Schlendern durch Hildburghausen

Wir haben genügend Muße und nehmen uns einfach die Zeit, fahren von der Autobahn an einer Stelle herunter, an der wir andernfalls nur eilig vorbeifahren. In der Ferne glitzert und leuchtet türkisfarbenes Wasser, doch als wir näher kommen, ist der Weg zum Ufer verbrettert und darf nur gegen Eintritt betreten werden. Dann laufen wir eben nicht rund um den kleinen Stausee, sondern fahren weiter nach Hildburghausen.

Marktplatz von Hildburghausen

Der Marktplatz ist groß, allerdings auch ziemlich leer. Wir setzen uns am Stadtcafe, bestellen Kaffee und neben uns am Tisch nimmt ein älterer Herr Platz. Er bestellt sich ein Bier und ein seltsames Gerät dazu, bewundert meine Tasche und fängt an zu erzählen. Er war Sattler, sagt er, erzählt von Kartoffeln, welche die Menschen vor Hunger bewahrten und den speziellen Klößen, die daraus hier bereitet werden und sich von den Thüringer Klößen unterschieden. Erzählt von der dunklen Gräfin, die sich hier niederließ und zurückgezogen bis zu ihrem Tod im nahen Eisleben lebte und deren Grabmal noch zu besichtigen sei. Er wies irgendwo in das Grüne, das über den Dächern der Häuser ragte: Dort oben war einst die Grenze, an der die Hunde wachten und ein Zaun und Minenstreifen Republikflucht verhindern sollten. Er erzählte, dass Therese Charlotte Louise Friederike Amalie von Sachsen-Hildburghausen nach Bayern geheiratet und deren Hochzeitsfeier mit Kronprinz Ludwig von Bayern das Oktoberfest begründet habe, berichtet von den Leisten, die sein Vater nach dem Krieg aus Holz fertigte und von den Hausschuhen, die seine Mutter aus Stoff über jenen Leisten herstellte, damit „wir waren sechs Jungs“ sie wenigstens warme Füße hatten.

Kirche von Hildburghausen. Unten steht der Altar, darüber ist die Kanzel und ganz oben die Orgel.

Als wir den Kaffee getrunken und bezahlt hatten, schlenderten wir ein wenig durchs Städtchen, entdeckten einen schönen Schlosspark, suchten das Schloss – und fanden es nicht. Dafür war jetzt die Kirche geöffnet. Der Mitbewohner guckte und wunderte sich: Die Kanzel steht in der Mitte? Doch, die Stadtkirche ist echt evangelisch gebaut, erklärt der ältere Herr, der hier die Schlüsselgewalt und Oberaufsicht führt. Altar, Kanzel und Orgel sind übereinander und zentral vorne angeordnet. Er zeigt auf die Kuppel unter dem Dach, die sich nicht auf die Pfeiler stützt, sondern frei aufgehängt sei.

Es gab eine Vorgängerkirche, doch die fiel einem Stadtbrand zum Opfer: Früher wurden die Toten in den Häusern aufgebahrt, einfach auf einem Brett, wer Geld hatte, stellte Kerzen dazu, wer keines hatte, nahm Talglichter. Vielleicht war eines der Talglichter noch an, man weiß es heutzutage nicht mehr genau, aber von hier nahm nachts der Brand seinen Ausgang. Zwar gab es einen Feuerlöschteich, doch bis die Ledereimer gefüllt und zum Brand getragen wurden, brannte alles lichterloh. „War ja alles Fachwerk und Lehm und Stroh“. Die fünf Kirchenglocken schmolzen ein, so heiß brannte alles. Nur einige Bilder konnten gerettet werden.

Hinter den Fensterscheiben: Das Zimmer des Herzogs.

Der Herzog ließ anschließend die Kirche so groß aufbauen, dass alle Einwohner innerhalb Hildburghausens Platz fanden. Seinen eigenen Raum konnte er nur über das Kircheninnere betreten. Kam er zu spät, mussten alle aufstehen, ebenso, wenn er vor dem Ende des Gottesdienstes gehen wollte.

Das alte Rathaus von Hildburghausen.

 

 

Premium auf Wanderwegen unterwegs

Das lateinische Wort praemium heißt Belohnung, oder Beute. Welche Belohnung wartet auf mich, wenn ich auf einem der vielen Premium-Wanderweg laufe, die es inzwischen in unserem Lande so gibt? Überhaupt, was qualifiziert einen Premium-Wanderweg dafür?
Heißt das, er ist besonders kuschelig und bequem, das Glück hängt quasi schon pflückbereit am Baum und wartet darauf, dass man es mitnimmt, vielleicht soll der Name dem zünftigen Wanderer schlicht suggerieren, er leiste sich selbst beim Laufen durch Feld, Wald und Flur etwas Besonderes?
Ich begebe mich auf die Spuren, die andere für mich gelegt haben, auf die Spuren des P13, des Premiumweges Nr. 13. Dieser befindet sich im nordhessischen Ringgau und führt rund um die Burgruine der Boyneburg, also dort, wo sich ohnehin Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Die Beschilderung auf dem Premiumweg.

Damit niemand auf die Idee kommt, ein Premiumweg sei so rein fürs Vergnügen, erklären die Schilder, was es auf diesem alles zu beachten gibt.

