Märzenbecher

Märzenbecher unter Buchen

Ein Märzenbecherteppich unter Buchen

Wie viele kleine Wölkchen, die sich auf dem ersten Grün niederließen, schweben im Frühling die Glöckchen der Märzenbecher über den Blättern, die ihrerseits dunkelgrün himmelwärts streben. Hellgrün leuchten die Tupfen der gerade erblühten Blümchen, die Tupfen, welche bereits kurz vor dem Verblühen sind, sind auch schon verblasst. Unter unbelaubten Buchen liegt, so weit man sehen kann, ein grüner Teppich mit weißen Märzenbecherglöckchenflusen drüber.

In vielen Gegenden von Deutschland blühen im März die weißen Kelche, die mit ihren Tupfen darauf wie kleine Elfenröckchen wirken. Manche Vorkommen werden von den Einwohnern wie ein streng gehütetes Geheimnis bewahrt, während anderswo die Wirte mit den Glöckchen werben. Wanderer und Märzenbechersucher müssen schließlich auch etwas essen. 

Im Niemandsland mitten in Deutschland, im Werra-Meißner-Kreis, in einem Ortsteil von Sontra, dort, wo sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht sagen und alle Menschen, die es können, weit weg ziehen, gibt es mitten im Wald eine Märzenbecherwiese. Wer hier wohnt, weiß, wo es lang geht: Es geht über grüne Wiesen hinauf in den Wald. Landschaft ist hier viel vorhanden, das ist aber auch alles. Wer Ruhe haben will, nur wenig Internet braucht und an vielen Stellen auch ohne Funknetz für das Taschentelefon sein möchte, der ist hier genau richtig.

Auf dem Weg zur Wiese mit den Märzenbechern stand einst ein Dorf: Als nach dem dreißigjährigen Krieg die Pest vorüber war, lebte niemand mehr von denen, die einst hier arbeiteten und wohnten. Im Lauf der Zeit zerfielen die Häuser, genau wie die kleine Kirche, deren Grundmauern noch lange erhalten blieben. Auf Luftaufnahmen, die vor fünfzig Jahren gemacht wurden, sind sie sogar noch zu sehen.

Einen Friedhof gab es in dem Ort – und von diesem erzählten mir die Frauen aus dem Nachbardorf eine Geschichte. Zwar gibt es auch den Friedhof inzwischen nicht mehr, auf dem die letzten Menschen bereits vor 300 Jahren beerdigt wurden, doch auf diesem Friedhof wuchs zwischen den versunkenen und überwucherten Grabsteinen eine kleine weiße Blume. Einst wünschte sich ein schwerkrankes Mädchen eine besondere, eine weiße Blume. Auf ihr Grab gepflanzt, sollte diese nur für sie wachsen. Die Blume wuchs und blühte, jahrhundertelang.

Grub jemand die Blume mit einem Teil ihrer Wurzeln aus und wollte, dass sie bei ihm im Garten wachsen möge, ging die Pflanze ein. Obwohl so lange dort keine Menschen mehr wohnten und alles zerfiel, erinnern sich die alten Leute aus den umliegenden Dörfern immer noch an das kleine Dorf und den Friedhof mit der weißen Blume. Als sie noch Kinder waren, spielten sie auf der Wüstung und dem alten Friedhof, fanden die Blume und bekamen die Geschichte dazu erzählt.

Seitdem durch die Flurbereinigung vor fünfzig Jahren die Grundmauern der Häuser und der Kirche ebenso entfernt wurden, wie die Überreste des Friedhofes, ist von der weißen Blume keine Spur mehr zu finden.

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