Eine Reise in die Nürnberger Unterwelt

In den Mythen der alten Zeiten war die Unterwelt das Reich der Toten, ein Ort, in dem alle Schrecken und Qualen zu Hause waren. Ein Ort, von dem sich gruselige Geschichten am heimischen Feuer erzählen ließen, vor dem die Alten warnten, damit die Jüngeren nicht zu übermütig wurden.

Später wurde die Unterwelt ein Synonym für die Welt der Verbrecher, der Zwielichtigen, die den Unterhalt ihres Luxuslebens nicht mit mühsamer Arbeit, sondern mit leichter Beute bestreiten wollten, auf dass sie mit Goldketten behangen aus dicken Autos posieren konnten.

Tief unter der Erde verdienten die Bergarbeiter mühevoll ihren Lohn, nah dran an der Hölle, dort, wo nach alter Überlieferung der Teufel wohnt. Sie kratzten und pickelten mühsam das Erz aus der Grube, schürften Gold und Silber und konnten doch vom geförderten Reichtum oft nicht einmal genug Brot für die hungrigen Mäuler ihrer Kinder kaufen.

Albrecht Dürer Denkmal in Nürnberg

Während ein Aufstieg im gläsernen Aufzug, in der Riesenradgondel oder dem Flugzeug ein wohliges Kribbeln im Bauch erzeugt, weil es Richtung Himmel und Glückseligkeit geht, löst der Abstieg in die Unterwelt eher Unbehagen aus. Doch für knapp neunzig Minuten lässt sich der Schauder in Nürnberg wohlig genießen: Während Albrecht Dürer von seinem hohen Podest als Denkmal über die Stadt herabschaut, führen hinter seinem Rücken die Treppenstufen tief hinab in die Unterwelt: Himmel und Hölle liegen nirgendwo weit auseinander, auch in Nürnberg nicht.

Hinein geht es nur mit einem Führer, der Schlüsselgewalt über das Eingangsgitter besitzt. Vor 500 Jahren war Nürnberg eine reiche und mächtige Stadt: Die Eisenstraße und die Salzstraße kreuzten sich, Waffen und Rüstungen aus Nürnberg wurden in die ganze Welt exportiert und Händler aus der Stadt reisten dorthin, wo der Pfeffer wächst. Zwei, vielleicht drei Reisen reichten im Leben aus, damit sie sich als reiche Pfeffersäcke zur Ruhe setzen konnten. Doch was heute eine kurze Urlaubsreise ist, dauerte damals mehrere Jahre, betrug doch die Reisegeschwindigkeit nur 30 Kilometern pro Tag. Zwischen Nürnberg bis München lagen fünf Tage Reisezeit, bis zum Ende der Welt, das hinter Indien lag, waren Reisende gut anderthalb Jahre unterwegs. Wenn sie Glück hatten, also nicht ausgeraubt oder erschlagen wurden, dann kamen sie zurück nach Nürnberg, schwer beladen mit Gewürzen. Ein einziger Pfefferkuchen, der heute auf dem Christkindlesmarkt mit Zwofuffzich noch zu teuer scheint, kostete im Mittelalter – umgerechnet, versteht sich – fünfhundert Euro, so viel wie ein i-Phone. Das war kein Naschkram für mal eben so quengelnde Kinder, das war wie Auster mit Schampus und Trüffel zusammen, also eine Leckerei nur für diejenigen, die sich einen solchen Luxus leisten konnten.

Da konnten die reichen Pfeffersäcke gut ein Viertel von ihrem Gewinn abgeben, ohne dass sie etwas vom Verlust spürten. Ganz im Gegenteil: Wer sicher gehen wollte, dass er nach dem Tod in den Himmel gelangt, musste genügend Geld in fromme Werke investieren. Auch Albrecht Dürer wusste genau, als er sich 1509 das Haus unterhalb der Nürnberger Kaiserburg kaufte, dass es in seiner Heimatstadt genügend reiche Kaufleute gab, die sich seine Rechnungen leisten konnten.