Immerhin gibt es hier eine mehr als korrekte und ausreichende Beschilderung, schließlich soll sich der Wanderer weder verlaufen, noch einen der Aussichtspunkte verpassen. Kurz vor Grandenborn parke ich das Auto an einer Kurve und gehe links bergauf. Für eine ganze Weile führt der Weg an Grenzsteinen entlang. Ich bin auf dem Schickeberg, sagt die Karte. Das links der Abgrund gähnt, wäre sicherlich übertrieben, aber an einigen Stellen ist der Weg schon eher ein enger Pfad, hangwärts geneigt und etwas rutschig. Trittsicheres Schuhwerk an den Füßen ist da sicher nicht verkehrt.

Bank mit zugewachsener Aussicht. Auch auf dem Stein ist das P13 aufgemalt.

Hin und wieder gibt es eine schöne Aussicht und nicht jede ist so zugewachsen wie diese hier – doch dann begegnen sich Himmel und Erde, ganz wie es der Wetterbericht vorhergesagt hat:

Es beginnt zu regnen. Immer noch geht es stetig bergauf, mir wird mehr als warm. So wird auch die Jacke eher von innen denn von außen nass, auch dank des dichten Buchenblätterdaches über mir, das den Regen wie ein etwas löcheriger Regenschirm von mir wegleitet, so dass nur wenige Tropfen durchdringen. Der schmale Pfad ist für einen dichten Wandergruppenpulk sehr ungeeignet, hier kann man nur in langer Gänsereihe hintereinander gehen, ohne miteinander zu schnattern.

Schmaler Pfad zwischen hohen Buchen.

Später wird der Weg karrenbreit und grün überwachsen, an einer Kreuzung ist eine Futterkrippe aufgebaut, an der man überdacht seinen rucksackwärts getragenen Proviant frühstücken kann.
Der Regen hat den Vorteil: Ich bin alleine unterwegs, außer Reh, Hase und Fuchs ist niemand hier.

Noch eine Bank mit Aussicht ins Tal.

In Richtung Boyneburg macht der Weg ein extra-Schleifchen. Der Blick ins Tal ist regenschwer, durch das kniehohe hohe Gras werden die Hosenbeine bis weit über die Knie patschnass.

Hohe Brennnesseln rund um die Boyneburg wollen mir das Drum-Herum-Streifen verwehren.

Hinter der Burg heißt es aufpassen, denn der richtige, der Premium-Weg, zweigt rechts unscheinbar ab, kurz vor einem breit ausgebauten Waldweg. Am rechten Hang liegen Felsbrocken, flauschig grün mit Moos überzogen und wie zu einer wilden Sitzgruppe sortiert.
Auch die Bäume haben sich dicke grüne Moossocken angezogen.
Praktisch: Auch wenn der Pfad nur so schmal ist, dass man ihn einzeln gehen muss, bis jetzt ist er gut ausgeschildert, so kann man auch ohne Karte nicht fehlgehen. Übersichtstafeln hängen gelegentlich an Bäumen und rote Punkte darauf künden jeweils: Bis hierher bist du, Wanderer, schon auf dem Weg gekommen.
Aus dem Wald heraus reicht der Blick weit über kleine Felder und ein Dorf. Ein Schlenker scheint nur des Ausblickes wegen den Weg zu zieren. Was hier fehlt, ist ein Schild über dem Ort, wo der Name praktisch auf den Himmel projiziert wird.

Blick von oben aufs Dorf nach unten.

Der Weg führt nach Grandenborn, durch Grandenborn hindurch und am Teichhof vorbei, direktemang. Enten liegen am Teich faul im Gras, wissend: Ihnen passiert nichts.

Weg.

Hinter Grandenborn verliere ich den Weg immer mal wieder und weiß nicht, ist er jetzt nur nicht mehr so bequem beschildert, oder bin ich zu unaufmerksam. Es geht durch Felder, an bunten Blumen vorbei, Ziegen, Kühe, Pferde gucken zu, wie ich laufe.

Bunte Blumen am Wegrand.

Vor Breitau geht es noch einmal steil hoch, jetzt ist links ein richtiger Abgrund und hoch oben über der Klippe steht eine Bank zum Ruhen, bevor es wildromantisch weiter geht. Leider sind dann einige Wege ziemlich zerfurcht, weil Bäume gefällt und transportiert wurden.

Bunte Blumen am Wegrand.

Irgendwann bin ich wieder zurück am Auto und fahre wieder nach Hause. Zerzaust, nass, schlammig – und glücklich. Aber dafür hätte der Weg auch nicht unbedingt premium sein müssen. Ganz normal hätte auch genügt. Schön war es.

Silke stellte in ihrem Blog „Unterwegs mit mir“ in ihrem Beitrag zu den Premiumwanderwegen  den Blogbeitrag von Elke Blitzer vor, in dem sie sich Gedanken zum Thema „Premiumwanderwege“ macht.

Verbunden mit: Daily Prompt – Soil

Görlitz

Görlitz.

In Görlitz bin ich einmal ganz allein herumgestrolcht und habe ein anderes Mal einer Stadtführung gelauscht: Die Stadtführerin erzählte begeistert von ihrer Stadt, schwärmte von der gesunden Luft, dem Ambiente, der Kultur, der ruhigen Lage, den geringen Lebenshaltungskosten und günstigen Mieten. Es ist Platz für 100.000 Menschen, doch es leben nur 55.000 hier.

Görlitz. Mitten in der Altstadt.

Den Spitznamen „Pensionopolis“ trägt Görlitz schon seit dem 19. Jahrhundert, war es doch als Altersruhesitz vor allem bei preußischen Beamten beliebt. Im zweiten Weltkrieg blieb die Stadt, die damals noch nicht an einer Grenze lag, fast völlig von allen Zerstörungen verschont. So blieben sämtliche Phasen mitteleuropäischer Siedlungsentwicklung ohne größere bauliche Veränderungen erhalten – bis heute. Die Altstadt ist von Bürgerhäusern aus Spätgotik, Renaissance und Barock geprägt, in den umliegenden Vierteln stehen Häuser der Gründerzeit. Bis heute sind rund 4.000 der Baudenkmäler bereits restauriert – und wirken vielleicht deswegen in ihrer Oberfläche sehr glatt und unbefleckt.

