Füßen jeden Tag neu verpflastert werden mussten.

 

 

 

Die Gedanken vor meiner Pilgerreise habe ich mir auch notiert: Hier.