Nürnberger Unterwelt

Steinreich waren die Bürger dieser Stadt, sie bauten ihre Häuser komplett aus Stein und nicht aus Holz. Deswegen brannte Nürnberg niemals vollständig ab, sondern nur einzelne Straßenzüge, Holzhäuser und Fachwerkhäuser, die in engen, winkligen Nebengässchen standen. Ein Stadtbrand, wie er in manch anderen Städten wütete und diese fast vollständig in Schutt und Asche legte, ist in Nürnbergs Chronik nicht verzeichnet. Erst im Hagel der Bomben vor gut 70 Jahren wurde die Stadt gründlich zerstört. Die Häuser aus Stein schützten nicht vor der Last, die todbringend vom Himmel fiel.

An einer dieser Bomben führt der Weg in die Unterwelt vorbei, sie hängt an der Wand und erinnert an finstere Zeiten. Gasschleuse. Nürnberg wurde insgesamt 17 mal von den Alliierten Luftstreitkräften bombardiert, das letzte Mal am 2. Januar 1945. Von den Gebäuden in der Innenstadt stand nichts mehr. Für diese Angriffe gab es gleich vier Gründe:

1. Es war die Stadt der Reichsparteitage.

2. Hier lebten insgesamt 3,5 Millionen Menschen.

3. Die Donau ist nicht weit entfernt: War es weiter südlich zu neblig für die Fliegerstaffeln, nutzten sie Nürnberg als beliebtes Ausweichziel und warfen ihre Bomben ab, damit der Sprit für den Rückflug reichte.

4. Der Hauptgrund: Industrie und Verkehr. Seit dem Mittelalter wurden hier Waffen und Rüstungen geschmiedet, schließlich lag Nürnberg auch an der Eisenstraße. Weil die Schienen, die durch Nürnberg führten, eine wichtige Verbindung zwischen West und Ost waren, auf denen Nachschub und Soldaten zu den Fronten gelangten, waren der Hauptbahnhof und der Rangierbahnhof Ziele der Angriffe.

Dank der Nürnberger Unterwelt überlebten relativ viele Menschen die Angriffe: Unten fanden sie Platz, auch wenn es mehr als eng war: Dicht gedrängt standen alle und blieben so lange dort, bis Entwarnung war, und wenn es acht Stunden dauerte.

Nürnberger Unterwelt

Dabei war die Nürnberger Unterwelt nicht gebaut, um vor den Bomben zu schützen. Am 11. November 1380, vor mehr als siebenhundert Jahren also, erließ der Rat der Stadt ein Gesetz für alle Bier brauenden Nürnberger: Diese mussten unter ihren Häusern einen Keller graben, als Kühlschrank gewissermaßen. Zu diesem Keller besaß der städtische Beamte die Schlüsselgewalt, damit kein Bierbrauer das flüssige Brot panschen und die Kunden betrügen konnte.

Während heutzutage etwa ein Drittel des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben wird, waren es im Mittelalter noch fast vier Fünftel. Buk der Bäcker die Brötchen zu klein, drohte ihm die Todesstrafe. Große Brötchen und haltbares Bier waren für gerade für die einfache Bevölkerung einfach (über-) lebensnotwendig. Für die Luftzirkulation in den Kellern gab es Luftschächte an den Häusern: Warme Luft stieg nach oben und kalte sank nach unten. Dank dieser stetigen Luftbewegung wuchs unten in den Kellern kein Schimmel.

Nürnberger Unterwelt: Fass mit Wasser

Im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein dürfte Durchfall die meisten Todesfälle verursacht haben, weit mehr, als jede Pestepidemie und jeder Krieg. Da war kühle Lagerung von Lebensmitteln gefragt, bei der nicht das nur Bier, sondern auch Getreide, Fleisch, Obst und Gemüse so lange haltbar waren, wie nur möglich. Das Reinheitsgebot von 1516 rettete bestimmt einige Menschenleben: Ab jetzt durften nur noch Gerstenmalz, Hopfen und Wasser zum Bierbrauen verwendet werden. Da Gerste keinen „Kleber“ enthält, ließ sich aus diesem Getreide kein Brot backen – und der Weizen blieb für das Brot übrig.