Görlitz: Es gibt immer noch etwas zu tun.

Ab 1975 wurden in Görlitz Neubaugebiete errichtet – ein großer Teil der alten Häuser, die im Lauf der Zeit weitgehend marode und verfallen waren, sollte daraufhin in den achtziger Jahren abgerissen werden. Glücklicherweise wurden diese Pläne 1989 von der Wende durchkreuzt. Auch wenn es Millionen von Euro gekostet hat – inzwischen sind viele der alten Häuser saniert, aber nicht alle sind bewohnt. Wer in Görlitz zu den ortsansässigen Normalverdienern gehört, bleibt lieber in seiner alten Wohnung, deren Miete für ihn bezahlbar ist.

Prächtige Bürgerhäuser aus alten Zeiten, im Hintergrund das rot-graue Gebäude ist der Schönhof, das älteste Renaissance-Bauwerk in Görlitz

Da sich zur Wendezeit viele der Häuser in einem kritischen Zustand befanden, wurde Görlitz nicht nur zur Modellstadt der Stadtsanierung, sondern bekam ganze 21 Jahre lang ein großzügiges Geschenk. Ein unbekannter Gönner überwies der Stadt jährlich 1.000.000 DM, die seit 2002 korrekt in 511.500 Euro umgerechnet wurden. 2016 gab es die letzte Zahlung in Höhe von 340.000 Euro – mit diesen insgesamt mehr als zehn Millionen Euro konnte die Stadt 1.500 Projekte unterstützen, erkenntlich an einer Plakette.

 

 

 

 

Die Trutzburg in Görlitz. Heute Museum.

Reichenbacher Turm

Trutzburg

Der Reichenbacher Turm spiegelt sich in einer Scheibe der Trutzburg, die heute ein Museum ist. In Görlitz kann man viel entdecken – man muss sich nur etwas Zeit nehmen. Zwei Stunden Stadtführung und vorher zwei Stunden in der Stadt herumstromern sind dafür eindeutig zu wenig.

Blick durch die Stadtmauer.

Der Blick durch die äußere Stadtmauer am Nikolaizwinger bietet eine Aussicht auf die polnische Partnerstadt Zgorzelec.

Überall reich verzierte Portale.

Am Untermarkt gibt es viele reich verzierte Portale aus der Spätgotik. Bekannt ist beispielsweise der Flüsterbogen mit seiner Kehlung, welche eine akustische Eigenart besitzt: Spricht man leise an dem einen Ende etwas in den Bogen hinein, kann ein Lauscher auf der anderen Seite alles deutlich hören. Immer wieder sieht man Menschen, die dieses Phänomen ausprobieren. Denn zu zweit muss man hier schon mindestens sein…

Via Regia.

Mit der Via Regia führte eine der wichtigsten Straßen für den Handel zwischen West und Ost durch die Stadt.

Kirche St. Peter und Paul.

Wahrzeichen der Kirche St. Peter und Paul ist die Sonnenorgel: Über den gesamten Orgelprospekt, das ist die sichtbaren Orgelpfeifen, sind insgesamt 16 Sonnengesichter. Um diese sind jeweils gleich lange Orgelpfeifen als Sonnenstrahlen angeordnet. Vier dieser Sonnen sind stumm, die anderen 12 klingen.

Gleich nebenan ist schon Polen, in der Zgorzelecer Wechselstube werden aus fünfzig Euro zweihundert Złoty. Hier sind die Wälder licht und jetzt mit Birken und Kiefern bestückt. Das ganze Land ist eine weite Ebene, in der jeder Blick bis zum Horizont reicht. Polen ist immerhin so groß wie die Bundesrepublik, hat aber nur halb so viele Einwohner.

Straßenmusiker im Görlitzer Sommer.

Straßenmusiker im Görlitzer Sommer.

Authentisch Reisen – oder Simulation der Wirklichkeit

„Im Vorwort zur zweiten Ausgabe (1843) von „Das Wesen des Christentums“ schreibt Feuerbach, unsere Epoche ziehe das Bild dem Ding vor, die Kopie dem Original, die Darstellung der Realität, die Erscheinung dem Sein – und sei sich dessen durchaus bewusst. Im 20. Jahrhundert wurde seine warnende Klage abgewandelt in die weithin akzeptierte Diagnose: eine Gesellschaft wird „modern“, wenn eine ihrer Hauptaktivitäten das Produzieren und Konsumieren von Bildern ist, wenn Bilder, die einen außerordentlich starken Einfluss auf die Forderungen haben, die wir an die Realität stellen und die selbst begehrter Ersatz sind für die Erfahrungen aus erster Hand, unentbehrlich werden für die Gesundheit der Wirtschaft, für die Stabilität des Gemeinwesens und das Streben nach dem privaten Glück.“

Feuerbach ging dabei noch von einem Gegensatz zwischen Original und Kopie aus, der durch eine statische Definition der Begriffe Wirklichkeit und Bild geprägt war. Der Grundgedanke ist, was wirklich ist, bleibt, nur die Bilder verändern sich. Heutzutage ergänzen sich diese Begriffe, wenn sich der Begriff der Wirklichkeit ändert, dann ändert sich auch der des Bildes und umgekehrt.

