Görlitz

Görlitz.

In Görlitz bin ich einmal ganz allein herumgestrolcht und habe ein anderes Mal einer Stadtführung gelauscht: Die Stadtführerin erzählte begeistert von ihrer Stadt, schwärmte von der gesunden Luft, dem Ambiente, der Kultur, der ruhigen Lage, den geringen Lebenshaltungskosten und günstigen Mieten. Es ist Platz für 100.000 Menschen, doch es leben nur 55.000 hier.

Görlitz. Mitten in der Altstadt.

Den Spitznamen „Pensionopolis“ trägt Görlitz schon seit dem 19. Jahrhundert, war es doch als Altersruhesitz vor allem bei preußischen Beamten beliebt. Im zweiten Weltkrieg blieb die Stadt, die damals noch nicht an einer Grenze lag, fast völlig von allen Zerstörungen verschont. So blieben sämtliche Phasen mitteleuropäischer Siedlungsentwicklung ohne größere bauliche Veränderungen erhalten – bis heute. Die Altstadt ist von Bürgerhäusern aus Spätgotik, Renaissance und Barock geprägt, in den umliegenden Vierteln stehen Häuser der Gründerzeit. Bis heute sind rund 4.000 der Baudenkmäler bereits restauriert – und wirken vielleicht deswegen in ihrer Oberfläche sehr glatt und unbefleckt.

Görlitz: Es gibt immer noch etwas zu tun.

Ab 1975 wurden in Görlitz Neubaugebiete errichtet – ein großer Teil der alten Häuser, die im Lauf der Zeit weitgehend marode und verfallen waren, sollte daraufhin in den achtziger Jahren abgerissen werden. Glücklicherweise wurden diese Pläne 1989 von der Wende durchkreuzt. Auch wenn es Millionen von Euro gekostet hat – inzwischen sind viele der alten Häuser saniert, aber nicht alle sind bewohnt. Wer in Görlitz zu den ortsansässigen Normalverdienern gehört, bleibt lieber in seiner alten Wohnung, deren Miete für ihn bezahlbar ist.

Prächtige Bürgerhäuser aus alten Zeiten, im Hintergrund das rot-graue Gebäude ist der Schönhof, das älteste Renaissance-Bauwerk in Görlitz

Da sich zur Wendezeit viele der Häuser in einem kritischen Zustand befanden, wurde Görlitz nicht nur zur Modellstadt der Stadtsanierung, sondern bekam ganze 21 Jahre lang ein großzügiges Geschenk. Ein unbekannter Gönner überwies der Stadt jährlich 1.000.000 DM, die seit 2002 korrekt in 511.500 Euro umgerechnet wurden. 2016 gab es die letzte Zahlung in Höhe von 340.000 Euro – mit diesen insgesamt mehr als zehn Millionen Euro konnte die Stadt 1.500 Projekte unterstützen, erkenntlich an einer Plakette.

 

 

 

 

Die Trutzburg in Görlitz. Heute Museum.

Reichenbacher Turm

Trutzburg

Der Reichenbacher Turm spiegelt sich in einer Scheibe der Trutzburg, die heute ein Museum ist. In Görlitz kann man viel entdecken – man muss sich nur etwas Zeit nehmen. Zwei Stunden Stadtführung und vorher zwei Stunden in der Stadt herumstromern sind dafür eindeutig zu wenig.

Blick durch die Stadtmauer.

Der Blick durch die äußere Stadtmauer am Nikolaizwinger bietet eine Aussicht auf die polnische Partnerstadt Zgorzelec.

Überall reich verzierte Portale.

Am Untermarkt gibt es viele reich verzierte Portale aus der Spätgotik. Bekannt ist beispielsweise der Flüsterbogen mit seiner Kehlung, welche eine akustische Eigenart besitzt: Spricht man leise an dem einen Ende etwas in den Bogen hinein, kann ein Lauscher auf der anderen Seite alles deutlich hören. Immer wieder sieht man Menschen, die dieses Phänomen ausprobieren. Denn zu zweit muss man hier schon mindestens sein…

Via Regia.

Mit der Via Regia führte eine der wichtigsten Straßen für den Handel zwischen West und Ost durch die Stadt.

Kirche St. Peter und Paul.

Wahrzeichen der Kirche St. Peter und Paul ist die Sonnenorgel: Über den gesamten Orgelprospekt, das ist die sichtbaren Orgelpfeifen, sind insgesamt 16 Sonnengesichter. Um diese sind jeweils gleich lange Orgelpfeifen als Sonnenstrahlen angeordnet. Vier dieser Sonnen sind stumm, die anderen 12 klingen.

Gleich nebenan ist schon Polen, in der Zgorzelecer Wechselstube werden aus fünfzig Euro zweihundert Złoty. Hier sind die Wälder licht und jetzt mit Birken und Kiefern bestückt. Das ganze Land ist eine weite Ebene, in der jeder Blick bis zum Horizont reicht. Polen ist immerhin so groß wie die Bundesrepublik, hat aber nur halb so viele Einwohner.

Straßenmusiker im Görlitzer Sommer.

Straßenmusiker im Görlitzer Sommer.

Ein Gedanke zu „Görlitz

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