 

 

Gerste für Malz

Übrigens war es damals üblich, dass bereits zweijährige Kinder Bier tranken: Das sorgte für Ruhe in Kinderzimmer und Schule. Doch es verhinderte auch, dass die Kinder an Durchfall starben, weil sie verseuchtes Wasser tranken.

Nürnberger Unterwelt

Nürnberg steht auf Sandstein: Das lässt sich an der Nürnberger Burg eindrucksvoll erkennen. Da er sich relativ leicht bearbeiten lässt, kam ein Kellerbauer im Winter am Tag einen Kubikmeter weit. Bis die Keller so weit ausgebaut waren, wie sie heute sind, hat es dennoch eine Weile gedauert.

Nürnberger Unterwelt

Das alles – und noch viel mehr über das Bierbrauen in vergangenen Zeiten kann jeder selbst sehen und hören, der sich auf eine Entdeckungstour mit einem Führer durch die Nürnberger Unterwelt begibt. Es lohnt sich!

Nürnberger Unterwelt

Und zum Abschluss gibt es ein Bier, ein Rotbier. Das ist selten und es lohnt sich auch.
(Nein, tut es nicht, sagt die Lieblingshausziege)

Die Termine für die Führungen durch die Nürnberger Unterwelt stehen auf der Webseite: Klick öffnet den Link: Historische Felsengänge.

Weitere schöne Bilder von einer Bunkerführung durch den Panierskeller gibt es bei Marco zu sehen. Klick auf den Link: Wenz.de.

Franken ist (m)ein Paradies

Nachdem Gott die Menschen aus seinem Paradies vertrieben hatte, blieb ihnen nur die Sehnsucht, eine Sehnsucht nach dem Land, das ihnen verboten blieb. Seit dieser Zeit suchen die Menschen einen Ersatz für eben dieses Paradies, reisen rund um die Welt und hoffen inniglich, dass sie wenigstens für eine kurze Zeit dorthin zurückkehren können.

Ich fand das Glück in Franken, bin jetzt schon fast zwei Jahre hier zu Hause und entdecke immer mehr von der wunderbaren Gegend um mich herum. Kletterfelsen, Höhlen, Karpfenweiher, Dörfer, pittoreske Städtchen und urbanes Leben – alles ist da.

In manchen Ortsnamen klingt bereits die Schönheit als Grundton mit: Wer durch den Gottesgarten wandert oder im Paradiestal unterwegs ist, bekommt eine kleine Ahnung davon, was den Menschen einst verloren ging.

staffelstein

Kapelle auf dem Staffelberg

Steige ich in Franken auf einen Berg, kann ich auf vielen Gipfeln eine Kapelle besuchen, wie auf den Hochplateaus von Staffelberg und Ehrenbürg: Vor mehr als 2000 Jahren standen hier oben keltische Städte. Die Kelten waren in Franken zu Hause, bis die Germanen aus dem Norden und die Römer vom Süden kamen. Dann packten sie ihre Siebensachen zusammen, und zogen weg. Bis heute weiß niemand, wohin. Vor der Erschließung eines Baugebietes in Hallerndorf gruben die Archäologen im Boden, fanden dunkle Stellen, in denen Pfähle der Häuser standen, sammelten Scherben ein und rekonstruieren später aus den Funden die keltische Siedlung.

walberla

Das Walberla

Aber eigentlich ist es egal, wo ich in Franken unterwegs bin: Spannend und schön ist es überall:

Bamberg

Das Rathaus in Bamberg

Da gibt es das 1000-jährige Bamberg, Weltkulturerbe, im Dom die Grabstätten von Kaiser Heinrich und seiner Kunigunde, den Bamberger Reiter, die Altenburg hoch über der Stadt und die quirlige Altstadt mit Klein Venedig, ein Rathaus, von den Bürgern mitten im Fluss gebaut, weil an dieser Stelle die Domherren nichts zu sagen hatten.