Heinrich Kupffer vertritt in seinem Vortrag dagegen die These, dass die Simulation die Realität ersetzt. Worte und Bilder werden nicht nur konvertierbar, sie werden auch gemeinsam zu einer neuen Wirklichkeit. Durch die Verbindung von Bildern mit einer Unterschrift, also Worten, entsteht ein Verhältnis zwischen Abbild und Repräsentandum, ein spezifischer Sinn, der durch die Unterschrift dem Bild verliehen wird. Massenhaft verbreitet bekommt das Bild einen Vorbildcharakter. Es repräsentiert ein Modell, nach dem das Leben einzurichten ist. Er wählt dafür das Beispiel des Tourismus:

Durch immer bessere und schnellere Verkehrsmittel ist es heutzutage unkompliziert und ungefährlich, weit weg zu reisen. Konkurrenz zwischen Reiseunternehmen fördert den Massenverkauf von Reisen zu relativ niedrigen Preisen, die in ferne Länder oder Gegenden führen und vor hundert Jahren nicht oder nur unter sehr großen Schwierigkeiten erreichbar waren.

Doch er vermutet, dass der Reisende zwar körperlich in dem betreffenden Land ankommt, aber psychisch nicht. Der Pauschaltourist erwartet, an seinem Urlaubsort einen gewohnten Standard, eine gewohnte, eine simulierte Umgebung vorzufinden.

Das moderne Reisen, das um seiner selbst willen und zum Vergnügen unternommen wird, gibt es noch nicht lange. Früher verreiste man nur aus Not oder religiöser bzw. wirtschaftlicher Ziele wegen. Erst im 17. und 18. Jahrhundert begann das Reisen zum Selbstzweck zu werden. Jeder, der genug Geld hatte und gebildet war, machte sich in den Süden auf. Italien mit seinen antiken Stätten gesehen zu haben, war das Reifezeugnis für junge Männer (und wenige Frauen). Die dabei erworbenen Kenntnisse konnten an keiner Universität vermittelt werden. Die praktischen Schwierigkeiten dieser Reisen waren noch erheblich, besonders durch die Überquerung der Alpen.

Der Massentourismus breitete sich zuerst in Richtung der Gastarbeiterländer aus. Dort ist es meistens wärmer und sonniger als in Deutschland. Später entdeckte die Tourismusindustrie, dass es außer den „normalen Pauschaltouristen“ auch „Abenteurer- und Entdeckertypen“ gibt und verkaufte Reisen in andere Länder unter anderen Vorzeichen. Die Wirklichkeit wird dort auf eine andere Weise simuliert, je nachdem, was der Tourist erwartet. Stellt sich heraus, dass es im Urlaub eine Konfrontation mit einer nicht simulierten Realität gibt, wenn Kakerlaken oder andere ortsübliche Haustiere die simulierte Idylle stören, dann wird meist der Reiseveranstalter verantwortlich gemacht und reklamiert. Es gibt noch wenige Orte, an denen eine Simulation schwierig ist. Sollte eine Frau allein im Iran unterwegs sein und am Strand einen Bikini tragen, dürfte es zu einer eher harten Konfrontation mit der dort herrschenden Realität kommen.

Reisen wird in immer mehr Ländern risikoreicher. Entführungen, Bombenanschläge, Bürgerkriege, die sich nicht nur gegen Einheimische, sondern auch gegen Touristen richten. Doch es hat den Anschein, als würde dieser Einbruch der Realität in das Bild vom Urlaubsland nur kurz anhalten. Zwar führen Ereignisse wie Bombenanschläge kurzfristig zu Reisestornierungen, doch nach spätestens ein paar Monaten ist der Schrecken vergessen. Dann buchen die Urlauber wieder, zumal die betroffenen Länder nach den imageschädigenden Ereignissen mit den Preisen heruntergehen.

Wozu verreist der Tourist überhaupt? Wie es in dem Ort aussieht, an den er fährt, weiß er längst aus den Prospekten. Sollte es von dem gewünschten Ziel keinen Prospekt geben, dann ist das kein Reiseziel. Hauptsache, er konnte sich vor seiner geplanten Reise ein Bild machen. Der Wunsch, zu verreisen, entsteht erst durch eine Vorstellung von dem Reiseziel. Die Vorstellung kann auf verschiedene Weise entstehen. Entweder erzählt jemand davon, oder es gibt Bilder in Fernsehen, Büchern oder Zeitschriften. Andererseits gibt es in den Urlaubsorten die Überlegungen „wie mache ich diesen Ort für Touristen attraktiv?“

Ich möchte dies an einem kleinen Beispiel aus der Region schildern. In Germerode (ein kleiner Ort in Hessen) gibt es keinen Sonnenstrand oder andere für Touristen attraktive Ziele. Dafür kann in Germerode eine andere Erlebniswelt simuliert werden: „Ferien auf dem Bauernhof“ beispielsweise. Außerdem gibt es in diesem Ort einen Wildpark, in dem die wilden Tiere „wie in der freien Natur“ gezeigt werden. Dies gilt natürlich nur für die ungefährlichen Tiere. Wildschweine sind besser in einem Gehege aufgehoben. Doch sollte der Urlauber Kontakt mit der nicht simulierten Wirklichkeit bekommen, indem ihm ein Wildschwein vor sein Auto gerät und dieses beschädigt, ist der Ärger groß.

