Lesezeichen auf allen Wegen

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Markierung Elisabethpfad: Weißes „E“ auf rotem Aufkleber mit dem stilisierten Gesicht von Elisabeth

Unterwegs sein. Während es heute Navi, Karten und sonstige Hilfsmittel gibt, habe ich mich vor einiger Zeit gefragt, wie das wohl früher gewesen sein mag. Ich wanderte auf den Spuren der heiligen Elisabeth von Eisenach bis Marburg – und musste oft genug die Zeichen suchen, bevor ich sie lesen konnte. Manchmal waren die Aufkleber hinter einem Schild versteckt, manchmal musste ich erst ein Stück Weg gehen, manchmal sah ich sie, wenn ich mich umgedreht habe, weil ich dachte: Hier kann es jetzt nicht sein. Ging ich den bequemen Weg, war es oft nicht der richtige, aber immerhin hatte ich die Zeichen an Bäumen und Laternenpfählen.

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Winterlinden

Früher gab es diese Zeichen nicht. Dafür standen Winterlinden an Kreuzungspunkten: Von einer Linde zur nächsten reichte der Blick und zeigte, wie der Weg weiter ging. Die Fuhrleute wussten davon, schließlich waren sie darauf angewiesen und wollten nicht den falschen Weg wählen. Wahrscheinlich konnte man sich damals als Ortsunkundiger von Gasthof zu fragen und bekam immer die nächste Etappe erzählt. Nehme ich mal an.

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Das ist mein Beitrag zum Projekt 52 bei Frau Mondgras im Februar: Lesezeichen.

Pilgern auf dem Elisabethpfad oder: Meditation auf müden Füßen

Pilgern auf dem Elisabethpfad ist ein stilles Vergnügen. Kuckucksrufe, Grillenzirpen und Blätterrauschen sind oft die einzigen Geräusche – neben dem monotonen Knirschen der Schuhsohlen auf dem Weg. Selbst die Dörfer, durch die mich der Weg führt, scheinen wie ausgestorben: auf dem einen Hof in Röhrda liegen Plüschtiere auf dem Asphalt, doch niemand ist zu sehen und zu hören.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

 

Ich begab mich ohne Pilgerführer, ohne Taschentelefon, ohne Wanderkarte auf den Weg: Nur mit der kleinen Übersicht, ausgedruckt auf einem Din-A-4-Blatt. Der Weg war gekennzeichnet durch den roten Aufkleber mit dem stilisierten Antlitz Elisabeths und einem E. Manchmal zeigte auch nur ein kleiner, gelber, handgemalter Pfeil in die Richtung, die als nächstes zu wählen war. Auf der Internetseite stand, es seien 184 Kilometer von Eisenach bis Marburg. Mit den Umwegen, die ich lief, weil ich die Markierung nicht fand, waren es bestimmt ein paar Kilometer mehr.

Pilgern auf dem Elisabethpfad: Nur ein Hase kreuzte den Weg.

Lange Zeit nutzte der Weg alte Pfade und lief oben auf den Höhen von Dorf zu Dorf. Katzenbuckeliges Steinpflaster ließ ahnen, dass hier einst Karren rumpelten und Handelsleute ihrer Wege zogen. Manch neue Wege führten dagegen schnurgerade und baumlos wie beispielsweise der frisch asphaltierte Wanderweg von Spichra bis nach Creutzburg. In der Sonne war es darauf so heiß, dass sich meine Schuhe mit einem schmatzenden Geräusch vom Asphalt lösten.

Gegessen habe ich oft einfach am Wegesrand: der Proviant war im Rucksack. Denn in vielen Orten gibt es keine Möglichkeit zur Einkehr. Brot und Käse, rote Wurst, Äpfel und eine große Flasche Wasser – das reichte mir für unterwegs. Nur die Sehnsucht nach einer Tasse duftenden Milchkaffee blieb mir, solange der Weg nicht durch Städte führte.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

Einfach unter freiem Himmel schlafen? Lieber nicht. Meine neun Pilgertage waren zwar sonnig und warm, doch an manchen Tagen war es morgens noch so kalt, dass der Reif auf dem Gras knisterte. Da ich nicht wusste, wie schnell ich vorankomme, konnte ich mich nirgendwo anmelden. Trotzdem fand ich jeden Tag ein Quartier.