Nürnberg

Nürnberg: Reichsparteitagsgelände

Es gibt Nürnberg, mit Stadtmauer, Burg und dem Wohnhaus von Albrecht Dürer, aber auch das Reichsparteitagsgelände.

sanspareil

Sanspareil

In Bayreuth gibt es außer den Festspielen die Eremitage, den Park Sanspareil, das Wacholdertal und die Villa Wahnfried, dort lebte neben Wagner auch Jean Paul.

Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber

Von Rothenburg ob der Tauber sind nicht nur die Japaner begeistert. Als ich dort im vergangenen Jahr zum ersten Mal den dortigen Weihnachtsmarkt besuchte, war ich ebenfalls hin und weg: Hier ist nicht ein solches Gedränge, wie auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt, hier wird die ganze Innenstadt zu einem romantischen Markt.

Franken

Felsen in der Fränkischen Schweiz – Paradiestal

Von den Felsen in der fränkischen Schweiz schwärmten schon die Romantiker, in den Tälern lässt es sich wunderbar wandern.

storchenlehrpfad

Störche im Aischgrund

Im Aischgrund reiht sich ein Karpfenweiher an den nächsten, immerhin gibt es gut 2000 davon. Paniert liegen die halbierten Fische später auf den Tellern, die von den Wirten serviert werden – und schmecken wunderbar. Jedes Frühjahr kommen Störche, brüten, ziehen ihre Jungen auf und fliegen wieder davon.

Bamberg

Bierkeller in Bamberg

Bierkeller, Zoigl- und Heckenwirtschaften: In Franken wird in vielen kleinen Brauereien Bier gebraut und am Main entlang gibt es Wein. Es gibt die Bamberger Hörnle, die sauren Zipfel und Schäufele.

Ich merke, dass ich aus dem Schwärmen nicht mehr herauskomme. Wie gut war es, dass ich der Liebe wegen nach Oberfranken zog: So habe ich das Glück, dass ich dort wohne, wo ein kleines Paradies auf Erden ist.

Kreuzberg

Immer wieder schön: Biergarten auf dem Kreuzberg

Wer Franken bereisen möchte, kann mich gerne besuchen: Vielleicht ziehen wir ja zusammen los und entdecken einen Zipfel der Glückseligkeit?

Verbunden mit: Daily prompt

Eine Postkarte aus: Stralsund

Stralsund, Ozeaneum

Stralsund, Ozeaneum

An der Ostseeküste war das Wetter im Juni nicht immer nur warm und sonnig, sondern kalt und regnerisch. Ganz wie es wollte. Dafür gab es das Ozeaneum in Stralsund: Viel Wissenswertes über Meere, speziell Ost- und Nordsee, dazu Aquarien. Hier schwebten die Quallen schwerelos, die als glibbrige Pakete von den Ostseewellen sonst auf den Sand getragen werden und dort langsam eintrockneten. Ich könnte diesen schwebenden Wesen aus einer anderen Welt stundenlang zuschauen und mich dabei ebenso schwerelos träumen. Irgendwann meldete sich die Wirklichkeit um mich herum zurück, plärrten Babys auf den Rücken ihrer Väter, verlangten Kinder nach Keksen und Saft, patschten auf die Aquariumscheiben: „Guck mal, der schwimmt jetzt zu mir“.

Postkarten waren einmal? Nein, Postkarten sind immer noch schön. Früher diente die Post- oder Ansichtskarte dazu, dem Empfänger zu zeigen, wo ich bin, dass es mir gut geht – und dass ich an diejenigen denke, die zu Hause bleiben mussten. Zwar wurden in Zeiten von Mails und Statusmeldungen auf Facebook die Postkarten weniger, trotzdem sind sie wunderbare kleine Textminiaturen.

Deswegen zeige ich hier regelmäßig einmal im Monat eine Postkarte, von einem Ort, an dem ich einmal war. Wer mag, kann sich anschließen, eine Postkarte in seinem Blog mit einem kleinen Text versehen – und hier verlinken. Für diese Reihe habe ich mir den 11. jeden Monats ausgesucht. Wer mitmachen mag, verlinkt seinen Beitrag einfach unten als Kommentar: So finde ich – und andere Postkartengucker – diesen im weltweiten Netz.