Die Bilder – gerade von Reiseprospekten- sind Hochglanzfarbphotos. Und da ein Apparat diese Photos „gemacht“ hat, muss es dort so aussehen, denn die Kamera kann nur die Wirklichkeit abbilden und nichts anderes. Ich möchte ein wenig der Frage nachgehen, wie diese Bilder eine solche überzeugende Wirkung haben können.

Werden Bilder gemacht, indem ein technischer Apparat zwischen dem Menschen und dem Abbild steht, dann entsteht scheinbar ein objektives Abbild der Realität. Die Beziehung zwischen Abbild und Wirklichkeit scheint eindeutig „es ist so gewesen“. Was abgebildet wurde, muss sich vor der Kamera befunden haben. Diese Realität ist nur scheinbar objektiv, weil sie bestimmt ist vom Auge dessen, der real geschaut hat, seinen Wahrnehmungen und seinem Blickwinkel, auch unter dem Gesichtspunkt, was diese Bilder für Geld bringen, ob sie gut verkäuflich sind. (z. B. ein Bild, das eine schöne Hotelanlage zeigt, jedoch die Baustelle daneben nicht mehr) Das Bild ist ein allgemein verständliches Abbild der Realität. Die Bildunterschrift kann den Sinn wandeln. Wort und Bild zusammen simulieren verschiedene Realitäten.

Der erste Apparat, welcher authentische Bilder der Wirklichkeit lieferte, war die Camera obscura. Die Fixierung dieser Bilder geschah durch Malerei, in der Fotografie geschieht die Fixierung der Bilder durch chemische Mittel auf Trägern.

Die Fotografie hat zwei Möglichkeiten. Zum einen die authentische Wirklichkeitswiedergabe und zum anderen kann sie verborgene Strukturen der Wirklichkeit zur Anschauung bringen. Eine Stärke der Fotografie liegt darin, dass sie Bilder der Welt hervorbringt, und keine Projektionen des Bewusstseins wie die Malerei.

In der Malerei kann man das einzelne Bild als Sinnbild der gesamten Wirklichkeit sehen, in der Fotografie ist das einzelne Bild ein Ausschnitt aus einer größeren Wirklichkeit. Fotografien sind eine Interpretation der Welt durch die Auswahl des Fotografen. Die Wahrnehmung sortiert aus, entweder ist sie total oder detailliert. Die Wahrnehmung, das heißt die optischen Reize und die Erinnerung daran ist einer ständigen Selektion unterworfen, sonst ist die Anzahl der Reize, denen wir ausgesetzt sind, zu groß. Diese Selektion geschieht auch durch die Einordnung in wichtiges und unwichtiges. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Vexierbild, es ist immer nur eine Variante zu sehen, je nachdem was erwartet wird. Das Sehen hängt von der Erwartung ab, was zu sehen sein wird.

Warum wurde überhaupt die Fotografie als realistische Grundlage der Wahrnehmung akzeptiert? Vielleicht, weil seit der Renaissance die Maler mit der Camera obscura arbeiten, bei welcher ein naturgetreues Bild entsteht, welches mit dem Bleistift fixiert wird. Dieses diente dann der Skizzenerstellung, nach der dann das gemalte Bild entstand (z. B. Stadtansichten von Canaletto). Bekannt ist, daß Wahrnehmungsprozesse erlernt werden, haben wir dort das Wahrnehmen der Welt in Fotografien erlernt?

Fotografien wurden das erste Mal als „Beweismaterial“ bei einer Razzia auf Pariser Kommunarden im Juni 1871 verwendet. Fotografien sind auch ein Werkzeug moderner Staaten bei der Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung. Der zunehmenden Mobilität wurde mit einem Ausweis mit Lichtbild begegnet. Fotografien eigneten sich dazu besonders gut, durch die völlige Naturnähe der Abbildung, sie vermitteln das Untypische, Spezifische einer Szene, in diesem Fall einer Person. Potentiell ist diese Technik zur Überwachung des öffentlichen Lebens geeignet.

Allerdings werden zum Beispiel in Bestimmungsbüchern bei Pflanzen, in denen es darauf ankommt, das Typische und Allgemeine zu zeigen, immer noch von Hand gefertigte Zeichnungen bevorzugt, weil sie sich zu diesem Zweck besser eignen. Der Zeichner liefert in diesem Fall die besseren Ergebnisse, weil die Zeichnungen weniger realistisch sind. Bei diesen Zeichnungen könnte man sagen, daß mehrere Fotografien, Ansichten aus verschiedenen Blickwinkeln in ihnen vereint sind. Es entsteht keine Zeichnung eines Individuums, sondern die einer Pflanzenart.

Die Fotografie kann als Erfindung einer „Kopiermaschine“ bezeichnet werden. Trotzdem machen verschiedene Fotografen andere Bilder von ein und demselben Objekt. Nicht nur ein Abbild dessen, was gesehen wird, sondern es geschieht eine gleichzeitige Bewertung durch das, was der Einzelne durch die Kamera sieht.

Es ist für die Beachtung von Fotografien (besonders bei Berufsfotografen) wichtig, das Objekt auf eine neue Weise zu sehen und zu zeigen, besonders wenn es altbekannt ist.

Die Fotografie ist Teil eines Informationssystems (Familienalbum, Wettervorhersage, Mikrobiologie, Polizeiarbeit etc.) Die gezeigte Realität wird durch jeden entstehenden Zusammenhang neu definiert, zum Beispiel, ob die Fotografie Teil einer Dokumentation oder einer Überwachung ist. Glücklicherweise sind Computer bis jetzt noch nicht in der Lage, Bilder zu vergleichen. Fotografien einer Person, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurden, werden vom Computer als Fotografien verschiedener Personen interpretiert.

