Ins Blaue reisen…

Nein, nicht ins Blaue, sondern ins Grüne – oder manchmal auch ins Weiße.
Dabei werden die Zehen kalt und die Finger auch.
Wer kam auf die Idee, ins Blaue zu sagen? Dabei stehe ich bei einer Reise doch mit den Füßen auf braun, schwarz, grau, grün, Erde, Steinen, Gras, Asphalt, Holz, aber blau? Blau ist die Straße nicht und gehen ist mühsam: Einen Schritt nach dem anderen, einen Fuß vor den anderen setzen und das nicht nur fünffach, hundertfach, sondern dreimillionensechshundertachtundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundneunzigfach.
Es scheint endlos, den Zweitakter gibt es dazu gratis im Kopf: ü – ber sie – ben Brük – ken musst du ge – hen.
Dann werden die Brücken geräumt und die Schienen übereinander gelegt und in welcher Farbe werden die Flüge gestrichen? Weil Eis an den Flügeln ist, werden die Flieger zu schwer, können nicht abheben, mit den Flügeln schlagen, auf Watschelfüßen rennen, bis die Geschwindigkeit groß genug ist fürs Abheben, fürs Fliegen.
Die Geschwindigkeit ist um jeden Preis zu halten – sonst droht der Absturz.
Aber selbst bei der finalen Landung gibt es einen Trost: Der Getränkewagen kommt noch einmal vorbei.
Ins Blaue geht es dann auch nicht.
Blau wird vom Himmel herunter gelogen, doch wohin?
Wo lande ich?
Reisen: Endlos unterwegs sein, niemals ankommen. Ewig Neues sammeln, selbst in der Banalität des Alltags ständig Neues entdecken, selber entdecken, selber sehen, staunen dürfen. Darüber, wie eine Spinne aus einem Wassertropfen trinkt, darüber, wie schön die schmierigen und stinkenden Algen im Eis sind, welches den bunten Blumentopf gesprengt hat.
Wunschzettel 092
Aber blau ist auch da nichts.
Blau. Blau machen, blau sein, blau anlaufen. Alles Wege ins Blaue, in die Illusion, dass es woanders blauer wäre. Doch das wahre Blau ist in mir, in meinen Träumen, in meinen Wünschen, in meiner Phantasie.
Aus diesem Grund laufe ich wirklich los, gehe durch Wald und Feld und Flur, nein, erst in den Flur: Dort ziehe ich Jacke und Schal und Mütze und Handschuhe oder Regenjacke oder Sonnenhut an, dann geht es raus.
Blau ist kalt, sind kalte Farben, Forelle blau, blaue Zipfel oder Karpfen blau, der alle unsere Geheimnisse kennt und sie zu Silvester ausplaudert.
Oder warum gehst du los, ins Blaue hinein?
Wunschzettel 088

Postkarte aus Wolfenbüttel

Wachsam und mahnend schauen mich die Fachwerkhäuser rund um den Wolfenbütteler Rathausplatz an. Schlafen die nie?

Der Herzog steht müde auf seinem steinernen Sockel, aufs Pferd gestützt, das ebenfalls den Kopf hängen lässt.

Herzog in Wolfenbüttel

Leg dich doch schlafen!

Auf einem Giebel krächzt ein Rabe in der Dämmerung dreimal.

Zeit, zu gehen. Die Nachtraben wachen jetzt.

 

 

Wenn Samstags die Stände wieder auf dem Markt stehen, die Würstchen heiß duften, dann wachen die Fenster, eines neben dem anderen ist in jedem Gefach. Wacht wirklich hinter jedem ein eifriger Diener der Stadt?

Mahnend warnen die Inschriften über den Toren des Rathauses: Nicht mit falscher Waage zu wiegen, wollen Diebe, Gauner und Halunken schrecken.

Walpurgis auf dem Walberla

walberla 015Ich habe nur Männer auf dem Walberla getroffen. Nein, ganz stimmt das nicht. Ein Pärchen war auch auf dem Berg. Aber sie war bestimmt keine Hexe, sie war viel jünger als der Mann, dessen Hand sie hielt. Und um sich einen älteren Mann zu angeln, brauchen Frauen keine Hexenkräfte.