Ruhig einen Fuß vor den anderen setzen: Mit Gepäck auf dem Rücken und tagelang unterwegs bricht man keine Geschwindigkeitsrekorde. Stattdessen gibt es viel Zeit zu meditieren oder nachzudenken. Der Mensch ist dafür gebaut, 19 Kilometer am Tag zu laufen. Doch heutzutage ist das selten nötig. Und so mäandern alte Wege menschengerecht und neue Straßen schlagen schnurgerade Schneisen für Fahrzeuge.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

Wer sich selbst nicht riechen kann, sollte nicht pilgern. Denn nicht überall gibt es eine Dusche in den Quartieren. Waschen geht zwar auch: mit Seife und Waschläppchen am kalten Wasserhahn in der Damentoilette, ist aber längst nicht so komfortabel, wie gewohnt. Doch selbst nach einer erfrischenden Dusche am Abend war am nächsten Morgen alles perdu – spätestens nach einer halben Stunde auf dem schweißtreibenden Weg. Hier hilft auch kein großzügiger Einsatz von Deodorantien.

Es ist ein Pilgerweg, und doch waren die evangelischen Kirchen am Weg geschlossen, als ich vorbeikam oder es hing ein Zettel aus, wo man sich den Schlüssel besorgen könne. Die Türen der katholischen Kirchen dagegen waren geöffnet und boten müden Füßen Rast und meditative Stille für eine kurze Andacht.

Pilgern auf dem Elisabethpfad

Gut war es, den Weg zu gehen. Neun Tage lang, 184 Kilometer weit. Gut war es – auch wenn die Knie schmerzten und die Blasen an den Füßen jeden Tag neu verpflastert werden mussten.

 

 

 

Die Gedanken vor meiner Pilgerreise habe ich mir auch notiert: Hier. 

Kleine Gedanken zum Pilgern

IMG_4927_1_1Als ich das erste Mal von dem Weg hörte, auf dem Elisabeth einst von Eisenach nach Marburg ging, der mit Schildern versehen auch andere Pilger locken wollte, blitzte zunächst nur eine kleine Idee vorwitzig auf: Das will ich auch mal machen.

Die kleine Idee ließ sich nicht mehr vertreiben, wuchs immer weiter und so erzählte ich zunächst nur Freunden und Vertrauten von ihr. Keiner widersprach, keiner redete dagegen, keiner mutmaßte, dass das eine Nummer zu groß für mich sei, ganz im Gegenteil.

Würde mich denn jemand begleiten wollen? Dann müsste ich mich nicht mutterseelenallein auf den Weg machen, den einst Elisabeth ging. Oder vielmehr: Den man sich heute vorstellt, den Elisabeth gegangen sein könnte. Zwar hatte Alex Lust, doch leider keine Zeit. Trotzdem blieb die kleine Idee hartnäckig bei mir und setzte mir einen Floh ins Ohr: Ich solle doch alleine Pilgern. Elisabeth war doch damals auch alleine unterwegs. Oder?

Damals, also jetzt vor fast 800 Jahren, wurde Ludwig, Elisabeths Mann, im Kloster Reinhardsbrunn begraben. Das war im Mai 1228. Ein Jahr zuvor war Ludwig mit dem Kaiser Friedrich II. zum Kreuzzug nach Jerusalem aufgebrochen. Doch er kam nie dort an, sondern erkrankte auf dem Weg dorthin und starb im August 1227 in Ortranto. Kurz danach wurde sie mit ihren drei Kindern – hej, die Frau war erst zwanzig Jahre alt! – von der Wartburg vertrieben, kam eine Weile in Eisenach unter, bis sie der Bischof Ekbert aus Bamberg, ihr Bruder, auf die Burg Pottenstein bringen ließ, in eine Art Schutzhaft. Er wollte seine Schwester wieder standesgemäß verheiraten. Elisabeth zieht mit den Getreuen ihres Mannes zum Kloster Reinhardsbrunn und anschließend nach Eisenach. Heinrich Raspe, Elisabeths Schwager, soll ihr das Erbe endlich aushändigen. Doch nur wenige Wochen später zieht Elisabeth nach Marburg, zu ihrem Beichtvater Magister Konrad, der auch ihr Erbe inzwischen verwaltete. Ihr drittes Kind war jetzt ungefähr ein Jahr alt. Nahm sie das mit auf den Weg? Lief es auf seinen kleinen Füßen oder musste sie es tragen? Auf ihre beiden älteren Kinder hatte Elisabeth verzichtet: Herrmann war sechs und Sophie fünf Jahre alt. Gertrud nahm sie mit nach Marburg, doch als diese entwöhnt war, kam sie Ende 1228 in das Kloster der Prämonstratenserinnen in Altenberg. Puh. Das Kind war doch erst gut anderthalb Jahre alt. Das waren noch Zeiten…

Jedenfalls wurde für die Lieblingshausziege gesorgt und so konnte ich losziehen.