Durch Fotografie geschieht eine Zersplitterung von Kontinuitäten, da nur ein Moment einer kontinuierlichen Bewegung festgehalten wird. Das Bild wird bevorzugt als eine Reaktion auf die Aushöhlung der Wirklichkeit, welche nur noch als Fassade erlebt wird. Die Wirklichkeit bekommt erst eine Bedeutung, wenn sie es wert war, durch eine Kamera abgebildet zu werden.

Die Wirksamkeit von Bildern gründet auch auf der Vorstellung, dass die Bilder Eigenschaften des realen Gegenstandes besitzen. Daraus resultiert die Neigung, den realen Gegenständen die Qualität des Bildes zuzuschreiben. Es kommt zu einer teilweisen Identität zwischen dem Bild und der darauf abgebildeten Wirklichkeit durch die mechanische Entstehung der Fotografie und die Präzision der Wiedergabe.

Realität kann man nicht besitzen, wohl aber Bilder. Das Bild bestätigt, dass der Gegenstand, der gezeigt wird, existiert.

Fotografiert wird von Anfang an auch um Vergangenheit zu bewahren. Dies geschieht als ein Ritual, um einen imaginären Besitz der Vergangenheit zu erhalten. Die Familienfotografie etablierte sich im Moment des Wandels der Institution Familie. Durch das Ritualelement werden Wandlungen markiert wie Taufe, Schuleintritt, Abschlussfeier, Hochzeit, Geburt der Kinder. Diese Wandlungen werden visualisiert und festgehalten in Fotografien (neuerdings auch auf Video). Der Wandel wird dabei bildhaft deutlich. Die Fotos dienen als Zustandsbericht, um eine bessere Identifikation mit der neuen Rolle zu erreichen. Mythen (wie z. B. die intakte Familie) entstehen in der heutigen Zeit dadurch, dass fast nur privates fotografiert beziehungsweise gefilmt wird, der Rest ist nicht „zeigwert“, das Glück ist im Privaten zu suchen und hoffentlich zu finden.

„Die Fotographie befreit also die bildhaften Erinnerungen aus ihrer absoluten Isolation, indem sie über ein Foto kommunizierbar werden; so sah der Opa aus, so das geliebte Spielzeug der Kinderzeit.“

Eine Auswirkung der massenhaften Verbreitung der Fotografie im privaten Bereich ist auch, dass noch mehr von dem, was in diesem privaten Bereich an Bildern entsteht, zum Zwecke der Selbstüberwachung verfügbar gemacht werden kann. Posen und Bewegungsfolgen dienen in den Medien zur optimalen Vermittlung von Botschaften, besonders von Gefühlen. Es sind keine natürlichen, spontanen Emotionen. Traditionelle Formen der Freude (so es welche gibt) sind auch im privaten Bereich nicht mehr gefragt, es findet immer ein kleines Theaterspiel für das Foto oder das Video statt.

Die Gesichter von Menschen, die nicht wissen, daß sie beobachtet werden, haben etwas an sich, das verschwindet, sobald sich diese Menschen beobachtet fühlen. Wenn nicht bekannt wäre, wie Walker Evans seine U-Bahn-Photos gemacht hat (er fuhr mehrere hundert Stunden lang in der New Yorker U-Bahn, wobei die Linse seiner Kamera zwischen zwei Knöpfen seines Mantels hervorlugte), ginge aus den Fotos selbst eindeutig hervor, daß die im Sitzen aufgenommenen Fahrgäste, obwohl sie aus nächster Nähe fotografiert wurden, nichts davon wussten. Sie zeigten ihr privates Gesicht, nicht das Gesicht, das sie der Kamera präsentiert hätten.

„In der Hoffnung, auch ihrem eigenen Dasein endlich als Zuschauer beiwohnen zu können, raffen sich alle Beteiligten (an einer selbstinitiierten Videoaufzeichnung ihre Familienalltags) zu einsamen Glanzleistungen in der Darstellung von Familienharmonie auf. Man spielt Familie – und manchmal wird es dabei sogar eine.“

„Fotografieren heißt, sich das fotografierte Objekt anzueignen als ein Bruchstück der Welt. Kameras als Wunschmaschinen verwandeln die damit fotografierten Menschen in symbolisch besitzbare Objekte. Augenblicke werden überprüfbar, welche sonst einfach vorbei sind.“

Die Besitzergreifung durch die Fotografie geschieht, indem man das Bild als Ersatz einer Person oder eines Gegenstandes besitzt und durch das Herstellen einer Konsumentenbeziehung zu Ereignissen, die wir selbst erfahren haben oder die von anderen so erfahren wurde. Die Fotografie wird dabei als Information, nicht als Erfahrung angeeignet.

Durch ihre massenhafte Verbreitung demokratisiert die Fotografie das visuelle Wissen von der Welt. „…jede Erfahrung durch ihre Übersetzung in Bilder zu demokratisieren“, Bilder werden an die Stelle der Wirklichkeit gesetzt, Bilder, die meistens noch nicht einmal die eigenen sind, sondern aus Prospekten, Zeitschriften oder dem Fernsehen konsumiert wurden.

Die Fotografie dient auch als eine Abwehr von Ängsten (besonders bei der Fotografie der Touristen) ebenso wie als Instrument der Macht.

Es ist möglich, das Denken durch gestellte Bilder zu manipulieren, die Sachverhalte darstellen, die so nicht der Wahrheit entsprechen. Zum Beispiel wurde im Krieg gegen den Irak durch die Auswahl der Bilder eine saubere Perfektion des technischen Krieges simuliert.