Eine Postkarte aus: Lindau am Bodensee

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Bodensee: Der Hafen von Lindau

Hier saßen wir – nach der Bootsfahrt über den See einfach herum, am Ufer, hörten, wie die kleinen Wellen plätscherten, sahen, wie die Tauben nach Brotkrumen und was auch immer pickten, guckten, wie die Sonne langsam vom Horizont verschwand. Je dunkler es wurde, desto strahlender leuchteten die Lichter an Leuchtturm, Löwe und Hafen. Bis sich der Hunger meldete und ich mir dachte: Bodensee? Felchen! Da müssen Felchen auf dem Teller sein, nur dann bin ich wirklich am Bodensee. Die Suche in Lindau nach Felchen begann – doch das ist eine andere Geschichte.

Postkarten waren einmal? Nein, Postkarten sind immer noch schön. Früher diente die Post- oder Ansichtskarte dazu, dem Empfänger zu zeigen, wo ich bin, dass es mir gut geht – und dass ich an diejenigen denke, die zu Hause bleiben mussten. Zwar wurden in Zeiten von Mails und Statusmeldungen auf Facebook die Postkarten weniger, trotzdem sind sie wunderbare kleine Textminiaturen.

Deswegen zeige ich hier regelmäßig einmal im Monat eine Postkarte, von einem Ort, an dem ich einmal war. Wer mag, kann sich anschließen, eine Postkarte in seinem Blog mit einem kleinen Text versehen – und hier verlinken. Für diese Reihe habe ich mir den 11. jeden Monats ausgesucht. Wer mitmachen mag, verlinkt seinen Beitrag einfach unten als Kommentar: So finde ich – und andere Postkartengucker – diesen im weltweiten Netz.

Mit der Draisine auf der Kanonenbahn unterwegs

Zwischen den Metropolen Berlin und Metz gibt es mitten in Deutschland tiefste Provinz. So scheint es wenigstens. Doch das war nicht immer so: Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/ 71 war Elsass-Lothringen plötzlich deutsch. Und überhaupt: Man wusste ja nicht, was die Zukunft so bringen würde. Sicher war nur, dass Eisenbahnen damals super praktisch waren: Auf ihnen ließ sich sämtliches Kriegsgerät ebenso wie die Truppen von Berlin in den ehemals französischen Westen bringen. Für alle Fälle.

Draisinenfahrt mit der Kanonenbahn

im Bahnhof Lengenfeld/ Stein

Deswegen wurde 1872 eine neue Bahnlinie projektiert und zwischen 1878 und 1880 fertiggestellt. Diese verband die Westgrenze Deutschlands, Metz, mit der Ostgrenze, Eydtkuhnen, das damals an der deutsch-russischen Grenze lag. Eine Zeitung schrieb zur Eröffnung der Bahn: “So ist doch der Erwartung Raum zu geben, daß die neue Bahn, die Petersburg mit Lissabon auf dem kürzesten Wege durch Deutschland verbindet, eine der frequentiertesten werden wird.” 

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Idyll auf der Kanonenbahn.

War gut gedacht, aber irgendwie kommt ja manchmal vieles anders, als sich Menschen das vorstellen. Von dieser ganzen Bahnstrecke gibt es noch Teile, die richtig in Betrieb sind und auf denen Züge fahren, wie beispielsweise von Berlin bis Sangerhausen. Das könnte die kürzeste Verbindung zwischen der Hauptstadt und dem Rhein-Main-Gebiet sein. Die Strecke wurde aus militärstrategischen Gründen so gebaut, wie sie heute noch zum Teil besteht, eine wirtschaftliche oder gar zivile Nutzung war nicht wirklich vorgesehen. Deswegen befanden sich beispielsweise die Bahnhöfe oder Haltepunkte gelegentlich kilometerweit von den Dörfern entfernt. Immerhin waren die Menschen damals auch noch besser zu Fuß unterwegs. Pendlerparkplätze waren dort jedenfalls nicht vorgesehen.