 

Aber sonst: Männer bauten die Zelte auf, stellten die Bänke in Reih und Glied und brüllten sich dabei so laut an, dass ich es von ganz weit weg noch hören konnte. Glücklicherweise waren sie fast fertig. Bald standen die Buden rund um die kleine Kapelle mit geschlossenen Klappen parat, damit zur Kirchweih am Wochenende auf dem Walberla alles pünktlich fertig ist. Weil ich dort vor einem Jahr schon war, ja, ich weiß, ich könnte auch jedes Jahr, trotzdem wollte ich dieses Mal am Vorabend des ersten Mai dort sein. Zur Walpurgisnacht, nein, nicht ganz: zum Walpurgisabend.

walberla 034Walburga. Seit dem 9. Jahrhundert wird ihr Fest am 1. Mai gefeiert, besonders in Eichstätt, dort, wo sie einst als Äbtissin im Kloster wirkte. Walpurgisnacht heißt die Nacht davor, es ist eine Nacht, in der Hexen feiern und Schabernack treiben, bis sie von der Sonne zurück in die Dunkelheit vertrieben werden. So wurden vorchristliche Riten praktischerweise umgedeutet und alle machten mit. Walburga selbst stammte übrigens ursprünglich aus England, so wie ihr Onkel Bonifatius, der durch das finstere und heidnische Germanien mit der Axt durch die Gegend zog und überall viele Donar-Eichen fällte, bis er schlussendlich von den Friesen erschlagen wurde. Aber das kann ich ganz gut verstehen, da oben an der platten Küste wachsen nun einmal nur wenige Eichen und die wurden wahrscheinlich gebraucht, um Boote für den Fischfang zu bauen. Wenn da einer kommt, und die so schnöde abholzt, dann werden die Friesen eben sauer.

Die Feldlerchen stiegen zuerst senkrecht aus dem Gras in den Himmel auf, stürzten sich zurück auf die Maulwurfshügel, die in der Wiese dunkle Haufen bildeten und pickten. Eine Goldammer saß schon auf oben der Bank, verzog sich aber schnell, als ich kam. Dabei wäre genug Platz für uns beide gewesen. Ich hätte ihr auch was von meinem Brot abgegeben, so ein paar Krümchen hätten der Goldammer bestimmt gereicht.

walberla 009Selbst der Straßenlärm von unten war hier oben kaum zu hören. Nur drei dunkelgrüne dicke Flugzeuge dröhnten über das Walberla mit ihren jeweils vier Propellern hinweg. Unten flogen die kleinen Schirmchen der Pusteblumen über die Wiesen hinweg, die in der Senke liegen, während ich vom Walberla zum Männla, dem Rodenstein, gehe.

 

walberla 039Auf dem Walberla selbst steht mir rund um die Kapelle einfach zu viel Zeug, da komme ich lieber noch einmal wieder, wenn die Buden weg sind und die Walburga allein und einsam auf Besucher wartet.

 

 

Zwei junge Männer schnauften die Treppe zum Rodenstein hoch und wollten auch noch ein Plätzchen auf der Bank: „Schön hier, müsste man eigentlich ein Gedicht darüber schreiben“, meinte der eine, setzte die Flasche mit seinem isotonischen Getränk an den Mund und trank, bis das Plastik knisterte. Der andere verglich das Walberla mit der französischen Marneschlucht und fand es schon einmalig. Die beiden zappelten und fanden keine Minute Ruhe, gingen auch bald weiter. Oder zurück, was weiß ich.

walberla 016Die Sonne färbte die Wolken, ging bald unter und ich ging wieder vom Rodenstein zum Walberla. So ohne Taschenlampe wollte ich nicht im Dunkeln über die rutschigen Wege steil bergab stolpern. Kurz bevor ich den Berg verließ, sprach mich noch jemand an, ein Mann, was sonst: Ob ich hier auf die Hexen warten würde. Doch, es kämen jedes Jahr Hexen mit Fackeln auf den Berg. Nur Feuer dürfe hier oben nicht sein, wegen Naturschutzgebiet und so. Die Mädchen aus dem Ort unten seien schon ganz aufgeregt, erzählte er und entschwand in Richtung Schlaifhausen.

Auf dem Weg nach unten kamen mir tatsächlich Frauen entgegen, ganz ohne Fackeln und Licht. Aber viele waren es nicht. Vielleicht ziehe ich mir im kommenden Jahr eine wärmere Jacke an, dann kann ich auch länger oben auf dem Berg bleiben und gucken, ob wirklich Hexen zur Walpurgisnacht auf das Walberla kommen, damit sie am Tag danach mit Kopfweh daheim bleiben, während die Menschenmenge zur Kirchweih am Walberla pilgert.