Am Freitag kaufte ich mir Brot, Käse und Äpfel für unterwegs und am Samstagmorgen noch eine Wurst, bevor ich meinen Rucksack gepackt habe und mit dem Auto nach Eisenach gefahren bin.

Die Vorfreude war groß. Ich war schon ein paar Tage vorher nicht mehr so richtig anwesend.

Wie lang würde mir der Weg werden? Ob ich auch den richtigen Weg finde? Er soll zwar gekennzeichnet sein, aber wer weiß schon, ob die Schilder auch an den richtigen Abzweigungen zu sehen sind. Wo werde ich übernachten? Weil es ein Pilgerpfad ist, könne ich überall einen Übernachtungsplatz finden. Das probiere ich aus, schon allein deswegen, weil ich ja gar nicht weiß, wie weit ich jeden Tag gehen kann. Überhaupt: Wie werden mir die Menschen unterwegs begegnen? Ich war übrigens ohne Taschentelefon, ohne Wanderkarte und ohne Pilgerführer unterwegs. Ich glaube kaum, dass Elisabeth damals so etwas hatte, als sie nach Marburg ging.IMG_4934_1_1Woher wussten eigentlich die Menschen damals, in welche Richtung sie gehen mussten? Und woher wussten sie, was es noch auf dieser Welt gibt und wo sie es finden würden? Ob Fuhrleute, Pilger oder Soldaten – es waren sicherlich auch damals Menschen unterwegs die Auskunft geben konnten.

Wer wissen will, wie die neun Tage auf dem Elisabeth waren, liest einfach hier nach.

Das Gepäck

Gepäck ElisabethpfadDer Schlafsack brauchte den meisten Platz im Pilgerrucksack. Da blieb nicht mehr viel übrig für Anziehsachen. Also mussten Shirts, Socken und Unterwäsche zum Wechseln, dazu noch eine kurze Hose und die Regenjacke reichen, um von Eisenach bis Marburg zu kommen. Vorsichtigerweise stopfte ich die lange Skiunterwäsche noch in die letzten Ritzen. Das hätte ich auch lassen können. Zwar war es morgens noch kalt und das Gras bereift, so dass es unter den Stiefelsohlen knisterte, doch ich habe glatt unterschätzt, wie warm mir beim Wandern werden würde. Selbst wenn ich im warmen Pullover losmarschierte – spätestens nach einer halben Stunde zog ich ihn wieder aus und stopfte ihn zurück in den Rucksack.

Zwar war der Rucksack wirklich nicht klein, doch mehr passte einfach nicht hinein. In die Seitentaschen kam noch Pflaster, das Waschzeug, ein kleines Handtuch und etwas Proviant. Weil der Weg über lange Strecken durch kleine Dörfer führt, in denen es oft weder Gaststätte noch Einkaufsmöglichkeit gibt, ist es quasi zum Überleben notwendig, dass etwas zu Essen im Gepäck ist: Vom Bauern habe ich mir zwei lange, an der Luft getrocknete Würste geholt. Die sind lange haltbar, auch ohne Kühlschrank. Sie müssen nur luftig verpackt werden, damit sie nicht alles einfetten und werden höchstens härter und noch trockener. Dazu habe ich ein Molkebrot aus dem Reformhaus in den Rucksack gepackt, das auch nach drei Tagen noch schmeckt. Zwei große Käsestücke, eine Tüte mit Äpfeln und eine Packung mit Müsliriegeln. Das war alles.

Außerdem habe ich noch einen Beutel mitgenommen, weil ich darin meine Wasserflasche und meine Kamera griffbereit packen konnte. Ich wollte nicht jedes Mal den Rucksack ablegen und darin kramen, wenn ich ein Foto machen wollte.

Die Schlafmatte kam als Rolle vor den Rucksack, rechts und links baumelten meine Sandalen. Nur für alle Fälle. Allerdings hätten die wirklich zu Hause bleiben können. Denn nach dem Tag, an dem ich in den Sandalen unterwegs war, weil es so warm war, jammerten meine Füße gewaltig.

Als ich den Rucksack das erste Mal auf die Schultern nahm, kam er mir doch ganz schön schwer vor und der Blick auf die Waage verriet: Zwölf Kilo Gewicht. Das soll ich alles tragen? Uff.