Die Eisenbahnstrecke zwischen Geismar und Leinefelde ist ein kleiner Teil dieser Kanonenbahn. Ursprünglich zweigleisig angelegt – auf der Brücke und in den Tunneln ist der Platz für das zweite Gleis immer noch vorhanden – fuhren Züge auf dieser kleinen Strecke. Abgebaut wurde das Gleis übrigens bereits nach dem ersten Weltkrieg, als Reparationsleistung. Da meine Großeltern in Effelder wohnten und wir in Geismar, waren die Züge unsere ganz normale Verbindung, wenn wir sie besuchen wollten, oder sie zu uns kamen. An die erste Reise mit diesem Zug kann ich mich nicht selbst erinnern, aber meine Mutter hat davon erzählt: Ich war gerade einmal zwei Monate alt, als die Eltern von Mühlhausen – wo sie studierten, und wo eines der Großelternpaare lebte – mit mir im Kinderwagen nach Effelder zu den anderen Großeltern fuhren. Effelder. Der Bahnhof war nur ein Haltepunkt kurz nach einem Tunnel, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Von der Bahn aus geht es zwei Kilometer bergauf, erst durch Wald, linkerhand vom Weg lag ein spannender Steinbruch – dann durch Felder, bis nach Effelder hinein. Der Kinderwagen mit den schmalen Rädern und mit mir drin musste geschoben werden, bergauf und auf Schotterweg. Geteert war damals nicht.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Der ursprüngliche Haltepunkt von Lengenfeld/ Stein, vor dem Bau des Bahnhofes.

Auf der Strecke zwischen Geismar und Küllstedt kann man heutzutage mit einer Draisine unterwegs sein. Das heißt: die Muskelkraft bewegt das Gefährt. Denn es geht in Richtung Küllstedt stets bergauf, und zwar insgesamt 124 Meter. Dafür ist die Rückfahrt einfach schneller, es geht bergab, logisch. Einem oder zwei Zugwaggons ist das vor Jahren ebenfalls zum Verhängnis geworden. Auf dem Bahnhof in Lengenfeld/Stein mit Schwellen und Schienen beladen abgestellt, hatte wohl ein Bahner vergessen, den Hemmschuh vorzulegen. So setzten sich die Wagen mit ihrer Ladung langsam in Bewegung, fuhren bergab und durch den Bahnhof in Geismar hindurch. Aufgehalten wurde alles vom Prellbock, der ein Stück weiter hinten stand. Hier endete die Strecke und alles landete im Gras. Vielleicht war das der Grund dafür, dass noch einige der Schwellen und Schienen aus der Erbauungszeit erhalten blieben.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn.

Fast allein auf der Strecke unterwegs.

Wir stiegen in Lengenfeld/ Stein ein. Da das Wetter trotz Frühling kalt und der Himmel wolkenverhangen war, hatten wir die ganze Strecke für uns allein, oder wenigstens fast, nur zweimal begegneten uns Mitarbeiter der Kanonenbahn, die ebenfalls unterwegs waren. Wer jetzt Lust bekommt und zufällig irgendwann in der Nähe von Lengenfeld/ Stein ist, sollte dringend vorher bei der Erlebnis-Draisine eine Draisine buchen oder wenigstens anrufen. In Ferienzeiten und bei schönem Wetter sind nämlich schnell alle Draisinen mit fröhlichen Menschen unterwegs. Und derjenige, der einfach mal eben so, der steht dumm am Bahnhof rum. Draisinen sind da anders als Züge: Züge fahren nach einem Fahrplan, und haben – in der Regel jedenfalls – mehrere Wagen und somit genügend Platz auch für die Reisenden, die sich ganz spontan und kurzfristig überlegen, dass sie gerade mal dringend irgendwohin müssten.

Draisinentour auf der Kanonenbahn

Der Lengenfelder Viadukt

Die Fahrt ging über den Lengenfelder Viadukt, 1875-79 gebaut, der in einer Höhe von 24 Metern 237 Meter über das Dorf führt. Das hört sich nicht viel an, aber ich bin – vor Jahren schon – einmal zu Fuß darüber spaziert. Da zwischen Schienen und Schwellen viel Platz ist, war mir schon ziemlich mulmig zumute, auch wenn kurz zuvor noch Züge darauf unterwegs gewesen waren.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Sicht von oben auf die Schienen des Viadukts. So sieht das ja noch ganz harmlos aus. Aber man kann wirklich bis unten gucken.

