Der Geruch

Der GeruchWer sich selbst nicht riechen kann, wer sich nur erträgt, wenn er von Kopf bis Fuß parfümiert ist, der sollte nicht pilgern. Wie sehr sich der parfümierte Geruch von allem bereits in meinem Leben eingenistet hat, hatte ich bereits erfahren, als ich mit dem Zug durch Rumänien fuhr und den Eindruck hatte, alles riecht. Weniger nett ausgedrückt: Die Menschen um mich herum stanken. Fand meine Nase. Je länger ich in dem Land unterwegs war, desto weniger nahm ich es allerdings wahr. Was ich allerdings alles roch, als ich wieder zurück in Deutschland war, fand ich sehr bemerkenswert: Alles, was uns umgibt, ist parfümiert und riecht danach, ob die Wäsche, die Haare, die Läden, einfach alles. Auch das habe ich nach einer Weile nicht mehr so intensiv wahrgenommen. 

So ist es auch beim Pilgern: Ich laufe, bin unterwegs und mit meinem Rucksack bepackt. Dabei schwitze ich – und das ist ganz normal. Aber nicht überall gibt es für die Pilger ein Hotel oder eine Pension, in der ich bei der Ankunft ausgiebig duschen kann. Manchmal bekam ich auch nur ein Eckchen, in dem ich meine Schlafmatte oder meinen Schlafsack ausrollen kann. Das ist völlig normal und dafür schleppe ich den Kram ja auch mit. Gibt es also den Schlafplatz im Jugendraum des Pfarrhauskellers oder auf dem Spielteppich im kirchlichen Gemeindehaus, dann gibt es dort keine Dusche. Trotzdem konnte ich mich waschen: Mit Waschlappen und Seife und kaltem Wasser im Vorraum des Damenklos. Wie gut, dass ich beides, also Seife und Waschlappen, auch im Gepäck dabei hatte. 

Doch auch, wenn ich in einem komfortableren Quartier gelandet und abends eine warme Dusche genießen konnte: es hielt nicht so lange an. Denn am nächsten Morgen ging ich weiter und spätestens nach einer halben Stunde war mir so warm, dass ich den Pullover auszog und ihn zurück in den Rucksack stopfte. Auch wenn das Gras noch weißbereift unter den Sohlen knisterte. 

Schnell stellte ich fest, dass meine Nase entschieden empfindlicher wurde. Das betraf nicht meinen eigenen Geruch, den hatte ich ja den ganzen Tag um mich und an den hatte ich mich auch schnell gewöhnt. Aber den Duft der Dinge um mich herum, den nahm ich weitaus intensiver wahr: die Blumen, die blühenden Sträucher, den Raps, den Waldboden und auch die anderen Menschen, welche mir begegnet sind. Viele waren das nicht, die meiste Zeit des Weges lief ich völlig allein durch den Wald. Aber auch in den Ortschaften sah ich oft nur wenige Menschen. Am dritten Tag meiner Tour begegnete mir eine Gruppe junger Menschen im Wald. Den Duft nach Haarspray und verschiedenen Parfüms zog sich wie eine Spur hinter ihnen her und verflog erst ganz langsam. Es dauerte einige Zeit und viele Schritte, bis ich diesen Geruch nicht mehr in der Nase hatte, sondern alles wieder nach Waldboden und Pilzen roch. Für das Wild ist das von Vorteil: es riecht diese Duftnoten und kann sich rechtzeitig ins Unterholz verdrücken. Zumal bei dieser Gruppe, die mir im Wald begegnet war, die Ohren mit Musik verstopft waren und sie alles überbrüllend sich miteinander noch unterhielten. 

Dahingegen hoppelte ein Hase gemütlich auf dem Weg, den ich selbst kurz vorher entlang ging. Ich saß derweil auf einer Bank kurz vor der ehemaligen innerdeutschen Grenze, habe gerastet und gefrühstückt. Der hat mich weder gesehen, noch gehört oder gerochen.

Märzenbecher

Märzenbecher unter Buchen

Ein Märzenbecherteppich unter Buchen

Wie viele kleine Wölkchen, die sich auf dem ersten Grün niederließen, schweben im Frühling die Glöckchen der Märzenbecher über den Blättern, die ihrerseits dunkelgrün himmelwärts streben. Hellgrün leuchten die Tupfen der gerade erblühten Blümchen, die Tupfen, welche bereits kurz vor dem Verblühen sind, sind auch schon verblasst. Unter unbelaubten Buchen liegt, so weit man sehen kann, ein grüner Teppich mit weißen Märzenbecherglöckchenflusen drüber.

In vielen Gegenden von Deutschland blühen im März die weißen Kelche, die mit ihren Tupfen darauf wie kleine Elfenröckchen wirken. Manche Vorkommen werden von den Einwohnern wie ein streng gehütetes Geheimnis bewahrt, während anderswo die Wirte mit den Glöckchen werben. Wanderer und Märzenbechersucher müssen schließlich auch etwas essen. 

Im Niemandsland mitten in Deutschland, im Werra-Meißner-Kreis, in einem Ortsteil von Sontra, dort, wo sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht sagen und alle Menschen, die es können, weit weg ziehen, gibt es mitten im Wald eine Märzenbecherwiese. Wer hier wohnt, weiß, wo es lang geht: Es geht über grüne Wiesen hinauf in den Wald. Landschaft ist hier viel vorhanden, das ist aber auch alles. Wer Ruhe haben will, nur wenig Internet braucht und an vielen Stellen auch ohne Funknetz für das Taschentelefon sein möchte, der ist hier genau richtig.

Auf dem Weg zur Wiese mit den Märzenbechern stand einst ein Dorf: Als nach dem dreißigjährigen Krieg die Pest vorüber war, lebte niemand mehr von denen, die einst hier arbeiteten und wohnten. Im Lauf der Zeit zerfielen die Häuser, genau wie die kleine Kirche, deren Grundmauern noch lange erhalten blieben. Auf Luftaufnahmen, die vor fünfzig Jahren gemacht wurden, sind sie sogar noch zu sehen.

Einen Friedhof gab es in dem Ort – und von diesem erzählten mir die Frauen aus dem Nachbardorf eine Geschichte. Zwar gibt es auch den Friedhof inzwischen nicht mehr, auf dem die letzten Menschen bereits vor 300 Jahren beerdigt wurden, doch auf diesem Friedhof wuchs zwischen den versunkenen und überwucherten Grabsteinen eine kleine weiße Blume. Einst wünschte sich ein schwerkrankes Mädchen eine besondere, eine weiße Blume. Auf ihr Grab gepflanzt, sollte diese nur für sie wachsen. Die Blume wuchs und blühte, jahrhundertelang.

Grub jemand die Blume mit einem Teil ihrer Wurzeln aus und wollte, dass sie bei ihm im Garten wachsen möge, ging die Pflanze ein. Obwohl so lange dort keine Menschen mehr wohnten und alles zerfiel, erinnern sich die alten Leute aus den umliegenden Dörfern immer noch an das kleine Dorf und den Friedhof mit der weißen Blume. Als sie noch Kinder waren, spielten sie auf der Wüstung und dem alten Friedhof, fanden die Blume und bekamen die Geschichte dazu erzählt.

Seitdem durch die Flurbereinigung vor fünfzig Jahren die Grundmauern der Häuser und der Kirche ebenso entfernt wurden, wie die Überreste des Friedhofes, ist von der weißen Blume keine Spur mehr zu finden.