Nach dem ersten Tag maulten denn auch die Schultern gewaltig. Glücklicherweise gewöhnten sie sich an das Gewicht und schmerzten nicht mehr. Nur am linken Arm gab es vom Ablegen des Rucksackes blaue Flecke. Die blieben die ganzen Tage lang, weil sie jeden Tag wieder erneuert wurden.

 

Auf dem Bild: die Kirche von Wasmuthshausen – einer meiner Irrwege. Links am Bildrand: mein Gepäck …

Der Geruch

Der GeruchWer sich selbst nicht riechen kann, wer sich nur erträgt, wenn er von Kopf bis Fuß parfümiert ist, der sollte nicht pilgern. Wie sehr sich der parfümierte Geruch von allem bereits in meinem Leben eingenistet hat, hatte ich bereits erfahren, als ich mit dem Zug durch Rumänien fuhr und den Eindruck hatte, alles riecht. Weniger nett ausgedrückt: Die Menschen um mich herum stanken. Fand meine Nase. Je länger ich in dem Land unterwegs war, desto weniger nahm ich es allerdings wahr. Was ich allerdings alles roch, als ich wieder zurück in Deutschland war, fand ich sehr bemerkenswert: Alles, was uns umgibt, ist parfümiert und riecht danach, ob die Wäsche, die Haare, die Läden, einfach alles. Auch das habe ich nach einer Weile nicht mehr so intensiv wahrgenommen. 

So ist es auch beim Pilgern: Ich laufe, bin unterwegs und mit meinem Rucksack bepackt. Dabei schwitze ich – und das ist ganz normal. Aber nicht überall gibt es für die Pilger ein Hotel oder eine Pension, in der ich bei der Ankunft ausgiebig duschen kann. Manchmal bekam ich auch nur ein Eckchen, in dem ich meine Schlafmatte oder meinen Schlafsack ausrollen kann. Das ist völlig normal und dafür schleppe ich den Kram ja auch mit. Gibt es also den Schlafplatz im Jugendraum des Pfarrhauskellers oder auf dem Spielteppich im kirchlichen Gemeindehaus, dann gibt es dort keine Dusche. Trotzdem konnte ich mich waschen: Mit Waschlappen und Seife und kaltem Wasser im Vorraum des Damenklos. Wie gut, dass ich beides, also Seife und Waschlappen, auch im Gepäck dabei hatte. 

Doch auch, wenn ich in einem komfortableren Quartier gelandet und abends eine warme Dusche genießen konnte: es hielt nicht so lange an. Denn am nächsten Morgen ging ich weiter und spätestens nach einer halben Stunde war mir so warm, dass ich den Pullover auszog und ihn zurück in den Rucksack stopfte. Auch wenn das Gras noch weißbereift unter den Sohlen knisterte. 

Schnell stellte ich fest, dass meine Nase entschieden empfindlicher wurde. Das betraf nicht meinen eigenen Geruch, den hatte ich ja den ganzen Tag um mich und an den hatte ich mich auch schnell gewöhnt. Aber den Duft der Dinge um mich herum, den nahm ich weitaus intensiver wahr: die Blumen, die blühenden Sträucher, den Raps, den Waldboden und auch die anderen Menschen, welche mir begegnet sind. Viele waren das nicht, die meiste Zeit des Weges lief ich völlig allein durch den Wald. Aber auch in den Ortschaften sah ich oft nur wenige Menschen. Am dritten Tag meiner Tour begegnete mir eine Gruppe junger Menschen im Wald. Den Duft nach Haarspray und verschiedenen Parfüms zog sich wie eine Spur hinter ihnen her und verflog erst ganz langsam. Es dauerte einige Zeit und viele Schritte, bis ich diesen Geruch nicht mehr in der Nase hatte, sondern alles wieder nach Waldboden und Pilzen roch. Für das Wild ist das von Vorteil: es riecht diese Duftnoten und kann sich rechtzeitig ins Unterholz verdrücken. Zumal bei dieser Gruppe, die mir im Wald begegnet war, die Ohren mit Musik verstopft waren und sie alles überbrüllend sich miteinander noch unterhielten. 

Dahingegen hoppelte ein Hase gemütlich auf dem Weg, den ich selbst kurz vorher entlang ging. Ich saß derweil auf einer Bank kurz vor der ehemaligen innerdeutschen Grenze, habe gerastet und gefrühstückt. Der hat mich weder gesehen, noch gehört oder gerochen.