Die Brücke selbst macht eine Kurve, da die Strecke in einem großen Bogen bis zum Lengenfelder Schloss Stein verläuft. Als Kind fand ich es toll, dass der Zug immer kurz vor der Brücke abbremsen musste und nur gaaaaanz langsam darüber fahren durfte. So hatte ich genügend Zeit zum Gucken. Mein Vater erinnerte sich daran, dass die Lok einmal ohne Lokführer unterwegs war – und somit schneller über die Brücke fuhr, als erlaubt. Der hatte nämlich den Totmannschalter blockiert und war außen an der Lok unterwegs, warum auch immer. Die Diesellok (eine V60, glaube ich) hatte nämlich rundum eine Trittplattform. Allerdings fiel der Lokführer dort herunter – und der Zug war führerlos unterwegs. Der Schaffnerin fiel irgendwann die Geschwindigkeit auf, doch die Brücke war wohl schon nahe: Also flitzte sie von Zugwaggon zu Zugwaggon und drehte dort die Handbremse fest, bis der Zug langsam hielt.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Kurz vor dem Entenbergtunnel.

Der erste Tunnel nach Lengenfeld/ Stein war der Entenbergtunnel. Rechts lässt sich bei schönem Wetter rasten und picknicken. Hier stand einst das Häuschen eines Streckenwärters, der jeden Tag 17 Kilometer zu Fuß an der Bahnstrecke unterwegs war. Die Strecke musste schließlich in Ordnung gehalten werden. Heute sind Ausweichstellen angelegt, so dass schnellere Draisinenfahrer problemlos überholen können. Wenn sie das wollen. Eigentlich sollen sich die Lichter der Draisine im Tunneldunkel einschalten, da sie mit einem Dämmerungsschalter versehen sind. Doch die gute Frau, die uns in die Draisine einwies, schaltete den Schalter erst ein, und dann wieder aus. Aus Versehen, nehme ich mal an. Das Ergebnis war phänomenal: Auf der gesamten Hinfahrt fuhren wir ohne Licht durch die Tunnel. Immerhin ist einer gut anderthalb Kilometer lang, das dauert schon mal zehn Minuten, bis wieder ein Licht am Ende des Tunnels erscheint. Bis dahin leuchtete nur der Streifen auf dem Notfallkasten leicht neongrün.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Nischen im Tunnel

In allen Tunneln gibt es in ziemlich kurzen Abständen solche kleinen Nischen, in die sich jeweils ein Mensch hineinstellen konnte. Denn als die Bahnstrecke gebaut wurde, waren noch Dampfloks unterwegs. Der Rauch war in den Tunneln übrigens noch zu riechen, da der Ruß ebenfalls dort noch so hängt, wie er sich verfangen hat. Dabei ist das schon so lange her.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Der Küllstedter Tunnel

Der Tunnel kurz vor oder nach Küllstedt ist nicht nur mit anderthalb Kilometern der längste Tunnel, sondern war immer der, auf den ich mich als Kind immer am meisten gefreut habe: Er hat so nette Türmchen rechts und links vom Mundloch, die aus ihm eine alte, verwunschene Burg machen.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Wendestelle in Küllstedt

Von nun an ging es bergab: Mit dem gelben Gerät, auf dem die Draisine gerade steht, wird sie gewendet und die Fahrt kann zurück bis Lengenfeld/ Stein gehen. Hier waren zwei Mitarbeiter der Draisinenbahn mit einem lustig umgebauten Auto auf der Strecke unterwegs. Einer hatte einen Schlüssel – und schaltete uns das Licht an, so dass wir auf der Rückfahrt nicht mehr im Dunkeln durch die Tunnel fahren mussten.

Draisinenfahrt auf der Kanonenbahn

Die alte Dampflok fuhr noch.

Das war mal im Winter, die Großeltern waren zu Besuch und fuhren wieder ab. Vorne, hinter der dicken weißen Dampfwolke, lässt sich die Dampflok erahnen. So schön war Bahnfahren einmal.