Auch bekannte Pressefotos bleiben in der Erinnerung, sie zeigen markante Wendepunkte. Der gestellte Händedruck bei Torgau zwischen amerikanischen und sowjetischen Soldaten dient der Visualisierung eines Sachverhaltes in Metaphern und Symbolen.

„Fotografieren heißt Bedeutung verleihen“: Viele Fotografien in Zeitungen, Bilder im Fernsehen zeigen Bilder von Katastrophen. Bei Abbildungen in den Medien gibt es eine Konkurrenz des Schreckens, um Auflagen oder Einschaltquoten zu steigern. Dem gegenüber steht ein gewisser Voyeurismus beim Zuschauer. Bilder von grausamen Ereignissen (Krieg, Katastrophen) befriedigen die Neugier, und geben die Gewissheit, selbst verschont zu sein, woraus ein verstärktes Interesse resultiert.

Es macht sich Enttäuschung bemerkbar, wenn Menschen die Realität sehen, von welcher sie vorher Bilder gesehen haben. Bilder beunruhigen mehr, als das tatsächliche Erleben. Das liegt sowohl daran, daß Vorgänge gerade im Film auf Minuten verdichtet werden (während die realen Vorgänge Stunden oder länger dauern), als auch daran, daß Vorgänge nicht nur verdichtet, sondern auch reduziert werden auf das „interessanteste“ in der Absicht zu faszinieren oder zu schockieren.

„Stern: Und sie haben den Effekt, daß sie Politiker auf Trab bringen – siehe Sarajevo, siehe Somalia, siehe jetzt auch Ruanda.

Wickert: Das sagen die Rote – Kreuz – Leute auch. Goma war schon länger ein Problem, aber erst nachdem das Fernsehen darüber berichtet hatte, wurde es zum Thema für die Politiker.

Stern: Also reagieren Politiker nicht aufgrund einer ethisch – moralischen Grundhaltung…

Wickert: …wäre schön, wenn sie es täten.

Stern: …sondern weil die Menschen über die Bilder in den Medien erschrecken und Druck auf die Politiker ausüben?“

Mit anderen Worten: Fotografien und Filme in Massenmedien verbreitet, können neue Realitäten schaffen.

Die Wahrheit der Pressebilder ist heute mehr denn je in Frage gestellt. Denn durch die Möglichkeit der Bild- und Filmbearbeitung im Computer ist es möglich, z. B. Personen nicht nur wegzuretuschieren, sondern sie auch völlig „echt“ in Zusammenhängen oder an Orten zu zeigen, an denen sie nie gewesen sind. Bilder sind nicht nur auf Zelluloid speicherbar, sondern auch in Bytes und Bits im Computer. Damit wird es einfacher, Bilder zu machen und zu manipulieren, der Beweischarakter von Fotos wird reduziert.

Die Realität wird aber nicht nur durch Wort und Bild simuliert, sondern auch auf handfestere Weise. Es gibt nachgemachte Trendklamotten und Plagiate von Künstlern. Täuschend echt gefertigte Imitate aus Fernost, billige Rolex-Uhren, taiwanesische „echt Erzgebirger“ Räuchermännchen, alles wird angeboten und verkauft. Nicht echt, aber täuschend echte billige Kopien, um in einer Illusion zu leben, sich das alles leisten zu können. Hauptsache, das begehrte Zeichen (z.B. Krokodil) ist auf dem Imitat deutlich zu sehen, vor allem für die anderen. Denn reines Genießen ist unmöglich, jedes Genießen bezieht sich auf den Blick eines Dritten. Schon Don Giovanni bei Mozart hat die Aufzeichnungen in Leporellos Liste höher geschätzt als das Vergnügen selbst.

Überall wird von aufgedeckten Fälschungen berichtet. Ob es Hitler-Tagebücher sind oder Pseudointerviews mit Prominenten, in den Medien wird ebenfalls gefälscht. Unter dem Druck der Auflagenzahlen und Einschaltquoten, immer auf der Suche nach einer guten Story, kaufen sie alles, was sich halbwegs vernünftig anhört. Dabei gehen selbst seriöse Informationsanbieter manchmal in die Falle. Daß gerade die Medienwelt ein beliebtes Ziel von Fälschungen ist, erklärt sich aus der Marktsituation. Ihr Geschäft ist der Handel mit Informationen. Wie gut die sind, läßt sich nur schwer objektiv feststellen. Vielmehr bestimmt sich ihre Güte nach Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Verläßlichkeit, Brauchbarkeit oder Aktualität. Weiche Faktoren, welche nicht leicht zu überprüfen sind.

Durch die Masse an Information ist eine Kontrolle auch kaum noch möglich. Medienmacher sind, genau wie die Konsumenten, der Flut von Information und Desinformation ausgeliefert

Durch die Überzeugungskraft von Bildern wird eine zweite, eine künstliche Wirklichkeit etabliert, welche vor die eigentliche, die faktische Wirklichkeit geschoben wird. Fotografie besitzt genauso wie Film oder Fernsehen, als reproduzierbares Medium, Massencharakter.

Es gibt die Tendenz, diese Bilder nicht mehr in Frage zu stellen, alles nur noch anhand von Bildern, die bereits im Kopf sind (und sehr viel Ähnlichkeit mit Stereotypen und Vorurteilen haben) zu sehen. Entweder wird übersehen, was nicht in’s Schema paßt oder es wird versucht, die Wirklichkeit anzupassen. Das möchte ich mit zwei Beispielen belegen.

