Reisen, schreiben – und fotografieren

Franz Grillparzer: „Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das ganze Leben hindurch.“

Ich bin gerne unterwegs, ob richtig auf Reisen oder auf Streifzügen in meiner näheren und ferneren Umgebung. Eine Kamera ist immer dabei. Zunächst eine analoge Spiegelreflex, dann die kleine Leica mini zoom, dann eine Canon Powershot, eine Canon 350D, jetzt eine Canon 30D. Mit dem Tamron 18-270 mm bin ich für die meisten Fälle gut gerüstet, der Blitz ist immer dabei, das Teleobjektiv und das Stativ eher selten. Für mich ist die Ausrüstung nicht ganz so wichtig. Wer hier einen großen Schwanz- Kameravergleich erwartet, wird jetzt wahrscheinlich eher enttäuscht sein.

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Aufmerksam den Tag genießen und die Stimmung wirken lassen.

Das wichtigste auf meinen Reisen bin ich selbst: Ich nehme Dinge wahr, die anders sind, als ich sie von zu Hause gewohnt bin. Manchmal mäandern die Gedanken im Kopf, dann werden sie im Notizbuch festgehalten. Überhaupt sind für mich meine Notizen auf Reisen oft noch wichtiger, als die Bilder. Hielt ich zunächst eher fest, wann ich wo war und was es dort alles zu sehen gab, werden die Geschichten inzwischen assoziativer. Fakten kann ich auch noch nachlesen, wenn ich wieder zu Hause bin. Statt dessen lasse ich mich in die Atmosphäre fallen, rieche, höre, schmecke, fühle und sehe, was es alles an Eindrücken gibt. Dabei mache ich auch noch Bilder, klar. Aber diese sehe ich eher als Illustration, als fotografisches Notizbuch.

Da ich seit Jahren für Zeitungen Bilder mache, sehe ich ziemlich schnell, ob sich eine Aufnahme lohnt – oder nicht. Die ewig gleichen perfekten Bilder von menschenleeren supertollen Gegenden finde ich manchmal ziemlich langweilig. Ich versuche – wenn es geht – meine Fotos mit Menschen zu beleben. Das heißt oft, ich muss schnell sein, weil sich Situationen schnell ändern. Sitzt eine Taube auf dem Kopf des Brückenheiligen und guckt ihn kritisch an, wartet sie nicht, bis ich endlich meine Ausrüstung ordentlich parat habe. Meistens halte ich die Kamera griffbereit und angeschaltet. Ein Objektivwechsel würde meistens viel zu lange dauern.

Zwar habe ich ein Teleobjektiv, doch ich nutze es nur sehr selten. Als ich anfing, für Zeitungen zu fotografieren, sagte einer der dortigen Fotografen: Ein Tele ist keine Gehhilfe: Wenn Du denkst, dass Du zu dicht dran bist, dann bist du genau richtig. Diese Maxime beherzige ich, so oft es geht.

Ich bearbeite meine Bilder nur selten. Dafür fehlt mir einfach die Zeit. Ich lösche alles, was nichts geworden ist und meinem Blick nicht genügt, der Rest bleibt im Prinzip so, wie er ist. Vielleicht helle ich eine dunkle Stelle mal etwas auf, das war es aber schon fast. Wenn ich unterwegs blogge, veröffentliche ich die Bilder gleich im Blog. Dafür werden sie einfach klein gerechnet, so dass die Ladezeit des Blogs nicht zu lange dauert.

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Das Leben bietet den Rahmen für jedes Bild, das ich mir wünsche.

Großartig gesichert werden die Bilder bei mir ebenfalls nicht. Da ich meine Notizen mit der Hand aufs Papier schreibe, würden die Erinnerungen ohnehin bleiben. Überhaupt: Als ich noch mit einer analogen Spiegelreflex auf Korsika unterwegs war, war keiner der Filme hinterher brauchbar, weil die Kamera die Filme nicht ordnungsgemäß transportiert hatte. So what. Das ist das Leben. Oft denke ich, wenn ich sehe, wie Eltern ihre Kinder nur durch den Sucher der Kamera sehen: Mensch, geht zu ihnen, erlebt mit ihnen den ersten Schultag oder den Geburtstag, aber legt einfach dafür mal dieses blöde Gerät zur Seite.

Das ist ein Beitrag für die Blogparade bei reisen-fotografie, das Bild für den Wettbewerb suche ich demnächst noch heraus.

Ins Blaue reisen…

Nein, nicht ins Blaue, sondern ins Grüne – oder manchmal auch ins Weiße.
Dabei werden die Zehen kalt und die Finger auch.
Wer kam auf die Idee, ins Blaue zu sagen? Dabei stehe ich bei einer Reise doch mit den Füßen auf braun, schwarz, grau, grün, Erde, Steinen, Gras, Asphalt, Holz, aber blau? Blau ist die Straße nicht und gehen ist mühsam: Einen Schritt nach dem anderen, einen Fuß vor den anderen setzen und das nicht nur fünffach, hundertfach, sondern dreimillionensechshundertachtundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundneunzigfach.
Es scheint endlos, den Zweitakter gibt es dazu gratis im Kopf: ü – ber sie – ben Brük – ken musst du ge – hen.
Dann werden die Brücken geräumt und die Schienen übereinander gelegt und in welcher Farbe werden die Flüge gestrichen? Weil Eis an den Flügeln ist, werden die Flieger zu schwer, können nicht abheben, mit den Flügeln schlagen, auf Watschelfüßen rennen, bis die Geschwindigkeit groß genug ist fürs Abheben, fürs Fliegen.
Die Geschwindigkeit ist um jeden Preis zu halten – sonst droht der Absturz.
Aber selbst bei der finalen Landung gibt es einen Trost: Der Getränkewagen kommt noch einmal vorbei.
Ins Blaue geht es dann auch nicht.
Blau wird vom Himmel herunter gelogen, doch wohin?
Wo lande ich?
Reisen: Endlos unterwegs sein, niemals ankommen. Ewig Neues sammeln, selbst in der Banalität des Alltags ständig Neues entdecken, selber entdecken, selber sehen, staunen dürfen. Darüber, wie eine Spinne aus einem Wassertropfen trinkt, darüber, wie schön die schmierigen und stinkenden Algen im Eis sind, welches den bunten Blumentopf gesprengt hat.
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Aber blau ist auch da nichts.
Blau. Blau machen, blau sein, blau anlaufen. Alles Wege ins Blaue, in die Illusion, dass es woanders blauer wäre. Doch das wahre Blau ist in mir, in meinen Träumen, in meinen Wünschen, in meiner Phantasie.
Aus diesem Grund laufe ich wirklich los, gehe durch Wald und Feld und Flur, nein, erst in den Flur: Dort ziehe ich Jacke und Schal und Mütze und Handschuhe oder Regenjacke oder Sonnenhut an, dann geht es raus.
Blau ist kalt, sind kalte Farben, Forelle blau, blaue Zipfel oder Karpfen blau, der alle unsere Geheimnisse kennt und sie zu Silvester ausplaudert.
Oder warum gehst du los, ins Blaue hinein?
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