In der durch Massenmedien simulierten Wirklichkeit nehmen uns ausländische Arbeitnehmer die Arbeitsplätze weg, sind kriminell, dreckig, faul… Der einzig real wahrnehmbare ausländische Arbeitnehmer ist Ali, der „Alibitürke“. Bei dem stimmt das nicht. Er ist fleißig, wäscht sich andauernd und bringt sogar das vergessene Portmonnaie hinterher. Es entsteht ein Sprung zwischen der erlebten Realität und der simulierten Realität. Doch die simulierte Realität ist stärker, denn dann trifft das Vorurteil eben für alle anderen ausländischen Arbeitnehmer, außer dem Ali, zu.

Bilder aus einem Slumviertel, die nicht in das Image einer Stadt paßten, hatten zur Folge, dass das Viertel abgerissen wurde, aber nicht, dass den Bewohnern geholfen wurde, ein menschenwürdigeres Dasein zu führen. Das passierte in New York, nachdem Jacob Riis, ein Fotograf, Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Elendsviertel, Mulberry Bend, fotografiert und diese Fotos veröffentlicht hatte. Anschließend ordnete Gouverneur Theodore Roosevelt an, es abzureißen: Die Wirklichkeit der Stadt wurde nachgebessert, veröffentlichte Bilder veränderten die Wirklichkeit.

Durch die Bilderflut in den Massenmedien, die scheinbar keine Informationslücken läßt, wird die Phantasie der Betrachter nicht mehr benötigt.

Wo das Buch und der Film über die Lücken in den symbolischen Texturen funktionieren, mit Hilfe des Unausgesprochenen, welches erst von der individuellen Phantasie in Szene gesetzt wird, besetzen die Bilder in den Medien die Einbildungskraft durch die Verfügbarkeit aller Bilder.

Und um zurück zur Blogparade von Ulrike zu kommen, für die jetzt dieser Text gedacht ist: Authentisches Reisen gibt es nicht. Es findet in unserem Kopf statt, in unserer eigenen Wirklichkeit – und ist immer das, was wir selbst dafür halten.

Auf alten Wegen unterwegs

Wozu brauchen Menschen Wege?

Vielleicht wollen sie die Nachbarn im nächsten Dorf besuchen oder einmal über den Hügel schauen – um zu sehen, was für eine Welt sich hinter diesem befindet. Alte Wege wurden nicht von Verkehrsplanern angelegt, sondern entstanden ganz von selbst, so wie die Trampelpfade im Park: Dort, wo es sich bequem gehen lässt, dort wird gegangen, geritten und gefahren.


In seinem Buch „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“ beschreibt Hansjörg Küster, wie einst die Wege entstanden, auf denen die Menschen noch heute unterwegs sind. Er erklärt die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, die uns heute so scheint, als sei sie schon immer so gewesen. Das Buch war für mich insofern spannend, da mir bis dahin nicht klar war, dass ja die Hohlwege, wie sie in vielen Mittelgebirgen und Wäldern vorhanden sind, sich nur selten aus einer Laune der Natur heraus gebildet haben, an Grabenbrüchen beispielsweise, sondern im Lauf der Zeit durch Karrenräder geformt wurden.

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Römerstraße in Cordoba.

Während die Römer Steinwege anlegten, auf denen sie nicht nur ihre militärischen Einheiten, sondern auch Waren und Güter schnell befördern konnten, blieben alle anderen Wege unbefestigt. Manche sind es bis heute und verbinden Orte durch Feld-, Wald- und Wiesenwege. Bin ich selbst unterwegs, ärgert es mich manchmal, wenn die Wege fast unpassierbar sind, nur weil Traktoren oder andere Maschinen auf ihnen fuhren und tiefe Spuren hinterließen. Dabei dürfte das früher nicht anders gewesen sein: Ochsen, Pferde und Karrenräder gruben sich immer tiefer in die Erde, Pferdehufe und Wagenräder wühlten den Schlamm auf, sorgen für metertiefe Rillen, die sich im Lauf der Zeit immer tiefer in den Löß hineinfrästen. So entstanden Hohlwege, die bis heute existieren.

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Ein typischer Hohlweg im Wald

Dieser Hohlweg beispielsweise liegt in Franken und führt zu einer Anhöhe, auf der vier große Linden wachsen. Einst soll dort eine Richtstätte gewesen sein, sagte die Tafel, die bei den Bäumen stand. Als der Rest des Hügels noch unbewaldet war, konnten die Linden sogar von Nürnberg aus gesehen werden, heißt es dort.

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Rinne im Stein: Ein alter Weg.

Entlang der Wege, die in vielen Fällen oben auf den Kämmen der Berge führten, wurden Burgen gebaut, zunächst zur Sicherung des Handels, später auch zum Raub der Güter. Pfalzen entstanden als Herbergen für Könige und Kaiser, jeweils eine Tagesreise voneinander entfernt. An flachen Stellen ließen sich Flüsse überqueren, dort siedelten sich Menschen an. An unterwegs errichteten Kapellen beteten die Menschen zum Heiligen Georg, dem Schutzpatron der Reiter und dem Heiligen Leonhard, Schutzpatron der Fuhrleute.

War der Untergrund felsig, gruben die Räder der Karren tiefe Rillen in den Stein.

Bis in die Neuzeit hinein gab es unterschiedliche Wegenetze, die unabhängig voneinander existierten und nicht immer auf den gleichen Wegen führten und für den Handel, die Pilgerreise, Viehtrift und als Heeresstraßen dienten.

Für den Daily Post nach vorne geholt.

Das ist mein Beitrag zum Projekt 52 bei Frau Mondgras, der Klick auf den Link führt zu den anderen Teilnehmern.